Eine Expedition auf den Uetliberg

Mit historischen Wanderführern in der Tasche trifft man auf dem Uetliberg auf Drachen und Reisegesellschaften mit Sherpas.

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«Man muss immer wieder für ein paar Stunden von den Menschen und von sich selbst weggehen und wandern. Zu den einfachen, zu den ewigen Dingen. Dann verträgt man die Menschen und sich selber viel leichter. Dann wird man milder, geduldiger gegen die Narrheit des Andern und gegen die eigene dazu.» (Felix Salten (1869–1945)

So hebt der erste Zürcher Wanderführer an, den der Zürcher Sekundarlehrer Emil Erb im Jahre 1943 verfasste. Für das 1967 gestorbene Ehrenmitglied des Schweizer Alpen-Clubs (SAC) war in seinem pionierhaften Wanderbüchlein der Gedanke wegleitend, «den Wanderer auf bequemste und billigste Weise durch unsere städtischen Verkehrsmittel rasch an die Stadtgrenze bringen zu lassen». Von Endstation zu Endstation. Rot-grünes Zürich schon damals.

Das erste Zürcher Wanderbüchlein ist in der Ausstellung «Bergwelten» im Predigerchor der Zentralbibliothek Zürich ausgestellt. Sie zeigt einen Querschnitt durch den Bestand der weltweit grössten Alpenvereinsbibliothek. Anlass ist das 150-Jahr-Jubiläum des SAC. Doch was taugt Erbs «Auf Wanderwegen rund um Zürich» heute noch? Wir lassen uns von ihm führen. Und entscheiden uns unter den 13 Wandervorschlägen für den Klassiker: Route 2, Albisgrat-Felsenegg-Sihltal, 4 Stunden, (Fernziel: Aeugsterberg-Türlersee.)

Kaum gestartet, schon verirrt

Start Tramhalteendstation Albisgüetli: los. Und schon falsch. Wir finden die Wege, die Abzweigungen und Waldränder nicht. Es geht bergauf statt «auf dem mühelosesten Weg durch herrlichen Tannenwald». So verstossen wir bereits nach einer Viertelstunde gegen die Spielregeln und schauen auf das Navi. Zurück zum Start. Zum richtigen Start, denn die Endhaltestelle des 13er-Trams war anno 1943 beim heutigen Strassenverkehrsamt. Erb schreibt denn auch: Unteres Albisgüetli. Unser Fehler.

Neustart: Wir wandern auf dem Gänzilooweg in Richtung Höckler. Vorgegebenes Marschtempo 4,5 Kilometer pro Stunde, Zuschlag von 12 Minuten pro 100 Meter Steigung. Nun geht es tatsächlich mühelos, so dass wir neben dem Schnaufen auch noch Sinnieren können.

Darüber wie früher den Menschen die Bergwelt vorgekommen ist: als Einöde der Helvetier. So ist die erste gedruckte Schweizer Karte 1513 in Strassburg betitelt. Um jede Ecke konnte ein Drachen lauern, wie der frühe Aufklärer Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733) unter Augenzwinkern auf Bildtafeln festhielt. Es waren meist Ausländer, vorab junge, gut betuchte Briten, welche als Erste die Schönheit der Schweizer Berge entdeckten.

«Wer geht, der sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr als wer fährt… Ich halte den Gang als das Ehrenvollste und Selbstverständlichste in dem Mann und bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.» Johann Gottfried Seume (1763–1810)

Diese Worte zitiert Ernst Utzinger als Präsident der Zürcherischen Arbeitsgemeinschaft für Wanderweg im Vorwort unseres Wanderführers. Irgendwie erhaben. So schreiten wir eine Weile ehrenvoll, statt zu wandern, in der festen Überzeugung, dass der Herr Seume mit «Mann» heute auch «Frau» meinen würde.

Der Chorherr unterwegs mit Sherpa

Wir finden die von Erb angekündigte Abzweigung am Wald auf Anhieb und ziehen nun die 12 Minuten Steigezuschlag pro 100 Minuten ein. Mir geht Erbs Fussnote durch den Kopf, in der er aus einem Reisebericht auf den Uetliberg des Zürcher Chorherrn und Physikprofessors Salomon Schinz zitiert. Auch dieser Reisebericht ist in der Bibliothek des SAC zu finden: eine Expedition, bei der selbst die «Sherpas» nicht fehlten: «Bediente», welche für die Herrschaften Esswaren, Wasserkrüge und Instrumente trugen.

«Man sollte langsam steigen, auf den weniger gefährlichen Wegen zerstreut gehen, um die verschiedenen Pflanzen und Insekten ausfindig zu machen, in den mehr gefährlichen Fussteigen aber gesellschaftlich wandern, damit die Stärkeren den Schwächeren leichtere Hilfe leisten könnten. Nun stieg man; wie klopfte das Herz und wie schlugen die Hals-Adern (...)! An steileren Orten musste man sich mit den Händen anklimmen. Ein Teilnehmer sah einsmal in dieser Stellung Mitleid erweckend auf, jammerte mit unterbrechener Stimme: Worinn bin ich dann von einem Böckgen unterschieden? – als nur dass ich nicht blöcke.» Salomon Schinz, Junius 1774

Uns über die Jahrhunderte in bester Gesellschaft wissend, seufzen wir allenthalben, wobei zu sagen ist, dass die Schinz'sche Wandergruppe gleichzeitig ihre Botanisierbüchsen füllte und massenweise Insekten sammelte, die in dem Büchlein säuberlich aufgelistet sind. Nach Flora und Fauna stand dem Sekundarlehrer Emil Erb offenbar weniger der Sinn. Uns auch nicht. Wir haben uns nämlich wieder verirrt.

Doch da – die Fallätsche!

Bis «unmittelbar nach Überschreiten des Steges über die Holzschleife und die Bachverbauung» sollen wir aufsteigen, schreibt Erb. Zeitangabe 30 Minuten. Längst vorbei. Was ist überhaupt eine Holzschleife? Und kein gelber Wanderwegweiser weit und breit, was allerdings authentisch ist: Die waren nämlich zur Zeit, in der Erb das Wanderbüchlein rekognoszierte auch weg, damit kein Feind den Weg auf den Albisgrat findet. Wir, obwohl Freund, finden derzeit weder Wegweiser noch Weg.

Doch da – die Fallätsche! Ohne Steg und Bachverbauung, und wahrscheinlich auch ohne Holzschleife, sehen wir vorne die Fallätsche und stehen tatsächlich kurz darauf auf dem Gratweg. Anmerkung Erbs zur Fallätsche: Hier könne man wie nirgends in der Umgebung die Erosionstätigkeit beobachten. «Im Laufe von wenigen Jahrzehnten ist die Gratstrasse so stark angeschnitten worden, dass sie abrutschte und zweimal verlegt werden musste.» Kunststück, dass wir sie nicht fanden. Dann folgt ein kurzer geologischer Exkurs, den wir auslassen, dafür einen anderen folgen lassen. Zumal der überaus bequeme Gratweg die Gedanken frei schweifen lässt.

Ostpreusse gibt Mundartkurs

Der Anblick der Fallätsche ruft ein weiteres Ausstellungsstück in Erinnerung: Johann Gottfried Ebels (1764–1830) genaue Beschreibung eines Steigeisens. Der Ostpreusse hat einen ersten eigentlichen Reiseführer zur Schweiz verfasst: «Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweiz zu bereisen». Mit Angaben zu Wirtshäusern und zwölf Seiten Übersetzungen der «eigenthümlichsten Ausdrücke der Schweizer Mundart», welche «grosse Schwierigkeiten bereitet, die Eidgenossen mit Leichtigkeit zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden»: Aetti: Vater, Aüli: junges Schaf, Brenz: Brandwein, Suffi: Molke, Gade: Zimmer, Hüsli: heimlich Gemach, herzig: lieb wie mein Herz.

Auch gibt Ebel Gründe an, weshalb in der Schweiz alles «theurer ist als in vielen andern Ländern». Antwort: «Natürliche Gründe» – wie hoher Fuhrlohn und langsames Fahren auf den schlechten Strassen, weshalb man mehr einkehren muss. Auch solle man sich vor den privaten Kutschern in Acht nehmen, damit sie einen nicht übers Ohr hauen. Die seitenlange Beschreibung erinnert verblüffend an zeitgenössische Warnungen vor «wilden Taxifahrern».

Goldgelber, doch saurer Wein

Dudelsackklänge reissen uns aus den Gedanken. Wir sind an Mädikon vorbei gekommen. Es wurde laut Erb vor mehr als einem halben Jahrhundert vom Besitzer des Hotels Baur au Lac gekauft und zu einem «mustergültigen Landwirtschaftsbetrieb» ausgebaut – «auf dem Reben wuchsen, die einen goldfarbenen, aber sauren Wein lieferten».

Nun nähern wir uns der Baldern, woher die seltsamen Klänge kommen. Dort herrschte, wiederum laut Erb, einst viel Fussverkehr. Vor allem an Markttagen in Zürich, weil hier der Weg verlief, auf dem die Bewohner aus dem Säuliamt ihre Ware in die Stadt brachten. Die Säuli eben.

Von daher hören wir Dudelsackgepfeife, sehen aber erst lauter Gleitschirmflieger, die sich startklar machen. Wir gehen dem Ton nach und finden hinter einem Gebüsch auf einem kleinen Rastplatz eine junge Frau, die Dudelsack spielt. Die Thalwilerin kommt bei schönem Wetter hierher, um zu üben. Weil sie damit unten im Tal ihre Nachbarn stört. Oben auf dem Berg freuen sich die Wanderer, auch wenn die Sackpfeife nicht waschecht schweizerisch ist.

In die Tiefe schlittern

Auf der Felsenegg genehmigen wir uns einen kleinen Imbiss, auch wenn Emil Erb hier ausser einer Aussichtsterrasse gar nichts angibt. Der Rundblick ist grandios, mit Käseschnitte und Apfelschorle eine Reise wert. Erb gibt hier als Abkürzung den steilen Fussweg ins Tal an. Die Seilbahn wurde erst 1954 gebaut. Wir aber machen das volle Programm und ziehen weiter in Richtung Buchenegg.

Der Abstieg ins Sihltal verläuft heute noch haargenau wie ihn Erb beschreibt. Der erfahrene Tourenleiter hätte aber unbedingt einen Hinweis darauf machen müssen, dass äusserst trittfestes Schuhwerk, wenn nicht gar Ebel'sche Fusseisen vonnöten sind. Wir schlittern trotz gut besohlter Turnschuhe auf dem trockenen Kiesweg talwärts, holen uns am hölzernen Handlauf «Spiessen» und sind schliesslich froh, ohne verstauchten Knöchel in der Sihlau anzukommen.

Der Automobilist als Wanderer

Die SZU fährt eben ein, doch Erb hat kein Einsehen, obwohl er die 1892 gebaute Sihltalbahn als «beliebte Ausflüglerbahn» bezeichnet. Er besteht darauf: von Tramhaltestelle zu Tramhaltestelle. Dass diese Orientierung am öffentlichen Verkehr damals keineswegs dem Zeitgeist entsprach, zeigt der 1958 erschienene Wanderführer eines weiteren Zürcher Wanderwegpioniers.

Der Meilener Sekundarlehrer Jakob Ess (1889–1968) verfasste das Büchlein: «Der Automoblist als Wanderer», in dem Tourenvorschläge wie «Mit zwei Autoschlüsseln auf den Gäbris» oder «Zwei Autofahrer reisen nach Braunwald» zu finden sind. Samt ausführlichen Informationen, wo das Auto parkiert werden kann.

Wir halten uns an Erb: Auf seiner skizzierten Wanderroute sind entlang der Sihl bei Adliswil einige wenige Häuser eingezeichnet, dann bei der Station Sood ein paar weitere. Wir aber marschieren durch Wohn- und Industriequartiere. Erst beim Entlisberg ist das Wandern wieder Lust. Doch schon geht es rechts ab über den Hesenlooweg nach Wollishofen, wo gerade das 7er-Tram einfährt.

Schlechtwettervariante

Sollte die Sonne zu sehr drücken oder es ist regnerisch, empfehlen wir die unterhaltende und witterungsunabhängige Wanderung durch den Predigerchor. Start: Tram Nr. 4 bis Rudolf-Brun-Brücke, dann im rechten Winkel zur Limmat bergan bis zu dem Platz vor der Zentralbibliothek. Wir biegen rechts ab, umrunden die Predigerkirche und stehen bald darauf vor dem Eingang.

Dauer: 1 Stunde, Schwierigkeitsgrad: leicht, Sehenswürdigkeiten: Panorama Albishochwacht durch die Jahrhunderte, Rast auf der Schnapsfluh (1859), Gletscherschmelze, Marcel Kunz' Himalaya-Exkursion 1930: Höhepunkt: Rundblick vom Lauberhorn aus dem Jahr 1830.

Bergwelten, bis 7. Sept., Predigerplatz 33, Zürich (bei Zentralbibliothek), Mo. bis Fr.: 13 bis 17 Uhr, Sa. 13 bis 16 Uhr, Eintritt gratis.

Erstellt: 07.08.2013, 07:10 Uhr

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