Ein neuer Blick auf die Chagall-Fenster

Mit einer neuen DVD zum Fraumünster bringt Pfarrer Niklaus Peter dem Publikum Geschichte und Schätze des Gotteshauses nahe. Herzstück sind Chagalls Glasfenster.

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Täglich strömen Touristen ins Fraumünster, um die Glasfenster von Marc Chagall zu bewundern. Fast täglich lassen sich auch Schulklassen und Konfirmanden durch das berühmte Gotteshaus führen. Zur Vor- oder Nachbereitung bietet ihnen Fraumünster-Pfarrer Niklaus Peter jetzt eine Sehhilfe in Form einer DVD an. Statt nach der unlängst beendeten Innenrenovation des Fraumünsters ein Buch vorzulegen, hat er einen Film mit 31 Minuten Spielzeit konzipiert, der auch als Lehrmittel geeignet ist.

Virtuelle Reise durch die Kirche

Die DVD zeigt mit animierten 3-D-Modellen, wie sich die Kirche über die letzten zehn Jahrhunderte baugeschichtlich entwickelt hat. Gut verständlich führt Peter, seit vier Jahren Pfarrer am Fraumünster, in die Kirche ein, die 853 von König Ludwig dem Deutschen gestiftet wurde und im Laufe der Geschichte immer wieder Neuerungen erfahren hat. Die Überführung der Reliquien der Stadtheiligen Felix und Regula im Jahr 950 brachten dem Fraumünster einen grossen Prestigegewinn. In der Reformation wandelte sich die Klosterkirche zur Predigtkirche. Erst 1912 wurde das Gotteshaus mit einem neugotischen Portal zur Bahnhofstrasse hin geöffnet. Auf einer virtuellen Reise ins Innere des Fraumünsters verweilt der Betrachter bei ausgewählten Kunstwerken und Grabmälern, zum Beispiel beim Giacometti-Fenster oder bei der Grabplatte des 1489 hingerichteten Zürcher Bürgermeisters Hans Waldmann.

Das Herzstück der DVD bilden selbstredend die Chagall-Fenster im Chor. So berühmt sie auch sind, über ihre Entstehungsgeschichte weiss die Öffentlichkeit wenig. Niklaus Peter hat dazu auf die Autobiografie und das Archiv seines Vorvorgängers Peter Vogelsanger zurückgegriffen und Interessantes zutage gefördert: Nachdem ein Gestaltungswettbewerb mit Schweizer Künstlern gescheitert war, fragte Pfarrer Vogelsanger 1967 Marc Chagall brieflich für die Gestaltung der Glasfenster an. Ein halbes Jahr später weilte der jüdische Künstler überraschend in Zürich und sagte, nach Rücksprache mit einem Rabbiner, zu. Aus den sechs ganz unterschiedlichen Vorschlägen Vogelsangers fertigte Chagall eine «malerische Sinfonie aus biblischen Bildern», heisst es auf der DVD.

DVD dem Organisten gewidmet

Dafür erhielt der weltberühmte Maler gerade mal 150'000 Franken. Die Herstellungskosten betrugen nochmals 195'000 Franken. Den gesamten Betrag stiftete das Bauunternehmerehepaar Lou und Heinrich Hatt-Bucher. 1970 wurden die Fenster im Beisein Chagalls eingeweiht. Acht Jahre später gestaltete der 90-Jährige dann noch die Fensterrosette im südlichen Querschiff.

Niklaus Peter, Theologe, Prediger und Publizist aus Leidenschaft, legt grossen Wert auf eine stimmige theologische Interpretation der fünf Glasfenster: Dem Zoom von der Ganzansicht ins Detail folgend, erklärt er auf der DVD jedes Fenster einzeln: das rote Prophetenfenster, das blaue Gesetzesfenster, das Jakobsfenster mit der Himmelsleiter, das goldgelbe Jerusalem- oder Davidsfenster. Auf dem Christus-Fenster in der Mitte hat sich Chagall auch selber verewigt. Dass der Künstler auf dem Zentralfenster Weihnachten und Karfreitag darstellt, jedoch auf Ostern, die Auferstehung, verzichtet, deutet Peter nicht etwa mit der jüdischen Herkunft Chagalls. Anders als die meisten Interpreten nimmt er an, dass Chagall die Überwindung des Todes für nicht darstellbar hielt und sich mit indirekten Hinweisen in den anderen Fenstern begnügte.

Orgelmusik begleitet den Parcours um und durch das Gotteshaus, gespielt vom Fraumünster-Organisten Alex Hug. Dem Musiker, der pensioniert wird, ist die DVD gewidmet, die auch auf die Fraumünster-Orgel und ihre Geschichte eingeht. Der von den Firmen Raum und Bild und Cavegn Media Design realisierte Film hat eine deutsche und eine englische Tonspur.

Die DVD ist am Verkaufsstand im Fraumünster für 32 Franken erhältlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2008, 07:50 Uhr

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