Eine Nacht im «Hotel Suff»

Ein junger Mann feiert seinen Geburtstag feuchtfröhlich, gerät in einen Streit und findet sich plötzlich in der zentralen Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle wieder. Er weiss heute noch nicht, warum.

Ein feuchtfröhlicher Abend kann in Zürich in der Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle enden. Foto: Victor Burnside (iStock)

Ein feuchtfröhlicher Abend kann in Zürich in der Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle enden. Foto: Victor Burnside (iStock)

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Zürich – «Es war mein 28. Geburtstag», erzählt Juan*, ein junger, charmanter Verkäufer. «Mein Bruder, mein bester Kollege und ich wollten im Kaufleuten die Korken knallen lassen. Eigentlich gefällt mir dieser Club nicht. Man hört viel von Schlägereien und Drogengeschichten», sagt Juan bestimmt. «Kurz nach Mitternacht kommen wir im Kaufleuten an. Wir tanzen, trinken und feiern. Mein Bruder, der mit dem Auto fährt, ver­zichtet auf Alkohol.»

Um 3 Uhr wird es im Club laut, es riecht nach Zoff. «Plötzlich zeigen verschiedene Leute mit dem Finger auf mich», sagt Juan. Die Securitas nehmen Juan und seinen Bruder mit. Sie werden ins Untergeschoss des Kaufleuten gebracht. Dort müssen sie sich ausweisen. «Ich feierte doch bloss meinen Geburtstag – Auslöser einer Schlägerei war ich sicher nicht», sagt Juan überzeugt. Er und sein Bruder erhalten ein Hausverbot, damit konnten sie leben.

Polizei droht mit Handschellen

«Nun wollten wir schnellstmöglich nach Hause. Doch plötzlich steht die Polizei da», sagt Juan genervt. Sie will seine Personalien aufnehmen. «Schon wieder?», fragt er – und weigert sich, seinen Ausweis zu zeigen. Die Polizei droht ihm mit Handschellen. Juan nimmt die Sache noch immer nicht ganz ernst. «Amüsiert zeige ich in Richtung eines Polizisten, der mit einem Freund von mir zur Schule ging.»

Doch die Polizei versteht die Handbewegung offenbar als Angriff und setzt ihre Drohung um. «In Handschellen musste ich am Boden knien», erinnert sich Juan. «Bei der gewaltsamen Abführung wurden meine Knie aufgeschürft.» Im Polizeiauto will er nicht wie ein Schwerverbrecher hinten sitzen, sondern vorne – wie im Taxi.

«Was ich will, das sage ich direkt und offen – auch in nüchternem Zustand», sagt Juan. Sein Bruder wird nach Hause geschickt. Wann er Juan wieder abholen kann, sagt ihm die Polizei nicht. «Ich habe nicht verstanden, warum mich die Polizisten abführten. Es gab weder einen verbalen Streit noch eine Schlägerei – und auch keine Aussage, die einen Streit bestätigte.»

Der Arzt ist ein Medizinstudent

Gegen 5.30 Uhr wird Juan wegen Fremdgefährdung im «Hotel Suff», der Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle (ZAB), eingeliefert. «Ich hatte keine Ahnung, wo ich war», sagt er heute. Nun lernt Juan das umstrittene «Hotel» als Gast kennen – wenn auch unfreiwillig. Am Eingang empfangen ihn ein Polizist und ein Mann, der wie ein Arzt aussah. Heute weiss er, dass es bloss ein Medizinstudent war. «Ich musste Gürtel und Schuhe abgeben.» In seinen Kleidern sei er in einen geheizten Raum gesteckt worden. Eine Decke habe er nicht erhalten. «Ob es das berühmte rosa Zimmer war, weiss ich nicht mehr», sagt Juan.

Stündlich erhält er eine Flasche Wasser, und es wird ihm Blut entnommen. «Schlafen konnte ich nicht. Also wollte ich um 9 Uhr nach Hause, ausschlafen kann ich schliesslich auch in meinem eigenen Bett.» Doch nichts war. Um 11 Uhr insistiert Juan erneut. Antwort des ZAB-Mitarbeitenden: «Wir lassen Sie erst ­gehen, wenn Sie nüchtern sind.»

Um 13 Uhr wird Juan dann entlassen – mit 0,93 Promille im Blut. Eingewiesen wurde er mit 1,8 Promille. «Beim Austritt hatte der Polizist zwar etwas von einer Rechnung erwähnt», erinnert er sich. Als dann ein Einzahlungsschein über 950Franken ins Haus flattert, ist Juan schockiert. «Ein megateures Hotel!» Die Gebühren wurden mittlerweile angepasst. Ein sogenannter Langzeitaufenthalt kostet heute 600 Franken.

Recherchen im Internet bringen Juan auf die Website des Komitees «Hotel Suff – So nöd». Mithilfe des Komitees und einem Rechtsanwalt wehrt er sich gegen die aus seiner Sicht horrenden Kosten. Den Betrag von 950 Franken muss er nun doch nicht bezahlen, ein Entscheid des Statthalters nach längerem Seilziehen. «Da es sich um einen ­Pilotprozess handelt, übernimmt das Komitee ‹Hotel Suff – So nöd› auch die Anwaltskosten», sagt Juan.

Für den Anwalt hätte er im Normalfall über 2000 Franken hinblättern müssen. Rund das Dreifache der «Hotelkosten». Im Rückblick sagt Juan: «Das Resultat bleibt für mich unbefriedigend. Bis heute ist nicht bestätigt worden, dass eine Fremdgefährdung bestanden hatte.»

* Name von der Redaktion geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 23:00 Uhr

Umstrittene ZAB

Abstimmung am 30. November

Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, bestätigt, dass an jenem Abend im Kaufleuten «keine eigentliche Schlägerei» stattgefunden hat. Die Stimmung sei aber aufgeheizt gewesen. Als sie zu eskalieren drohte, habe der Sicherheitsdienst des Clubs die Polizei aufgeboten. Juan wurde als Urheber der Auseinandersetzung bezeichnet. Er weigerte sich laut Cortesi, seinen Ausweis zu zeigen, und «fuchtelte mit den Fäusten herum».Darauf sei er wegen Fremdgefährdung und Trunkenheit in die Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle (ZAB) eingeliefert worden. Weil für den Statthalter die Gebühr von 950Franken zu hoch angesetzt war, wurden ihm die Kosten erlassen.

Am 30.November befinden die Stadtzürcher Stimmberechtigten über die definitive Einführung der ZAB. Diese besteht seit 2010 als Pilotprojekt. Das Ziel ist, die Notfallaufnahmen der Spitäler zu entlasten, wo schwer betrunkene Personen sonst landen würden. Neben betrunkenen Personen, die sich oder andere gefährden, sollen neu auch psychisch auffällige Menschen ins «Hotel Suff» einge­liefert werden. (dfr)

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