Ein filigraner Plan nach dem Hafenkran

Die Flussterrasse, wo der Hafenkran stand, inspiriert seit längerem Stadtplaner und Künstler. So auch den Zürcher Plastiker Jürg Altherr mit seiner «Organisation der Leere».

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Noch ein paar letzte Schiffshornstösse in Altstetten, dann ist die Aktion Hafenkran endgültig Vergangenheit. Doch nach dem Hafenkran wird es filigran, wenn es nach der Vorstellung des bedeutenden Zürcher Plastikers Jürg Altherr geht. Er hat seit langem ein Kunstobjekt vor Augen, das er genau für jene Flussterrasse beim Rathaus konzipiert hat, auf welcher der Hafenkran während etwa zehn Monaten gestanden hat. «Der Hafenkran hat den Platz besetzt,» sagt Altherr. «Mir geht es aber darum, diesen zentralen Ort auszuzeichnen und gleichzeitig nutzungsoffen zu lassen.»

Ein vierzehn Meter hohes, sechzehn Meter langes, filigranes Gebilde aus Stahl oder – als Provisorium – aus Holz soll der Limmatquai-Pavillon werden. Altherr nennt ihn «die Organisation der Leere». Die rundum durchlässige Konstruktion formiert sich je nach Standort des Betrachters immer neu. Sie lenkt den Blick nicht ab, sondern zieht ihn an. Weil sie den leeren Raum umfasst, bekommt dieser Gewicht. Und weil der Raum nicht möbliert wird, bleibt er luftig. Das Augenmerk auf Zwischenräume gehört zu Altherrs Hauptanliegen in der Städteplanung.

Kleines Himmelszelt

Der Künstler spricht von «Gebrauchs­skulptur» und verweist auf Max Bills Granit-Pavillon, der seit 1983 an der Bahnhofstrasse steht. Anfänglich umstritten, wird dieser heute auf der Website von Zürich Tourismus als «Ruhepol an Zürichs hektischer Bahnhofstrasse» bezeichnet. Auch Altherrs Pavillon wäre begehbar und bietet Sitzgelegenheiten. Zudem würde er das Pendant zum Lindenhof auf der anderen Flussseite werden, der den Blick in die Horizontale lenkt. Seine Skulptur verweist nach oben, in die Vertikale. Eine 2012 geschaffene Vorstudie betitelte er als «Kleines Himmelszelt».

Tatsächlich ist der Ort vor dem von Tilla Theus 1990 erstellten Rathaus-Café unscheinbar. Kaum glaubt man noch, dass hier bis vor kurzem der ausladende Hafenkran Platz hatte. Dabei ist hier eigentlich der Nabel Zürichs – besser der Bauch. Denn hier stand im Mittelalter nicht nur das Rathaus, sondern auch die «Metzg», das Schlachthaus. 1824/25 entstand hier ein Gebäudekomplex aus Hauptwache und Schlachthaus, der den ganzen Platz beanspruchte.

Er wurde 1866 durch die Fleischhalle ersetzt, die im Volk wegen ihrer architektonischen Extravaganz «Kalbshaxen-Moschee» genannt wurde. Sie wurde 1962 unter dem Motto «Freie Limmat» und gegen den Protest der Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau abgerissen. Dieser Arbeitsgruppe gehörten unter anderem die Architekten Werner Moser und Rudolf Steiger, der Schriftsteller Arnold Kübler und der Maler Ernst Morgenthaler an. Letzterer ist der Grossvater von Jan Morgenthaler, dem «Vater» des Hafenkrans.

Auf Baenzigers Spuren

Bald wurde klar, dass diese mit ihren Einwänden recht hatten: Die Bewegung «Freie Limmat» war über das Ziel hinaus geschossen. Am mittleren Limmatquai war eine städtebaulich unmotivierte Zahnlücke entstanden. Das sah Anfang dieses Jahrtausends auch die Stadt so: Sie schrieb einen Wettbewerb zur Gestaltung des mittleren Limmatquais aus, die der Architekt Ralph Baenziger gewann. Zu Baenzigers Gesamtkonzept gehörte, dort wo einst die Fleischhalle stand, ein grosser Platz mit einem architektonischen Abschluss. Und damit sind wir wieder in der Gegenwart – und bei Jürg Altherr.

Altherr sagt: «Ich baue auf dem preisgekrönten Wettbewerbsprojekt Baenzigers auf.» Dieser sah vor dem Rathaus- Café einen Glaskubus vor, der beispielsweise die zusammengewürfelten Gastrobetriebe auf der Rathausbrücke (Gemüsebrücke) hätte aufnehmen oder als «Zunfthaus» der Gesellschaft zu Fraumünster dienen können. Weil der Glaskubus im Gemeinderat und im Baukollegium umstritten war, brachte der Stadtrat die Neugestaltung des Limmatquais ohne Kubus vor das Parlament. Er kündigte an, den Kubus als Teilprojekt später zur Diskussion zu stellen. Das autofreie Limmatquai war 2006 realisiert, der Kubus wurde 2005 ad acta gelegt. Allerdings versprach der Stadtrat, dass die Gestaltung dieses Platzes im Zusammenhang mit der Gesamtsanierung der Rathausbrücke wieder zum Thema werde.

Wann und wie die Gesamtsanierung der Rathausbrücke erfolgen wird, ist im Moment noch nicht zu erfahren. Pio Sulzer, der Mediensprecher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, verweist auf Abklärungen über die Durchflussmenge bei der Rathausbrücke im Zusammenhang mit dem Hochwasserschutz. «Anhand dieser Informationen werden wir entscheiden können, was mit der Rathausbrücke zu tun ist.» Das Amt für Wasser, Energie und Luft werde Ende Juni zum Thema Hochwasserschutz informieren. «Erst dann können wir auch zur Rathausbrücke Stellung nehmen.»

Stadt: Kunst nicht vorgesehen

Wird dann ein ständiges Kunstobjekt auf der Rathaus-Terrasse wieder aktuell? «Wir sehen heute keinen Anlass, dort in ein neues Kunstwerk zu investieren», sagt Pio Sulzer. Das habe die Geschäftsleiterin der Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum Jürg Altherr auch mitgeteilt. Was diesen jedoch nicht abschreckt. Er hat es öfters erlebt, dass es mehrere Anläufe braucht, bis sich Installationen im öffentlichen Raum realisieren lassen. Und er hat dabei gelernt, dass es manchmal notwendig ist, beharrlich zu sein. So war er als ETH-Dozent in den Jahren 1979/80 anfänglich der Einzige, der daran glaubte, dass sich die Projektarbeit einer gewaltigen Wasserplastik in der ETH-Kuppel realisieren lässt. Sie hing drei Wochen dort direkt über der ETH-Bibliothek und begeisterte die Kunstwelt.

Der eben 70 gewordene Altherr sagte einmal: «Das Gute am Alter ist, dass man die Vollendung von Projekten erleben kann, die sehr viel Zeit brauchen.» So ging es ihm auch mit dem viel diskutierten balancierenden Turm, der per Volksentscheid nicht in der Hueb oberhalb von Wald stehen durfte. Er gehört nun der Stadt Uster, und Christian Zwinggi, der als Abteilungsleiter Präsidiales für die Kulturförderung zuständig ist, sagt: «Dieser Turm ist ein Werk im Schaffen des Künstlers, das Zeit braucht, bis es vollendet werden kann.» Er werde sehr glücklich sein, wenn der Künstler die Aufrichtung des Turms in Uster bald miterleben könne. «Denn dessen Bestimmung ist ja die Senkrechte.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 21:17 Uhr

Jürg Altherr, Plastiker

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Nach dem Hafenkran wird's filigran

Nach dem Hafenkran wird's filigran Der Künstler Jürg Altherr möchte die Leere am Limmatquai organisieren. Die Stadt Zürich will nichts davon wissen. Noch nichts.

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