«Eine Ungarin macht's ohne Kondom für 30 Franken»

René Rüegsegger kennt sich im Zürcher Rotlichtmilieu aus. 37 Jahre lang ging er als Sittenpolizist auf Streife. «Heute wird im Chreis Cheib viel schneller zur Waffe gegriffen und der Preisdruck in der Prostitution ist enorm.»

«Mit der Zeit war bekannt, dass ich Polizist bin, und ich wurde auch nicht mehr angebaggert»: René Rüegsegger ist nach 37 Jahre auf Streife bei den Prostituierten bekannt. (Bild: Tina Fassbind)

«Mit der Zeit war bekannt, dass ich Polizist bin, und ich wurde auch nicht mehr angebaggert»: René Rüegsegger ist nach 37 Jahre auf Streife bei den Prostituierten bekannt. (Bild: Tina Fassbind)

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Herr Rüegsegger, Sie waren in den letzten 12 Jahren bei der Sittenpolizei tätig und wurden mit gröbsten Sexualstraftaten konfrontiert. Warum haben Sie sich ausgerechnet dieses Umfeld ausgesucht?
Ich bin kein Büropolizist. Für mich ist die Nähe zu Personen und die Arbeit an der Front wichtig. Das hat sich bei dieser Fachgruppe am besten ergeben, weil man dort oft auf Patrouille geht. Es gab Wochen, da mussten wir wegen zwei Vergewaltigungsfällen ermitteln, dann war es wieder wochenlang ruhig. Unsere Aufgabe bestand darin, die Spuren zu sichern und den Täter zu befragen. Das Opfer selbst sahen wir nicht. Die betroffenen Frauen werden immer durch Polizistinnen betreut.

Was ging in Ihnen vor, wenn Sie einem Vergewaltigter gegenüber sassen?
Das waren ganz normale Arbeitsabläufe, bei denen ich versucht habe, vom Täter die Wahrheit zu erfahren. Emotionen haben da keinen Platz. Ich liess die Befragten cool und gelassen reden. Wenn der Täter dabei log, lag es an uns, ihm dies nachzuweisen.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit den Prostituierten erlebt?
Nach all den Jahren im Kreis 4 und im Milieu haben mich die Frauen natürlich gekannt. Mit der Zeit war bekannt, dass ich Polizist bin, und ich wurde auch nicht mehr angebaggert. Zwischen uns hat sich ein gutes Verhältnis gebildet. Sie haben mich jeweils angerufen, wenn sie Hilfe benötigt haben. Im Gegenzug bekam ich ab und zu eine Information von ihnen. So konnten einige Vergehen aufgedeckt und geklärt werden. Es war eben ein Geben und Nehmen.

Wie hat sich die Situation der Prostituierten in den letzten Jahren verändert?
Mit dem Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit kamen immer mehr Menschen aus dem Osten zu uns. Das Sihlquai ist bereits jetzt von Ungarinnen überflutet. Es ist absehbar, dass bei der Erweiterung der Personenfreizügigkeit noch mehr Sexworkerinnen aus Osteuropa kommen werden. Die Frauen aus dem Europäischen Raum verdrängen die Schweizerinnen. Heute stammt nur noch ein sehr geringer Anteil der Prostituierten aus der Schweiz. Das Problem am Ganzen: Man kann mit den Prostituierten aus dem Ausland nicht kommunizieren. Sie können konkrete Fragen, zum Beispiel nach Zuhältern oder anderen Hintermännern, auf Grund von sprachlichen Schwierigkeiten nicht beantworten. Das erschwert unsere Arbeit zunehmend.

Ist das Milieu brutaler geworden?
Ja, das Milieu hat sich komplett geändert. Als ich früher im Kreis 4 patrouillierte, war alles noch ziemlich friedlich. Es gab dort zwar immer auch kriminelle Elemente, aber heute wird viel schneller zur Waffe gegriffen als früher. Bei der Prostitution ist vor allem der Preisdruck im Vergleich zu früher enorm. Eine Ungarin macht es ohne Kondom für 30 bis 50 Franken, was besonders erschreckend ist. Schweizerinnen verlangen am Sihlquai 80 Franken für orale Befriedigung und 100 Franken für Geschlechtsverkehr. Klar, dass die Freier zu den billigeren Prostituierten gehen.

Haben Sie auch schon brenzlige Situationen erlebt?
Wir wurden einmal von einer Horde im Hinterhof angegriffen. Es kam zu einer wüsten Rangelei, bei der wir über Autos fielen. Richtige Probleme hatte ich aber in meiner ganzen Tätigkeit nie. Wenn ich in Bedrängnis geraten wäre, dann wären viele Leute für mich eingestanden. Sie kannten mich alle und wussten genau, wie weit sie mit mir gehen konnten. Die menschliche Würde wurde immer respektiert.

Sind Sie froh, dass Sie jetzt, da die Sitten rauer geworden sind, aussteigen können?
Froh nicht, aber ich fühle mich gesundheitlich so fit, dass ich jetzt noch etwas erleben kann. Ich will noch auf Reisen gehen, das kann ich mit 70 nicht mehr tun. Natürlich könnte ich noch zwei, drei Jahre anhängen - meine Vorgesetzten hätte da sicher nichts dagegen. Aber der Nachwuchs soll schliesslich auch eine Chance haben. Es wird allerdings ein paar Jahre dauern, bis jemand den gleichen Status im Milieu erreicht hat, den ich jetzt habe. Mein Nachfolger muss bei seiner Arbeit einfach so natürlich wie möglich bleiben, dann hat er Erfolg. Und wenn nichts hilft, kann er sich immer auf mich beziehen. Dann kommt er sicher weiter. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2008, 15:33 Uhr

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