Eine Frau nutzt ihren Sonderstatus

Annette Paltzer lebt seit Geburt mit einer zerebralen Beeinträchtigung. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und kümmert sich um das Schicksal von Behinderten im Alter.

Annette Paltzer in ihrem Büro vor einem Bild von Hans Witschi. Foto: Dieter Seeger

Annette Paltzer in ihrem Büro vor einem Bild von Hans Witschi. Foto: Dieter Seeger

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Annette Paltzer hat Angst davor, bei einer Einladung Suppe zu essen. Seit Geburt hat sie eine zerebrale Beeinträchtigung, die sich in einer sprachlichen und motorischen Störung ausdrückt. Als Folge davon fällt ihr das Schreiben schwer und – sie hatte schon vor 15 Jahren die Gelenke einer 80-Jährigen. Die 63-jährige Co-Autorin des soeben erschienenen Buches «Danke, ich esse keine Suppe» zeigt Perspektiven der Behindertenarbeit auf. Diese kennt Paltzer als Expertin und als Betroffene. Sie sagt: «Das Alter mit Behinderung ist mein letztes Lobby-Projekt.»

Auf den ersten Blick sieht man Annette Paltzer ihre Behinderung nicht an. Wenn sie in ihrer gewinnenden Art die Tür zu ihrem Büro an der Trittligasse öffnet, steht man einer grossen, eleganten und erlesen gekleideten Frau gegenüber. Annette Paltzer mag schöne Kleider und weiss, wie man Handicaps kaschiert. Sie stammt aus der angesehenen Familie Bär, die nicht nur Bankiers, sondern auch bedeutende Wissenschaftler hervorgebracht hat. Ihre Eltern waren Physiker, die Mutter auch Bildhauerin.

Die Behinderung wird ignoriert

Annette Paltzer führt ein erfolgreiches Leben. Sie ist glücklich verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Als Soziologin und Heilpädagogin bringt sie seit Jahren ihr Wissen und ihre Erfahrungen in verschiedenen Organisationen der Behindertenhilfe ein und lanciert eigene Projekte. Lange war ihr Leben völlig normal. «Meine Mutter hat von Anfang an Wert darauf gelegt, dass ich genau gleich erzogen werde wie mein gesunder Bruder.» Trotz der Behinderung besuchte sie wie alle anderen Kinder die «normale» Schule. In der ersten Klasse hatte sie das Glück, auf einen fürsorglichen Lehrer zu treffen, der ihre Hand führte, bis sie selber schreiben konnte. «Ich wusste zwar, was ich funktionell nicht kann, aber welche Wirkung das auf andere hat, das wusste ich nicht.»

Nicht nur ihre Mutter ignorierte ihre Beeinträchtigung. In ihrer Familie, die aus lauter erfolgreichen Menschen besteht, hatte sie schlicht keinen Platz. «Meine Behinderung war schwer zu akzeptieren», erzählt Paltzer, «deshalb ging niemand darauf ein.» Die junge Schülerin war ehrgeizig. Im Gymnasium wählte sie Griechisch statt Englisch, das sie ohnehin schon beherrschte. Generell wurde sie akzeptiert. Wenn nicht, schrieb sie es nicht ihrer Behinderung zu, sondern ihrem besonderen Hintergrund. Ihr Vater war Däne, ihre Mutter Jüdin.

Nach der Matura ging Paltzer nach London, wo Menschen mit Beeinträchtigung an der Universität ganz selbstverständlich studierten. Trotzdem war es mutig, als behinderte junge Frau allein in der Millionenstadt zu leben. «Wie so oft in meinem Leben habe ich viel riskiert und all meine Schwierigkeiten zur Seite geschoben.» In London führte sie sogar selber einen Haushalt.

Die Diskriminierung

Nach ihrer Rückkehr aus England entschied sich Paltzer für das Studium der Sozialwissenschaften. «Ich wollte die Situation von Behinderten verbessern.» In dieser Zeit lernte sie ihren Mann kennen, einen erfolgreichen Bankier. Erstmals erlebte sie konkret, was es heisst, diskriminiert zu werden. Ihrem Mann verweigerte man einen Job in Jordanien, weil sie zu wenig repräsentierte. «Wir waren schockiert. Die Verletzung und Verunsicherung war enorm.»

Das Ehepaar entschied sich, einige Jahre in New York zu leben. Dort brachte Annette Paltzer ihre beiden Kinder zur Welt. Die Geburten waren Herausforderung und Segen zugleich. «Der hormonelle Effekt führte dazu, dass meine Hände nach den Geburten ganz ruhig waren.» Die Säuglinge an- und auszuziehen, war deshalb kein Problem.

Die Sicht aus dem Rollstuhl

Als ihre Kinder etwas älter waren, machten sich bei Paltzers Bewegungsapparat erste Verschleisserscheinungen bemerkbar. Das war vor 15 Jahren. Die Schmerzen waren so heftig, dass sie manchmal kaum hundert Meter weit gehen konnte. Innerhalb von vier Jahren wurde sie fünfmal operiert. Zeitweise sass sie im Rollstuhl. Das hat ihre Sicht auf die Welt verändert: «Ich befand mich nicht mehr auf Augenhöhe mit anderen und hatte deshalb keinen Ansprechpartner mehr.»

Paltzer begann sich intensiv mit dem vorzeitigen Alterungsprozess auseinanderzusetzen. Weil die Überbeanspruchung des Bewegungsapparats grösser ist, setzt der Prozess bei Menschen mit Behinderungen viel früher ein. Paltzers Tagesform ist schwankend. Manchmal kann sie sich gut bewegen, einen Tag später vor lauter Schmerzen überhaupt nicht. «Dann kommt die Angst, wie es weitergeht», sagt sie. «Ich weiss nicht, was noch alles auf mich zukommt. Mein früherer Hausarzt wusste nicht, welche Auswirkungen meine neurologischen Störungen auf die Gelenke haben können.» Das hat das Ehepaar veranlasst, eine rollstuhlgängige Wohnung zu beziehen, in der Paltzer wenn nötig einen Notfallknopf drücken kann. Allein das Wissen um diese Möglichkeit ist eine Entlastung. Den Alltag meistert sie mithilfe einer Haushälterin. Paltzer kocht gerne, und ihr Mann hilft beim Rüsten.

Mit diesem Wohnmodell darf sie dem Altern zuversichtlich entgegenblicken. «Es wäre auch ein Modell für andere Menschen mit Beeinträchtigung», sagt Paltzer wohlwissend, dass den meisten die finanziellen Mittel fehlen. Sie weiss, wie privilegiert sie ist: «Ich kann mir eine Assistentin leisten, die mich beim Schreiben entlastet, den Arzt meiner Wahl konsultieren und mit einer Trainerin an meiner Muskulatur arbeiten.»

Paltzer wünscht sich, dass andere Menschen mit Behinderungen auch wählen könnten, ob sie im Heim, in der betreuten Wohngruppe oder in der eigenen Wohnung mit Assistenz wohnen möchten. Deshalb ist sie froh, dass sich die wichtigsten Behindertenorganisationen zum «Aktionskreis Behindertenpolitik im Kanton Zürich» zusammengeschlossen haben (TA vom 10. 6.), um mit Druck Bewegung in die Behindertenpolitik zu bringen. Gerade in der Frage: Wie können Behinderte ihr Alter in Würde verbringen?, gibt es viele ungelöste Probleme. Paltzer weist etwa auf das Fehlen einer Tagesstruktur hin. «Wenn Behinderte nicht mehr arbeiten, können sie nicht plötzlich anfangen, Golf oder Tennis zu spielen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 20:16 Uhr

Zerbrechliches Leben

Zukunft in der Behindertenarbeit

«Wäre ich glücklicher, wenn ich normal wäre?» Ein Buch von Annette Paltzer, Barbara Liebster und Herbert Wyss (Edition Stephan Witschi) zeigt Perspektiven des Denkens und Handelns in Bezug auf Behinderungen auf. In «Danke, ich esse keine Suppe» beleuchten Expertinnen und Experten Fragen der Autonomie, der Gleichberechtigung und des Glücks. Behinderung wird von allen Seiten ausgeleuchtet, medizinisch, pflegerisch, rechtlich und finanziell. Es ist für Laien verständlich und hat auch eine künstlerische Seite. Studierende der ZHdK haben es anschaulich illustriert.

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