Eine Schule, in der Teenager freiwillig nachsitzen

An der Welcome2school büffeln 16- bis 26-jährige Flüchtlinge freiwillig Deutsch und Mathematik. Lehrer unterrichten, ohne einen Rappen zu verdienen.

Die Schulgründer Katrin Jaggi und Jan Capol (hinten links) mit Schülern und Lehrern am Abschlussfest. Foto: Dominique Meienberg

Die Schulgründer Katrin Jaggi und Jan Capol (hinten links) mit Schülern und Lehrern am Abschlussfest. Foto: Dominique Meienberg

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Die Schulstunde ist längst zu Ende. Eigentlich. Vor der Wandtafel diskutiert ein Lehrer zusammen mit drei Schülern über eine Gleichung. Dass heute ein besonderer Tag ist, scheint sie noch nicht zu kümmern. Bald wird das Abschlussfest im Pfarrhaus der Liebfrauenkirche bei der Haltestelle Haldenegg steigen. Dort geniesst die Welcome2school ein Gastrecht, dort werden jeden Nachmittag drei Schulstunden abgehalten.

Die Welcome2school ist eine Schule der besonderen Art. Gegründet wurde sie von zwei ehemaligen städtischen Kaderleuten, dem Historiker Jan Capol und der Architektin und ehemaligen SP-Kantonsrätin Katrin Jaggi. Bei den Lehrerinnen und Lehrern handelt es sich um eine bunt gemischte Truppe: Rund 35 Gymi-, Berufsschul-, Sek- oder Primarlehrer, aber auch Studenten erteilen jeweils gratis eine oder mehrere Stunden.

Die Schar der Schüler besteht aus 3 jungen Frauen und 33 Männern, die meisten von ihnen sind Flüchtlinge aus Eritrea und Afghanistan. Sie werden in zwei nach Fähigkeiten aufgeteilten Klassen unterrichtet. Etwas haben sie alle gemeinsam: Sie wollen lernen, freiwillig. «Vor allem jene mit sehr wenigen Vorkenntnissen saugen das Wissen wie ein Schwamm auf», sagt Jaggi.

70 Lehrer meldeten sich

Beim Abschlussfest treffen sich nicht nur Schüler und Lehrer, sondern zum ersten Mal auch die Schulleiter. In der Regel tauschen sie sich nur per Mail aus. Die Stimmung ist ausgesprochen gut. Gemeinsam blicken sie zurück, was sich seit dem 4. April, dem ersten Schultag, alles ereignet hat. «Es war überraschend einfach, Lehrerinnen und Lehrer zu finden», sagt Jaggi. Ein Aufruf auf Facebook genügte, und schon meldeten sich 70 Interessenten.

Fast genauso schnell wie die Lehrer fanden die Asylsuchenden zur Schulleitung. «Wir baten das Solinetz, bei seinen Mittagstischen einen Flyer aufzuhängen, und die Asylorganisation Zürich, dies in der Halle 9 im Messezentrum in Oerlikon zu tun», sagt Jaggi. Die Nachricht auf dem Flyer verbreitete sich in Windeseile. Zu einem ersten Treffen in Zürich kamen 30 Schüler, kurz darauf nochmals 20. Aufgenommen wurde, wer zwischen 16 und 26 war. Capol und Jaggi, die beiden Schulleiter, wiesen sie über einen Einstufungstest einer Klasse zu.

Ursprünglich war vorgesehen, dass in der Welcome2school nur Deutsch und Mathematik unterrichtet werde. «Wir wollten es am Anfang so einfach wie möglich halten», sagt Jaggi. Doch Musiklehrer Benjamin Danech überzeugte sie von einer besseren Idee. Musik sei eine universelle Sprache, die alle verständen, meinte er, und gemeinsames Singen verbinde. Er sollte recht bekommen. An der Abschiedsfeier schmetterten die Schüler mit Verve Bob Marleys «No Woman No Cry» in den Saal.

Vom Pflegekind zur Schule

Auch Lektionen in Malen und europäischen Umgangsformen stehen auf dem Stundenplan. «So machen wir Asylsuchende mit unserer Kultur vertraut», erklärt Jaggi. Schliesslich hat die Schulleitung auch Sporttage organisiert. Dass Sport wichtig ist, wurde rasch erkannt. Im nächsten Semester will die Schulleitung diesen regelmässig anbieten. Allgemein wird grossen Wert auf Pünktlichkeit, Respekt und Disziplin gelegt. Wer grundlos dem Unterricht fernbleibt, wird verwarnt. «Kopfweh reicht als Entschuldigung nicht», sagt Jaggi.

Von fast 50 Schülern am Anfang des Semesters haben 36 durchgehalten. Rahmet ist einer von ihnen. Der Afghane reist jeweils aus Solothurn an. In der kurzen Zeit spricht er schon leidlich gut Deutsch. Er will möglichst rasch eine Lehre als Koch absolvieren und hegt einen grossen Traum. «Ich möchte meine Mutter in die Schweiz holen», sagt er.

Die beiden Schulleiter Jaggi und Capol engagieren sich schon seit längerem für Flüchtlinge. Dabei ist ihnen aufgefallen, dass gerade Teenager wie Rahmet oft extrem unwissend und extrem lernbegierig sind. Jaggi hat selbst ein Pflegekind aus Afghanistan. Dabei hat sie festgestellt, dass der Teenager nicht einmal über ein Basiswissen in Mathematik verfügt. Dieselbe Beobachtung machte Capol bei einem von ihm betreuten eritreischen Schüler. So entstand die Idee der Welcome2school.

In der Praxis stiessen die beiden rasch an ihre Grenzen. Sie erstellten einen provisorischen Einsatzplan für die Lehrpersonen, organisierten Lehrmittel und unzählige andere Details. Die Schüler kommen aus allen Teilen des Kantons. Sie brauchen Geld für das Bahnbillett und die Bewilligung ihrer Betreuer. «Jede Gemeinde macht ihre eigene Asylpolitik», sagt Capol. «Einige unterstützen Menschen mit unsicherem Status, andere nicht.» Das alles erledigten sie neben einem 100-Prozent-Job.

Fürs Leben gelernt

Capol und Jaggi waren nahe daran, das Handtuch zu werfen. Dann fanden sie: «Wir müssen weitermachen und uns besser organisieren.» Jetzt stellen sie ­jemanden gegen Bezahlung für die gesamte Administration ein. Um diese Hilfskraft zu finanzieren, suchen sie nun Spendengelder.

Die Zukunft der Schule ist vorläufig gesichert. Die Kirchenpflege stellte die Schulräume für weitere Monate gratis zur Verfügung. Am 5. September beginnt das neue Semester. «Wir sind jetzt eine richtige Schule», sagt Jaggi stolz. Den Beweis, dass sich diese Schule lohnt, haben sie erbracht: «Es ist gefährlich, kraftstrotzende junge Männer auf der Strasse herumstehen zu lassen. Wir wollen ihnen eine Perspektive geben, eine Zwischenlösung auf dem Weg zu einer Berufslehre anbieten», sagt Capol. Und was ist, wenn die Flüchtlinge wieder zurückmüssen? «Dann haben sie ­etwas fürs Leben gelernt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2016, 23:00 Uhr

Gratisschulen

Unterricht für Asylsuchende

In Zürich gibt es neben Welcome2school noch zwei andere Schultypen, die gratis sind. Jeder funktioniert anders. Der älteste Bildungsanbieter ist die Autonome Schule Zürich. Sie ist offen für alle, die sich am Projekt beteiligen wollen. Gleichzeitig versteht sie sich auch als Begegnungszentrum. Bis 2018 hat sie sich nach unzähligen Ortswechseln von der Stadt ein Bleiberecht am Sihlquai erkämpft. Sie unterrichtet Flüchtlinge und Sans-Papiers in Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Computer. Auch hier gibt es einen Einstufungstest. Doch die Asyl­suchenden können selber entscheiden, welche Klasse sie besuchen wollen. Die Schule arbeitet hauptsächlich mit Unterrichtsblättern.

Das macht auch Solinetz. Über die ganze Stadt verteilt bietet sie an den verschiedensten Orten Deutschkurse sowie Freizeitmöglichkeiten an. Zumeist sitzen mehrere Asylsuchende mit einheimischen, aber zumeist nicht professionellen Lehrkräften an einem runden Tisch, wo sie miteinander Deutsch lernen. Häufig gibt es im Anschluss ein Gratismittagessen. Solinetz ist 2009 gegründet worden, um die Lebensumstände von Asylsuchenden zu verbessern. (mq)

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