Eine Brustwarze zu viel für Facebook

30 Tage lang kann die Zürcher Photobastei nicht auf ihre Facebook-Seite zugreifen. Grund ist ein geposteter TV-Beitrag über die neuste Ausstellung über Punk.

Die Fotografien von Sven Marquardt sind Facebook zu anstössig.

Die Fotografien von Sven Marquardt sind Facebook zu anstössig. Bild: Screenshot SRF

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Es sind etwas mehr als zehn Sekunden Film, ausgestrahlt in einem Beitrag des News-Magazins «10 vor 10» anlässlich der Punk-Ausstellung «Raw Power» in der Zürcher Photobastei. Die Kamera schwenkt über vier Frauen-Porträts, auf denen die Frauen mit entblössten Brüsten zu sehen sind, in Post-Punk-Ästhetik inszeniert. Fotografiert hat sie der Berliner Künstler Sven Marquardt in den 90er-Jahren.

Diesen Beitrag hat das Museum am Zürcher Sihlquai auf seiner Facebook-Seite am Mittwoch gepostet. Das war für die Social-Media-Plattform zu viel des Guten. Sie sperrt die Seite für die nächsten 30 Tage, wie das Museum am Donnerstag in einer Mitteilung schreibt. Posten, kommentieren, Messenger nutzen unmöglich. Das Museum hat gegen die Richtlinien verstossen. Halbnackte Menschen, entblösste Busen und Brustwarzen entsprechen nicht den Standards von Facebook.

Mit dieser Meldung hat Facebook die Photobastei informiert. Bild: Screenshot Photobastei

Die Facebook-Sperrung ist für die Photobastei ein herber Schlag. Über die Social-Media-Plattform macht die Institution Werbung in eigener Sache. Museumsdirektor Romano Zerbini sagt: «Es ist der wichtigste Kanal, um unsere Inhalte zu verbreiten.» Die Sperrung bedeute für den freien Kunstort einen massiven Einschnitt und die Gefährdung der Tätigkeiten.

Ein Gefühl der Ohnmacht

Museumsdirektor Zerbini ist bei Facebook schon schriftlich vorstellig geworden. «Ich habe nicht daran gedacht, dass Inhalte einer Nachrichtensendung, die im Schweizer Fernsehen gezeigt wurden, nicht den Richtlinien entsprechen», schrieb er. Er wäre auch bereit, den Beitrag auf der Seite zu löschen, würde die Seite wieder entsperrt. Eine Wiedererwägung des Entscheids oder Nachsicht hat die Plattform bisher abgelehnt. Zerbini sagt: «Wir fühlen uns machtlos und ohnmächtig.»

Die Szenen in diesem Beitrag gelten laut Facebook als Verbreitung von Gewaltdarstellungen. Quelle: SRF

Eigentlich hätte die Photobastei die Richtlinien von Facebook genau kennen müssen, lief sie doch schon einmal ins Messer. Für die Ausstellung der Fotokünstlerin Karin Szekessy machte das Museum Werbung mit einer nackten Muse. Das Museum postete damals einen Bericht des Züritipps, der wie dieser Kanal zu Tamedia gehört, auf der Plattform. Es gilt deshalb als Wiederholungstäterin in der Verbreitung «verbotener Nackheit».

Kein Statuen-Po

Romano Zerbini und andere Künstlerkreise werfen Facebook vor, nicht mehr zwischen Nacktheit und Kunst unterscheiden zu können. Zerbini sagt: «Facebook hat die Macht, die Brustwarze über die Kunst zu erheben.»

Ähnlich Erfahrungen hat auch der Kunstsender arttv gemacht. Kürzlich hat Facebook ein Bild mit einer antiken Statue mit einem nackten Männerpo abgelehnt, obwohl diese auf einem öffentlichen Platz in Italien steht.

Wer derzeit die Facebook-Seite der Photobastei aufruft, sieht das anstössige Video nicht mehr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.01.2019, 13:13 Uhr

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