Eine Bewährungsprobe für Richard Wolff

Der AL-Stadtrat steht an seinem ersten 1. Mai als Polizeivorsteher unter besonderer Beobachtung. Die bekannte Linksaktivistin Andrea Stauffacher ruft zur «antikapitalistischen Demonstration» auf.

Früher traf er am 1. Mai Freunde, diesmal wird sich Richard Wolff mit Polizisten in Kampfmontur umgeben. Foto: Reto Oeschger

Früher traf er am 1. Mai Freunde, diesmal wird sich Richard Wolff mit Polizisten in Kampfmontur umgeben. Foto: Reto Oeschger

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Die Zünfter feierten ihr Sechseläuten am Montag, für Richard Wolff findet das Sechseläuten morgen Donnerstag statt: In einem Interview mit dem «Tagblatt» bezeichnete der Polizeivorsteher den 1.-Mai-Umzug einmal als sein Sechseläuten. «Das ist für mich ein sehr wichtiger Anlass, eine Art Klassentreffen, bei dem ich alle Jahre wieder alte Bekannte und neue Freunde treffe.» Doch diesmal wird an Wolffs 1.-Mai-Klassentreffen nichts so sein wie bisher. Statt Freunde zu begrüssen, umgibt er sich mit Polizisten in Kampfmontur. Und er wird mit Polizeikommandant Daniel Blumer in der Kommandozentrale die Ereignisse verfolgen. Für beide ist es eine Premiere. Beim letztjährigen Umzug standen Kommandant Philipp Hotzenköcherle und Wolffs Vorgänger Daniel Leupi (Grüne) in der Verantwortung. Blumer schaute Hotzenköcherle damals über die Schultern.

Doktrin beibehalten

Wolff steht am 1. Mai unter scharfer Beobachtung der Öffentlichkeit. Erstmals muss ein Politiker, dessen Partei am linken Rand politisiert, für Ruhe und Ordnung sorgen. Im Anschluss an den Umzug randalierten in der Vergangenheit regelmässig Chaoten und der Schwarze Block an Nachdemos. Wolff hat im ­Januar den Schwarzen Block als eine «interessante Ergänzung» bezeichnet, die zur «Vielfalt und Buntheit der Meinungen» beitrage. Wolffs Mediensprecher Reto Casanova sagte später, die Aussage habe sich auf die politischen Inhalte bezogen, welche der Schwarze Block vermittle, nicht auf die Gewalt.

Gestern liess der Polizeivorsteher mitteilen, er freue sich auf einen teilnehmerstarken und bunten 1. Mai 2014. Er habe den Auftrag erteilt, den offiziellen Umzug und die Schlusskundgebung zurückhaltend zu begleiten, aber allfällige Nachdemos und Ausschreitungen nicht zu tolerieren.

Seit 2007 ist die Stadtpolizei mit dieser Taktik gut gefahren, grössere Eskalationen blieben aus. Auch Kommandant Blumer hat in einem TA-Interview bekräftigt, die bisherige Doktrin beizubehalten: «Wir bleiben deeskalativ, weil wir stark sind.» Die Polizei werde nur auftreten, wenn sie von kleinen Splittergruppen angegriffen werde oder wenn sich etwas zusammenbraue.

Stauffacher aus dem Gefängnis

Andrea Stauffacher, die seit den Siebzigerjahren für die kommunistische Revolution kämpft, könnte Wolff seinen 1.-Mai-Einstand verderben: Die 64-Jährige ist seit Ende April nach einem Jahr Gefängnis wieder auf freiem Fuss. 2013 wurde sie wegen «Gefährdung durch Sprengstoffe in verbrecherischer Absicht und Sachbeschädigung» verurteilt. Stauffacher wurde für Anschläge mit Knallkörpern auf das spanische Generalkonsulat sowie auf ein Zürcher Polizeigebäude in den Jahren 2002 und 2006 verantwortlich gemacht.

Sie werde am Nachmittag des 1. Mai zu einer «antikapitalistischen Demonstration» aufrufen, teilte die Linksaktivistin der «SonntagsZeitung» mit. Sie wolle denen eine Alternative bieten, die «keinen Bock auf die patriotischen und sozialpartnerschaftlichen Parolen der Gewerkschaften haben». Von Wolffs Politik, Gewalt am 1. Mai rigoros zu unterbinden, hält sie wenig. «Man kann nicht wie Wolff gegen den Kapitalismus sein und dennoch politisch Verantwortung dafür übernehmen.» Ob sie Wolff persönlich kenne, wollte sie nicht sagen. Das sei irrelevant.

Der «Revolutionäre Aufbau» schreibt auf seiner Website, Wolff sei mit seinem Amt als Polizeivorsteher «die Quadratur des Kreises aufgezwungen worden». Wolff kleide sich im «widerständischen Schafspelz», sei aber «nichts anderes als ein zahnloser Pudel».

Rat von Vorgänger Neukomm

Wie der AL-Politiker Wolff wurden früher auch SP-Vertreter bei ihrem 1.-Mai-Debüt als Polizeivorsteher misstrauisch beobachtet. Daran erinnert sich Robert Neukomm, der 1990 das Amt übernommen hatte: «Ich habe eine zurückhaltende Neugier der Öffentlichkeit verspürt.» Anfang der Neunzigerjahre sei das Image der Stadtpolizei Zürich im Nachgang zur Fichenaffäre etwas ramponiert gewesen.

Neukomm machte sich daran, eine bürgernähere Stadtpolizei zu schaffen. Sein Ideal war das Erscheinungsbild des englischen Bobby, des friedlichen Polizisten. Neukomm prüfte sogar am 1. Mai, einige Polizisten als Vermittler ohne Kampfmontur auf die Strasse zu schicken. Er mischte sich bei seinem ersten Einsatz als Polizeivorsteher am Tag der Arbeit unter die Teilnehmer der Nachdemo, suchte das Gespräch und versuchte zu vermitteln. Vergeblich. Später warfen die Demonstranten Steine, die Polizei feuerte Gummigeschosse ab. Im Folgejahr verlor bei einer Nachdemo eine Demonstrantin während eines Gummischroteinsatzes das Augenlicht. Der Anwalt des Opfers drohte Neukomm mit einer Strafanzeige wegen Nichteinhaltung der Mindest-Schussdistanz.

Der 1. Mai sei für die Stadtpolizei ­sicher «ein wichtiger Tag», sagt Neukomm. Die Erwartungen an die Stadtpolizei seien so gross, dass sich Enttäuschungen nicht vermeiden liessen. Sein Rat an Richard Wolff: Gelassenheit – auf die Stadtpolizei sei Verlass – und am Ende des Tages ein gutes Glas Wein.

Neukomms Nachfolgerin im Amt, Esther Maurer (SP), erlebte 1998 einen turbulenten 1.-Mai-Einstand. Andrea Stauffacher half damals mit, sechs im Vorfeld der 1.-Mai-Kund­gebungen verhaftete Personen von der Stadtpolizei freizupressen. Die Drohung: Ohne Freilassung würde der 1.-Mai-Umzug nicht losmarschieren können. Neukomm riet Maurer telefonisch dazu, nachzugeben, um schlimme Ausschreitungen zu verhindern.

Erstellt: 29.04.2014, 23:10 Uhr

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