Eine explosive Mischung

Obwohl Velos viel schneller unterwegs sind als Fussgänger, müssen sie mit diesen in Zürich oft das Trottoir teilen. Das finden beide Seiten unmöglich, und die Signalisationen machen es nicht besser.

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Die Stadt Zürich verfügt seit kurzem über ein neues Mittel, um das Leben der Velofahrer etwas weniger gefährlich zu machen: eimerweise rote Spezialfarbe. Dank einer Gesetzesänderung malt die Dienstabteilung Verkehr in den kommenden Monaten an vierzig unübersichtlichen Verzweigungen die Spur für die Velofahrer flächig aus, um Automobilisten besser darauf aufmerksam zu machen.

Der Fokus auf solche Verzweigungen ist logisch, weil Zusammenstösse mit Autos oft schlimme Folgen haben. Allerdings gäbe es noch eine andere Kategorie von Problemzonen, wo Velowege häufig übersehen werden – was zwar zu weniger schlimmen Verletzungen führt, mitunter dafür zu Handgreiflichkeiten: Gemeint sind all jene Orte, an denen die Stadt die Radfahrer durch Fussgängerbereiche leitet.

Der Pfeil zeigt ins Menschengewühl

Zum Teil sind dort die Markierungen derart zurückhaltend gesetzt, dass der Verlauf des Velowegs nur mit viel Spürsinn zu erahnen ist. Auf der Quaibrücke zum Beispiel endet der Weg, vom Bürkliplatz kommend, unvermittelt im Nichts, respektive auf dem Trottoir, im Pulk der Flaneure und Touristen. Ähnlich auf der anderen Seite der Brücke, wo ein gelber Pfeil direkt ins Gewimmel der Riviera zeigt. Kein Wunder, sind sich viele Fussgänger oft gar nicht bewusst, dass sie auf einer Veloroute stehen. Sie reagieren deshalb ähnlich verständnislos auf den vorbeidrängelnden Velofahrer wie dieser umgekehrt auf sie, weil ihm der Slalomkurs und die ständigen Bremsmanöver auf die Nerven gehen. Sowohl Zürcher Fahrrad- als auch Fussgängerorganisationen kritisieren diese Art von Mischverkehr schon lange.

Zweifel an rot eingefärbten Fahrspuren

Bei der städtischen Dienstabteilung Verkehr hegt man dennoch keine Absicht, auch solche Problemzonen mit rot markierten Velofahrbahnen zu entschärfen. Dazu fehle die rechtliche Grundlage, sagt Sprecher Heiko Ciceri. Tatsächlich erlaubt es das Bundesamt für Strassen (Astra) ausdrücklich nur auf der Fahrbahn, den Belag rot einzufärben. Vom Trottoir ist keine Rede.

Auf der Stauffacherbrücke bei der Börse unternahm die Stadt vor Jahren gleichwohl einen Versuch mit einem roten Fahrstreifen auf dem Trottoir. Das Ergebnis war laut Ciceri durchzogen. Es habe wohl nicht geschadet, aber auch nicht viel genützt.

Vorbehalte hat auch Dave Durner von Pro Velo Zürich. Es habe sich gezeigt, dass Fussgänger nicht davor zurückschreckten, rot markierte Fahrbahnen zu betreten und bisweilen sogar auszurufen, wenn ein Velofahrer klingle. Umgekehrt wäre zu befürchten, dass Velofahrer auf solchen Bahnen zu schnell fahren und auf ihrem Recht beharren würden. Das habe man in der Langstrassenunterführung beobachten können, bevor dort die gelben Linien weggefräst wurden.

Enttäuschung über den Masterplan Velo

Wo es unumgänglich sei, Velofahrer durch Fussgängerbereiche zu leiten, wären Absätze laut Durner das tauglichere Mittel, um die beiden Gruppen zu trennen. Grundsätzlich gehöre das Velo aber auf die Strasse. Leider beachte das städtische Tiefbauamt dies viel zu wenig. Das gelte auch für aktuellste Planungen, und dies trotz der Versprechungen des Velo-Masterplans, der vor eineinhalb Jahren präsentiert wurde. An der Stampfenbachstrasse zum Beispiel oder an der Winzerstrasse in Höngg will die Stadt neue Velowege streckenweise übers Trottoir führen – Proteste dagegen verhallten unerhört.

Das Tiefbauamt argumentiert, dass die Entflechtung von Fuss- und Veloverkehr meist daran scheitere, dass zu wenig Platz zur Verfügung stehe. An manchen Stellen werde die Situation aber in absehbarer Zeit entschärft. So werde es zum Beispiel nach der anstehenden Sanierung der Quaibrücke für Velofahrer deutlich komfortabler sein, dort die Limmat zu queren.

Erstellt: 28.07.2014, 11:29 Uhr

Stadt Zürich testet gelbe Farbe

An der Seefeldstrasse führen die Dienstabteilung Verkehr und das Tiefbauamt einen Versuch mit einer farblichen Gestaltung der Strassenoberfläche durch. Wie die Stadt Zürich mitteilt, werden damit Erkenntnisse gewonnen, ob der motorisierte Individualverkehr den Velofahrenden aufgrund der Farbbänder mehr Platz am rechten Strassenrand offen lässt.

Auf zwei Abschnitten der Seefeldstrasse (Seehofstrasse bis Falkenstrasse stadteinwärts und Lindenstrasse bis Höschgasse stadtauswärts) befinden sich auf einer Länge von 100 Metern bzw. 40 Metern seit heute 60 Zentimeter breite, hellgelbe «Bänder». Diese farbliche Gestaltung der Strassenoberfläche wurde versuchsweise angebracht. Untersucht wird die Wirkung dieser Bänder auf das Fahrverhalten des motorisierten Individualverkehrs. Tragen diese Bänder dazu bei, dass Velofahrende an stehenden oder langsam fahrenden Fahrzeugen vermehrt und besser rechts vorbeifahren können? Diese Fragen will die Stadt klären.

Die hellgelben Bänder dürfen zwar vom motorisierten Individualverkehr befahren werden und haben aus rechtlicher Sicht keine Bedeutung (keine Radstreifen), jedoch sollen sie den Fahrzeuglenkenden dazu veranlassen, tendenziell eher links auf seiner Spur zu fahren. Die Ergebnisse des Versuchs liegen Anfang 2015 vor.

Das sagt das Bundesamt

Trottoirs sollten nur in Ausnahmefällen fürs Velo geöffnet werden

Wäre es erlaubt, Radstreifen auf dem Trottoir mit roter Farbe hervorzuheben?

Bundesamt für Strassen (Astra): Rote Markierungen sind nur auf Radstreifen auf der Fahrbahn anzubringen, nicht aber auf Trottoirs, welche für Radfahrer geöffnet sind.

Was spricht dagegen?

Astra: Allgemein gilt für Signale und Markierungen der Grundsatz der zurückhaltenden Anwendung: Die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmenden sollte nicht durch zu viele verschiedenartige Signale und Markierungen überbeansprucht werden. Besondere Zurückhaltung gilt deshalb auch beim Einsatz von Farbe, da solche die Aufmerksamkeit zwar einerseits anzuziehen vermag, sie andererseits aber auch von anderen für die Verkehrssicherheit wichtigen Dingen weglenkt.

Wie steht das Astra zur Idee, Radwege grundsätzlich rot einzufärben?

Astra: Die Abwägungen zur Roteinfärbung ergaben, dass die beste Wirkung erzielt wird, wenn nur besonders gefährliche Stellen eingefärbt werden. Die positive Wirkung solcher Einfärbungen wurde anhand eines wissenschaftlich begleiteten Versuchs überprüft und bestätigt. Auch die Möglichkeit, Radwege rot einzufärben, wurde diskutiert, jedoch fallen gelassen.

Welche Lösung empfiehlt das Astra, um die Konflikte zwischen Velos und Fussgängern dort zu entschärfen, wo sie sich den gleichen Raum teilen müssen?

Astra: Zu bevorzugen sind physisch getrennte Verkehrswege, nur diese bieten optimalen gegenseitigen Schutz. Die Vollzugsbehörden sollten deshalb, wo immer möglich, eine solche Lösung anstreben und gemeinsame Verkehrswege nur als (kurze) Verbindungsstücke einsetzen. Dort sollte den unterschiedlichen Benutzergruppen auch klar sein, auf welche Seite der Trennlinie sie hingehören. Im Wissen um das vorhandene Konfliktpotenzial sollten Trottoirs für Radfahrer nur in sehr eingeschränktem Rahmen geöffnet werden – insbesondere zur Schulwegsicherung auf schwach begangenen Trottoirs neben relativ stark befahrenen Strassen.

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