Eine Frau kämpft gegen das dreckigste Geschäft der Welt

Wie die Menschenrechtsaktivistin Meron Estefanos ihren Landsleuten hilft.

Der Kampf geht weiter: Meron Estefanos, hier bei ihrer Stippvisite in Zürich. Foto: Dieter Seeger

Der Kampf geht weiter: Meron Estefanos, hier bei ihrer Stippvisite in Zürich. Foto: Dieter Seeger

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Die Telefonnummer ist für viele ein Strohhalm. Sie gehört der Menschenrechtsaktivistin Meron Estefanos. Einer Frau, die so einnehmend lachen kann, dass ihr die Herzen nur so zufliegen. ­Einer Frau auch, die sich seit einigen Jahren mit dem schmutzigsten Geschäft der Welt beschäftigt: dem Menschenhandel. Seit 28 Jahren lebt sie in Schweden und gibt dort als Radiojournalistin den Flüchtlingen aus Eritrea eine Stimme.

Sie berichtet über deren Tragödien, die sich täglich auf dem Sinai ereignen. Dorthin werden eritreische Flüchtlinge von Menschenhändlern verschleppt, gefoltert und vergewaltigt. Nicht aus politischen Gründen, sondern um Geld von deren Angehörigen zu ­erpressen. «Hol mich raus aus dieser Hölle», bekommt Estefanos oft am Telefon zu hören. Sie findet für jeden An­rufer den richtigen Ton, lässt Mitgefühl erkennen, macht Mut, fordert sie zum Durchhalten auf oder weint mit ihnen, wenn wieder jemand getötet wurde.

Folter live am Telefon

Die Geschichten ihrer Landsleute ge­hören zum Unmenschlichsten, was sich Menschen gegenseitig antun können. Die entführten Opfer werden von ihren Kidnappern so lange mit Stöcken, Ketten und Eisenstangen geschlagen, bis sie ihnen die Telefonnummern ihrer Familien verraten. Die Angehörigen müssen dann am Telefon live erleben, wie die Opfer gequält werden. Zigaretten werden in Gesichtern ausgedrückt, glühendes Metall auf offenes Fleisch gepresst, Hände abgehackt. «Wenn man in Schweden einen Hund tötet, kommt man ins Gefängnis», sagt Estefanos. «Wenn im Sinai Hunderte Eritreer zu Tode gefoltert werden, schaut die Welt weg.»

Warum flüchten die Eritreer überhaupt? Seit Eritrea 1994 unabhängig wurde, herrscht eine Militärdiktatur. Der Militärdienst ist obligatorisch für alle, auch für Frauen. Wer das Regime kritisiert, wird sofort verhaftet, wer auf der Flucht entdeckt wird, erschossen. Wie in Somalia oder im Sudan herrschen in Eritrea Anarchie und Willkür, es gibt dort keine Rechtssicherheit und schon gar keine Menschenrechte. «Das treibt die Menschen unter den widrigsten Aussichten in die Flucht», sagt ein deutscher Journalist am Podium in Zürich.

In die Fänge der Beduinen

Ihren Fluchtweg müssen sie jedoch den geopolitischen Veränderungen an­passen. «Früher kamen die Eritreer über den Sudan, Libyen und das Mittelmeer nach Europa», sagt Julia Morais von der Fachstelle für Integrationsfragen. «Seit dem Sturz von Muammar al-Ghadhafi ist diese Route gesperrt.» Die Flüchtlinge wichen via Sudan nach Ägypten aus. Nach dem Arabischen Frühling war auch diese Möglichkeit blockiert. Deshalb werden die Eritreer nun leichte Beute der Beduinen auf dem Sinai, die vom Mohnanbau und vom Kidnapping leben. Julia Morais schätzt, dass rund 7000 Personen seit dem Arabischen Frühling dort gekidnappt und gefoltert wurden. Mindestens 4000 sind dabei gestorben.

Wie Meron Estefanos versucht, ihren Landsleuten zu helfen, zeigt der Film «Sound of Torture» von Keren Shayo. Der Film wurde im SRF ausgestrahlt und am Podium erneut gezeigt. Man sieht darin die Menschenrechtsaktivistin in ihrer Küche in Stockholm. «Das ist mein Büro», sagt sie. Sie ist am Skypen. In der einen Hand hält sie ihren Sohn, am Computer spricht sie ­einem Landsmann in Israel Mut zu, der verzweifelt ist, weil seine Schwester vor einem Jahr verschwand. Estefanos lebt in zwei Welten. In einer realen und einer Hölle.

Reise an den Ort des Schreckens

Als Menschenrechtsaktivistin reist Este­fanos viel herum. Sie kennt die Orte des Schreckens auf dem Sinai. Im Film sieht man, wie sie in einem Haus ganz in der Nähe des Foltercamps Menschen konfrontiert, die nur wenige Kilometer entfernt davon leben, aber die Unwissenden mimen. Estefanos lässt sich nicht abwimmeln und macht Druck. «Ich will jeden, der Geld mit Menschenhandel macht, vor Gericht bringen» – eine Herkulesarbeit.

Viele sind es, die daran verdienen: lokale Räuberbanden, die die Flüchtlinge in die Foltercamps zu den Beduinen bringen. «Pro Flüchtling kassieren sie zwischen 25'000 und 30'000 Franken.» Meistens wird das Geld im Ausland über eine Bank verschoben. Immerhin gibt es bereits erste Erfolge. «In Schweden ist es der Polizei gelungen, zwei Menschenhändler zu verhaften, als sie Geld abheben wollten.» Das mag zwar ein Tropfen auf den heissen Stein sein – doch die Menschenrechtsaktivistin wird weitermachen. Tag für Tag.

Erstellt: 25.06.2014, 07:23 Uhr

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Zürich – Mehr als 2700 Flüchtlinge aus Eritrea leben derzeit im Kanton Zürich, davon 533 als Asylbewerber. Die anderen bilden die grösste Gruppe anerkannter und vorläufig aufgenommener Flüchtlinge. Gestern standen sie im Mittelpunkt des Flüchtlingstages, mit dem die kantonale Fachstelle für Integrationsfragen eines der dunkelsten Kapitel in der Flüchtlingsproblematik thematisiert: den Menschenhandel. «Wir sehen das meist nur als Einwanderungsproblem, doch wir haben es mit etwas viel Schlimmerem zu tun, mit Menschenhandel», sagt Julia Morais, die kantonale Beauftragte für Integrationsfragen.

Menschenhandel sei etwas vom Scheusslichsten, was man sich vorstellen könne. Morais spricht von einem «menschlichen Tiefpunkt». Konkret spielt sich das wie folgt ab: Menschen aus Eritrea werden unter den Augen von UN0-Blauhelmtruppen und auch von lokalen Behörden entführt. Danach werden sie aufs Übelste gefoltert mit dem Zweck, den letzten Rappen aus ihnen herauszupressen. Eritreer haben oft Verwandte oder Bekannte im Ausland, die bereit sind, Lösegeld zu bezahlen.

An einem Podium im Karl dem Grossen wurde diese Problematik gestern erörtert. Daran beteiligt waren die Menschen­rechts­aktivistin Meron Estefanos, der ehemalige Direktor des Bundesamtes für Flüchtlinge Peter Arbenz sowie Regierungsrat Martin Graf (Grüne). Für ihn lässt sich der weltweit steigende Flüchtlingsstrom nur über die Wiederherstellung der Rechtsordnung in den Herkunftsländern stoppen. (mq)

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