Ein linker Polizeidirektor macht dem anderen Mut

Was der frühere Zuger Polizeidirektor Hanspeter Uster dem neuen Zürcher Polizeichef Richard Wolff rät.

«Das Beste, was mir politisch passieren konnte»: Hanspeter Uster.

«Das Beste, was mir politisch passieren konnte»: Hanspeter Uster. Bild: Dominic Büttner

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vorurteile, Gespräche, Zusammenarbeit, Respekt: Über diese vier Stadien kamen sich in Zug zwei anfänglich unversöhnliche Parteien näher. Auf der einen Seite Hanspeter Uster, der linksalternative, vom Staat fichierte Aktivist und Anwalt, ehemaliger Hausbesetzer und marxistisch geschulter Intellektueller. Auf der anderen Seite das Kader im Zuger Polizeidepartement und mit ihm das Polizeikorps, das keine Lust bekundete auf einen Chef, der früher gegen Staatsgewalt protestiert hatte.

Es kam trotzdem gut heraus, zur beidseitigen Überraschung. Uster konnte das Vertrauen seiner Leute gewinnen, diese fühlten sich von ihm loyal vertreten. Er trat sein Amt im Januar 1991 an und wurde dreimal glanzvoll wiedergewählt. Seinem Departement blieb er 16 Jahre treu und kehrte auch nach dem Attentat vom 27. September 2001, bei dem er schwer verletzt worden war, für eine weitere Legislatur zurück.

Am Anfang widerwillig

Zug und Zürich, der bürgerlich dominierte Finanzkanton und die rot-grün regierte Stadt: Sie haben wenig gemeinsam. Anders der ehemalige Zuger und der künftige Zürcher Polizeivorsteher. Beide politisieren deutlich links der SP, beide wurden als Vertreter einer Kleinstpartei in die Regierung gewählt, beide übernahmen das Departement gegen ihren Willen, beide sahen bzw. sehen sich starken Vorurteilen ausgesetzt. Und beide haben einen Auftritt, der nicht zur Radikalität ihrer Politisierung passt.

Was Richard Wolff (AL) noch nicht wissen kann, sagt ihm Hanspeter Uster voraus: wie sehr ihm die Arbeit in diesem Amt gefallen könnte. Wie sein Zürcher Kollege habe auch er enttäuscht auf die Departementszuteilung reagiert, erinnert er sich. «Heute kann ich sagen: Es war das Beste, was mir politisch passieren konnte. An keinem anderen Ort hätte ich so viele gestalterische Möglichkeiten gehabt wie im Sicherheitsdepartement.» Zumal das Stadtzürcher Polizeidepartement weit mehr umfasse als die Polizei, nämlich auch Sanität, Feuerwehr und die Verkehrsabteilung.

Uster hatte bei Amtsantritt nicht nur eigene Vorurteile zu überwinden, er musste gegen alle anderen bestehen. Erstaunlicherweise sieht er darin einen Vorteil: «Wer mit so wenig Erwartungen und so vielen Befürchtungen konfrontiert wird, gewinnt von Anfang an, wenn er korrekt auftritt und offen auf die Leute zugeht.»

Die Polizisten staunten

Das Miteinanderreden: eine Schweizer Beschwörung, ein Mythos und ein Ritual. Wolff hat Gespräche mit der Stadtpolizei schon angekündigt, Uster findet diese Priorität richtig, ja unerlässlich. Und zwar unabhängig von der politischen Überzeugung.

Doch nur wer sich für die Leute, ihre Arbeit und Probleme wirklich interessiere und nicht bloss einmal auftauche, werde ernst genommen; alles andere würden die Leute sofort merken. «Kader und Korps reagierten höflich und anfänglich zurückhaltend auf meine Besuche», erinnert er sich, «andere sagten mir, in den letzten 30 Jahren habe sich kein einziger Polizeidirektor in ihrem Büro gezeigt und sich für ihre Arbeit interessiert».

Gute Behandlung als Garantie

Dabei sind die Probleme offensichtlich: Die Polizei ist überlastet und unterdotiert, der Nachwuchs schwer zu rekrutieren; das Image ist schlecht, die Arbeitszeit unregelmässig und hart, der Beruf anstrengend, belastend und gefährlich. «Die Polizei muss für andere Probleme lösen», entgegnet Uster; «die Gesellschaft überfordert sie mit Ansprüchen und bringt ihr immer weniger Respekt entgegen».

Die Erfahrung lehre, dass Polizisten umso besonnener und zugänglicher vorgehen, je besser sie selber behandelt werden. Das zu garantieren, gehöre zur wichtigsten Aufgabe eines Polizeidirektors. Und noch ein Gemeinplatz: Um sich als Linker in einem konservativ denkenden Departement zu behaupten, sagt Uster, müsse man das Geben und Nehmen praktizieren. Also das Kader unterstützen, wenn es mehr Ressourcen brauche, zum Beispiel mehr Leute für Sondereinsätze, bei Demonstrationen und Fussballspielen. Oder wenn es bei unbeliebten Einsätzen kritisiert werde, sich aber korrekt verhalten habe.

Als Jurist im Vorteil

Im Gegenzug habe er seine Leute für Themen wie Wirtschaftskriminalität sensibilisieren können, für einen konsequenten Einsatz gegen angetrunkene und zu schnelle Autofahrer. Ausserdem habe er eine Umweltpolizei installiert. «Solche Themen kann man nur dann implementieren, wenn sie dem Kader einleuchten», glaubt er. «Als rhetorisches Feuerwerk eignen sie sich nicht; sie mögen die Öffentlichkeit ein wenig blenden, die eigenen Leute bleiben völlig unbeeindruckt.» In Zug habe er bei der Polizei einen starken Willen gespürt, etwas gegen Wirtschaftskriminelle und Steuerprofiteure zu machen, das Problem sei eher das Parlament gewesen.

Hanspeter Uster kam entgegen, dass er sich schon als Anwalt mit dem Straf- und Verwaltungsrecht beschäftigt hatte. Bei Differenzen mit dem Kader konnte er mit juristischen Argumenten von einer politischen Lösung überzeugen. Diesen Vorteil hat Richard Wolff nicht. Aber dafür habe er ja seine Leute im Departement, sagt Uster, «und es kann von Vorteil sein, nicht alles gleich juristisch zu sehen». Wichtiger sei einfach eine methodische Arbeitsweise; und darüber verfüge Wolff aus seiner bisherigen Tätigkeit sicher.

Lecks gibt es immer

Im Sicherheitsdepartement herrscht eine konservative, das heisst hierarchische Führung, es gilt der Dienstweg. Das habe den Vorteil, sagt Uster, dass Entscheide umgesetzt würden. Nur entbinde das den Direktor nicht davon, seine Leute zu überzeugen. «Mit Befehlen schafft man sich Gefolgschaft, aber keinen Respekt.» Am besten sei ihm die schwierige Rückführung der kosovarischen Flüchtlinge am Ende des Balkankrieges in Erinnerung. «Ohne dass ich das anordnen musste, führte das Kader von sich aus Gespräche, statt eingeschriebene Briefe zu verschicken.» Mit dem Resultat, dass sein Kanton besonders viele Flüchtlinge zur freiwilligen Rückkehr habe bewegen können.

Zum Respekt gehört Loyalität, und diese gründet auf der Transparenz. «Man soll intern klar und kohärent informieren», sagt Uster. «Je heikler ein Dossier, desto höher das Risiko, dass es öffentlich wird.» Schon deshalb müssten alle internen Papier so abgefasst werden, dass alle dazu stehen könnten.

Durch einen Zufallsentscheid sei er mit einem Thema konfrontiert worden, das seine ganze berufliche und politische Laufbahn geprägt habe: die Sicherheit. Für Hanspeter Uster bleibt sie ein hohes Gut. Als Schutz vor Kriminalität und Gefahr – und als Schutz vor der Willkür staatlicher Gewalt. Und mittendrin der Polizeidirektor.

Erstellt: 22.05.2013, 07:25 Uhr

Der besonnene Berater

Hanspeter Uster
Der 55-jährige Anwalt und Politiker hat viel erlebt. Als Vertreter der extremen Linken wurde er 1991 zum Regierungsrat gewählt und amtete 16 Jahre als Polizeidirektor, wobei er sich durch sein Auftreten und seine Kompetenz Respekt verschaffte. Er leitete die Zusammenlegung der städtischen und kantonalen Polizei und verstärkte den Einsatz gegen die Wirtschaftskriminalität.

Im September 2001 wurde Uster vom Zuger Attentäter schwer verletzt und brauchte lange, um sich auch psychisch zu erholen. Seit seinem Abgang aus dem Regierungsrat arbeitet er als Berater, Experte, Autor und Aufsichtsperson für nationale und kantonale Gremien. Er publiziert und doziert regelmässig. (jmb.)

Artikel zum Thema

Der Wolff in der Falle

Stadtblog Eine Fabel aus dem Stadthaus. Mit dabei: Die roten SP-Füchse, die grünen Frösche, die schwarzen SVP-Wachhunde, die verschlafenen FDP-Bären und die drei kleinen Schweinchen in der Binz. Mehr...

Wenn ein Alt-80er Polizisten vereidigt und Soldaten verabschiedet

Bereits vor 100 Jahren musste in Zürich ein Ultralinker gegen seinen Willen die Polizei führen. Das führte zu dessen Verhaftung und Versetzung. Was Richard Wolff im Polizeidepartement erwartet. Mehr...

Alternativer wird Zürichs Polizeichef: «Sie müssen das einfach akzeptieren»

Überraschende Verteilung der Ämter in der Zürcher Stadtregierung: Der alternative Wolff erhält die Polizei, Daniel Leupi von den Grünen übernimmt die Finanzen. Beide wollten andere Posten. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...