Einbrechen für eine Flasche Wein

Zürichs Familiengärten leiden unter Einbrüchen und Diebstählen. Jüngstes Beispiel: Der Juchhof. Pächter vermuten, dass Profi-Einbrecher die Gartenhäuschen als Testobjekte benutzen.

Im Winter wird besonders oft eingebrochen: Familiengarten in Zürich-Altstetten. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Im Winter wird besonders oft eingebrochen: Familiengarten in Zürich-Altstetten. Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Teil des Familiengartenareals Juchhof steht seit Ende Oktober leer. Die Pächter mussten ihre Parzellen räumen, weil der Bund hier eine neue Autobahnausfahrt baut. Seither deponieren Unbekannte in den Gärten Abfall. Andere plündern die verlassenen Gartenhäuser, die bald abgerissen werden, wie die Quartierzeitung «Zürich West» heute Donnerstag schreibt.

Das Eigentum, das aus den alten Häuschen entwendet wurde, wird kaum jemand vermissen – die früheren Besitzer haben es zur Entsorgung zurückgelassen. Grosse Sorgen bereitet den verbliebenen Pächtern jedoch, dass es die Plünderer nicht nur auf die verlassenen Parzellen abgesehen haben. «Auch dort, wo noch gegärtnert wird, verschwinden Tische und Stühle», sagt Bruno Zollinger, Vizepräsident der Familiengärten Juchhof. Manche Pächter spannen Absperrbänder oder Metallketten um ihre Grundstücke, um zu signalisieren, dass Unbefugte hier keinen Zutritt haben. Der Nutzen ist gering: Die Absperrkette eines Mieters haben die Diebe kurzerhand mitgenommen.

Diebe haben es auf Kupfer abgesehen

Der Juchhof ist mit solchen Problemen nicht allein. Fast alle Familiengärten der Stadt hätten mit Diebstählen und Einbrüchen zu kämpfen, sagt Rose-Marie Nietlisbach, Präsidentin des Familiengartenvereins Wipkingen. Die meisten Vorfälle ereignen sich im Spätherbst und Frühwinter, wenn die Gartensaison vorbei ist und die Dämmerung früher anbricht. Ein Diebesgut sei in jüngster Zeit besonders gefragt: Kupfer. In Familiengärten ist das Metall häufig in Form von Dachrinnen oder Cheminée-Hüten anzutreffen. Wegen des stark gestiegenen Preises ist es für Diebe attraktiv geworden.

«Wir hatten dieses Jahr extrem viele Kupferdiebstähle», bestätigt auch Markus Peer, Präsident des Familiengartenvereins Juchhof. «Einmal hat ein Mieter an einem Samstag einen gestohlenen Kupferkännel ersetzt. Am nächsten Montag war er bereits wieder weg.» Die Schrebergartenbetreiber empfehlen ihren Pächtern darum, keine Vorrichtungen aus Kupfer mehr zu verwenden, sondern solche aus Blech.

Bei den meisten Einbrüchen ist jedoch nicht klar, worauf es die Täter abgesehen hatten. «Mal wird eine Flasche Wein geklaut, mal verschwinden Lebensmittel. Etwas Wertvolles ist selten darunter», sagt Peer. Werkzeuge und Inventar lassen die Einbrecher links liegen. Der Schaden an den Bauten ist in solchen Fällen um ein Vielfaches höher als der Wert der gestohlenen Waren. Einen besonders seltsamen Vorfall hat Nietlisbach in einem Familiengarten am Käferberg erlebt. Mieter fanden dort an einem Morgen Eierschalen und andere Essensreste vor ihrem aufgebrochenen Gartenhaus sowie Hinweise, dass der Gaskocher benutzt worden war. «Offenbar haben die Einbrecher ein nächtliches Picknick veranstaltet.»

Familiengärten als Testgelände für Profi-Einbrecher?

Warum jemand die Mühe und das Risiko auf sich nimmt, in ein Gartenhäuschen in einem Schrebergarten einzubrechen, ist für die Betroffenen oft ein Rätsel. «Den Tätern geht es nicht um das Diebesgut», ist Rose-Marie Nietlisbach überzeugt. Sie hat eine andere Erklärung: «Bei vielen Einbrüchen könnte es sich um Versuchseinbrüche von professionellen Diebesbanden handeln.» Diese würden so ihre Fertigkeiten trainieren, die sie dann bei Einfamilienhäusern einsetzten. Beamte der Stadtpolizei hätten diese Vermutung an einer Veranstaltung geäussert. Auch Markus Peer hält diese Hypothese für die wahrscheinlichste Erklärung.

Die Stadtpolizei Zürich will jedoch offiziell nicht bestätigen, dass Familiengärten Diebesbanden als Testgelände dienen. Das Einbruchsmotiv müsse in jedem Einzelfall separat abgeklärt werden, sagt Mediensprecher Adrian Feubli: «Tatsache ist, dass die Qualität der Sicherung eines Gartenhauses nicht mit der eines Einfamilienhauses vergleichbar ist.»

Investitionen in Sicherheit lohnen sich nicht

Die Mieter der Familiengärten versuchen mit verschiedenen Mitteln, Einbrecher abzuschrecken oder zu überführen. Manche installieren Kameras oder Bewegungsmelder. Auf den Kamerabildern seien die Diebe jedoch kaum zu erkennen, sagt Peer. Nietlisbach weiss von einem Fall, bei dem Einbrecher einen Bewegungsmelder zerstört haben. Die Investitionen lohnten sich nicht, sagt die langjährige Hobbygärtnerin: «Je grösser die Sicherheitsvorkehrungen, desto grösser der Schaden bei einem Einbruch.» Peer hat darum einen radikalen Ratschlag für seine Pächter: «Am besten, Sie schliessen Ihr Gartenhaus gar nicht ab. Und vielleicht stellen Sie noch eine Flasche Wein auf den Tisch und hoffen, dass der Einbrecher damit zufrieden ist.»

Erstellt: 28.11.2014, 11:35 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...