Der 1054-Kilo-Kürbis – «Crazy»

Der Zürcher Beni Meier hat zugeschlagen, sein Kürbis bricht den Weltrekord. Sein Geheimnis, sein Preisgeld, sein Kampf gegen die Amerikaner.

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Alle wollen wissen, ob er gut geschlafen habe. Ob er nervös sei. Sie klopfen ihm auf die Schulter und wünschen ihm viel Glück, als ob er sich demnächst auf ein Velo schwingen oder in den Ring steigen würde. Aber Beni Meier hat seine Arbeit längst getan. Heute kann er nur noch hoffen. Hoffen, dass nichts zerbricht. Dass die Waage jene Zahlen anzeigt, die er sich insgeheim erhofft.

Es ist Sonntagmorgen, 11 Uhr, und wir befinden uns an den Kürbis-Europameisterschaften im süddeutschen Ludwigsburg. Gabelstapler fahren durch den Barockgarten des Residenzschlosses und schleppen das Teilnehmerfeld heran, Riesenkürbisse, die wie dicke Diven auf den Zangen thronen. Dreizehn Exemplare aus acht verschiedenen Ländern hocken am Ende in einer Reihe im Kies und warten darauf, dass man sie auf die Waage legt. Willkommen an der Champions League im Gemüsebau!

Drei Kürbisse wie Kleinwagen

Der Zürcher Gärtner Beni Meier ist der heimliche Favorit der Veranstaltung. Denn in seinem Gewächshaus in Pfungen haben sich in diesen Sommer Dinge zugetragen, die in die Kürbis-Annalen eingehen: Der 30-Jährige hat dort drei Prachtexemplare gezogen. Schwer wie ausgewachsene Kühe, lang wie Kleinwägen. Zwei der Kürbisse haben in den letzten Wochen den Weltrekord gebrochen. Der erste mit 950,7 Kilo an einem Wettkampf in Berlin und der zweite mit 953,5 Kilo an der Schweizermeisterschaft in Jona. Das dritte Exemplar wurde aus strategischen Gründen ganz am Schluss geerntet: An den Europameisterschaften in Ludwigsburg ist seit acht Jahren eine Prämie ausgeschrieben für denjenigen, der an diesem Wettkampf den Weltrekord bricht. So wurde der dickste Kürbis zärtlich in Zellophan verpackt, auf Styropor gebettet mit dem Lastwagen hierhergebracht. Heute soll er seinen Züchter um 15'000 Euro reicher machen.

«Crazy», sagt der Belgier Jos Ghaye, als er die Konkurrenz aus der Schweiz sieht. Ghaye ist ein schlanker, graumelierter Herr, Lebensmittelverkäufer und nebenbei vierfacher Europameister im Kürbiswiegen. Aber mittlerweile hat der Belgier ein Problem: Die Wettkämpfer züchten von Jahr zu Jahr grösseres Gemüse, und dieses braucht immer mehr Platz.

«Wir wollen hier nicht die Welt retten»

Rekordhalter Meier bietet einer einzigen Pflanze 80 Quadratmeter, um sich auszubreiten. «Da kann ich nicht mehr mithalten, mein Gewächshaus ist zu klein geworden», sagt Ghaye, der jedes Jahr mit einem 20-köpfigen Team anreist. «Wenn ich Meier nächstes Jahr schlagen will, muss ich ein neues Treibhaus bauen.» Er lässt keine Zweifel daran, dass er das auch tun wird.

Mittlerweile ist es heiss, die Sonne brennt auf das Gemüse nieder und saugt das Wasser aus den Poren. Mehr und mehr Leute stehen am Geländer und schiessen Fotos, und irgendwann wird der erste Koloss mit einer Gurtenkonstruktion vom Gabelstapler hochgehoben und zur Waage transportiert. «Wir wollen hier nicht die Welt retten», beginnt der Speaker die Zeremonie. Hier gehe es um Spass. Dann bücken sich die Schiedsrichter unter den ersten Koloss und überprüfen, ob er nicht beschädigt ist. Das ist die eiserne Regel des Great Pumpkin Commonwealth: Gemüse mit Löchern und faulen Stellen fliegt aus dem Wettkampf, denn Betrüger könnten unbemerkt Wasser in die Kürbisse pumpen.

100 Tage vom Keim zum Monster

«Die sind alle ein bisschen verrückt», sagt Stefan Hinner, der Leiter der Kürbis­ausstellung, in deren Rahmen die EM stattfindet. Das meint er ganz liebevoll, man müsse halt besessen sein, sonst kriege man keinen so grossen Kürbis hin. 100 Tage lang will das Pflänzchen gepflegt werden, damit es zum Monster wird, das kostet Zeit und Geld. Ein junger Mann ist mit seinem Kürbis extra aus Slowenien angereist, er wird beim Wägen gelobt, weil das Gemüse so glänzt, als ob es ewig eingecremt worden wäre. Wie finanziert er sich die Wettkämpfe? «Das ist mein Hobby. Die einen gehen Ski fahren, die anderen haben halt Riesenkürbisse», sagt Janko Lovse.

Das Wort Hobby ist das einzige, das Beni Meier von seinen rund 30 europä­ischen Kollegen unterscheidet: Er ist gelernter Gärtner. Zusammen mit seiner Schwester betreibt er den Familien­betrieb in dritter Generation. Und das Wissen aus seinem Beruf gebe den Ausschlag, dass er zurzeit besser sei als seine Konkurrenten. «Alle fragen mich, ob ich einen Zaubertrank habe», sagt er. Doch er wende nur das Gärtnerhandwerk an: Kreuzung der richtigen Sorten. Auswahl der richtigen Pflänzchen. Richtige Dosierung des Düngers.

Züchter jubeln

«Ich erhalte Mails von Leuten aus der ganzen Welt, die Tipps von mir wollen», sagt Meier. Auch wenn die anderen Gärtner Konkurrenten sind: Es ist Ehren­sache, dass man die Samen der Siegerkürbisse untereinander austauscht, dass man seine Tricks verrät und den Kollegen hilft, ebenfalls grosse Dinger zu züchten. In Internetdatenbanken sind die Stammbäume der Kürbisse vermerkt, auf Foren wird diskutiert: So erklären die Züchter, wie das Rekord­gewicht in den letzten Jahren so stark ansteigen konnten. 1995 wog das schwerste Exemplar noch 500 Kilogramm. Heute sind wir mittlerweile beim Doppelten.

Und dann schwebt er endlich heran, der Koloss, zur Melodie von Final Countdown und in Zeitlupe. Diesmal stecken gleich sieben Männer ihre Köpfe darunter und checken, ob Beni Meiers Kürbis ganz ist. Denn letztes Jahr machten dem Züchter Temperaturschwankungen einen Strich durch die Rechnung: Der Kürbis, der mehr als eine Tonne wog, bekam einen Riss und wurde nirgendwo gewertet. Doch jetzt ist es so weit. Die Tragegurten sind entfernt, das Publikum zählt rückwärts und jubelt dann, als die Waage einen erneuten Welt­rekord anzeigt: 1054 Kilo, der erste amtlich bewilligte Tonnenkürbis der Welt. Schnell wird ein Schild daruntergehalten, das das Gewicht in amerikanischen Pfund anzeigt – seit Jahren liefern sich die Europäer und die Amerikaner einen Wettkampf um den ersten Kürbis, der schwerer als eine Tonne wiegt. Die Züchter jubeln, dass Beni Meier endlich das Kürbisland USA überholt hat.

Nächstes Jahr richtig gross

Aus einem einzigen Riesenkürbis könne man 3000 Liter Suppe kochen, sagt ein Teilnehmer. Stattdessen werden sie bis zum 2. November ausgestellt und dann geschlachtet, um an die Samen zu kommen. Beni Meier legt derweil das Preisgeld auf ein Sparkonto und nimmt die nächste Saison in Angriff. «Dieser Kürbis hier war süss. Aber nächstes Jahr will ich mal einen richtig grossen».

Erstellt: 12.10.2014, 22:51 Uhr

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