Hintergrund

Eine geheimnisvolle Firma in Zürichs Weissem Schloss

Die Arcanum AG hat den früheren Mossad-Chef Meir Dagan als Berater angestellt. Experten halten die Firma mit Hauptsitz in Zürich für einen privaten Geheimdienst.

Hier werden Informationen beschafft, unter anderem für die amerikanische Justiz: General-Guisan-Quai 36 in Zürich.

Hier werden Informationen beschafft, unter anderem für die amerikanische Justiz: General-Guisan-Quai 36 in Zürich. Bild: Dominique Meienberg

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Zur Mittagszeit brennt Licht im dritten Stock am General-Guisan-Quai 36. In dem Gebäude an bester Lage in Zürich, auch Weisses Schloss genannt, hat die Firma Arcanum ihren Hauptsitz. Der Name (lateinisch für «Geheimnis») ist zugleich ihr Programm: Wer dort klingelt, steht auch Minuten später noch vor verschlossenen Türen. Eine Nachbarin, die im zweiten Stock arbeitet, sagt, sie habe nie jemanden rein- oder rausgehen sehen.

Die Firma ist seit 2009 im Schweizer Handelsregister eingetragen. Bis vor zehn Tagen wussten allerdings nicht einmal Branchenkenner, dass es sie gibt. Dann veröffentlichte Arcanum eine Mitteilung mit spektakulärem Inhalt: Meir Dagan, der frühere Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad, wird ihr neuer Berater – jener Dagan, der zurücktreten musste, weil er die Exekution von palästinensischen Militanten in einem Hotel in Dubai 2010 zu verantworten hatte. War die Medienmitteilung dazu gedacht, neue Kunden zu gewinnen?

Verschwiegene Branche

Arcanum ist auf einem Gebiet tätig, für das sich die englischen Begriffe «Forensic» und «Intelligence» eingebürgert haben. Es geht um die Beschaffung von Informationen, meistens für Unternehmensentscheide. Dazu werden offene Quellen ausgewertet und die Daten in Analysen verarbeitet. In Wirtschaftskreisen weiss man allerdings, dass auch illegale Methoden angewendet werden: So wurden von solchen Firmen auch schon Hacker beauftragt, Bankkundendaten zu beschaffen.

Die Kontaktaufnahme mit Arcanum gestaltet sich auch per Mail schwierig. Ein Sprecher stellt ein Interview in Aussicht, allerdings erst in zwei Wochen. Schriftlich gestellte Fragen werden an die Zweigstelle nach Washington umgeleitet. Von dort erfährt man: Arcanum arbeitet für Anwaltskanzleien, internationale Unternehmen und Finanzinstitute. Genauere Angaben über ihre Kunden will sie nicht machen. Die Zahl der Angestellten in Zürich will Arcanum nicht nennen. Der Direktor habe seinen Sitz in Washington. In Zürich würden zwei Kaderleute arbeiten.

Solche Firmen haben ehemalige Polizeichefs, frühere Staatsanwälte oder Sicherheitsberater angestellt. Sie verfügen über das notwendige Wissen und ein Netzwerk, das manche Türen öffnet. Aussergewöhnlich ist aber, wenn ein früherer Geheimdienst-Kadermann für eine solche Firma arbeitet. «Das lässt aufhorchen», sagt der Unternehmensberater Peter Cosandey, ein ehemaliger Staatsanwalt.

Arcanum hat Zweigniederlassungen in London, Brüssel, Washington, New York und Dubai. «Sie scheint ein privater Nachrichtendienst zu sein», sagt Mauro Mantovani, Dozent für strategische Studien an der Militärakademie der ETH. Solche Nachrichtendienste seien zahlreich, besonders in Wirtschaftsmetropolen. «Information bedeutet Geld, und die Informationsbeschaffung wird ausgelagert», so Mantovani. Gemäss der eigenen Website arbeitet Arcanum für die amerikanische Regierung. In ihrem Auftrag hat sie in den letzten Jahren zum Beispiel Untersuchungen über das weit verzweigte Netz des Börsenspekulanten Bernard Madoff durchgeführt. Auf diese Weise konnte einigen Opfern von dessen Schneeballsystem geholfen werden.

Recherchen über Steuersünder?

Dass Private die Funktion einer Untersuchungsbehörde übernehmen, ist laut dem Unternehmensberater und Juristen Cosandey in den USA durchaus üblich. Dort werde es auch Anwälten überlassen, die Beweismittel zu beschaffen – weshalb Firmen wie Arcanum dafür engagiert werden. Arcanum arbeitet auch für die New Yorker Staatsanwaltschaft und das amerikanische Justizministerium. Deshalb liegt die Frage auf der Hand: Recherchiert Arcanum über Bankkunden, die ihr Geld vor den amerikanischen Steuerbehörden in der Schweiz versteckt halten? Die Firma beantwortet diese Fragen selbstredend nicht. Laut Cosandey wäre eine solche Tätigkeit illegal. «Es wäre eine klare Umgehung der Regeln über die Rechtshilfe und eine verbotene Handlung für einen fremden Staat.»

Für die Schweizer Bundesanwaltschaft gibt es derzeit keinen Grund, gegen Arcanum ein Verfahren zu eröffnen. Es fehle ein konkreter Anfangsverdacht, heisst es in Bern. Auch die Tatsache, dass der Direktor von Arcanum früher bei der New Yorker Staatsanwaltschaft gearbeitet hatte, die sich mit Finanzdelikten von Schweizer Banken beschäftigt, reicht dazu nicht aus. Der 30-jährige Arusy Eitan, früher Sprecher bei der israelischen Armee, war vor ein paar Jahren massgeblich beteiligt an der Aufdeckung eines Umgehungsgeschäfts. Eitan wies nach, wie das iranische Regime über eine gemeinnützige Organisation in New York Geld für sein Atomprogramm beschaffte. Die Credit Suisse, die neben anderen Banken darin involviert war, musste eine Busse in der Höhe von einer halben Milliarde Dollar zahlen. Eitan arbeitet heute in Arcanums Zweigstelle Washington, lässt die Firma verlauten.

Spur führt ins Erdölgeschäft

Welche Aufgabe Meir Dagan hat, will sie nicht kommentieren. Die Antwort ist allgemein gehalten: «Wir sind stolz, einen solch hoch qualifizierten und respektierten Experten auf dem Gebiet der Nachrichtenbeschaffung bei uns zu haben.»

In Zürcher Wirtschaftskreisen vermutet man, dass Dagan der Firma im Erdölgeschäft nützlich sein könnte. Arcanum ist eine Tochtergesellschaft der RJI Capital Holdings GmbH, die den Hauptsitz an gleicher Adresse in Zürich hat. Deren Chef Ron Wahid, ein amerikanischer Staatsbürger, ist im Erdölgeschäft tätig. Wahid sei an einer Zusammenarbeit mit in Zug domizilierten Firmen aus dem Rohstoffhandel interessiert. So erklärt man sich jedenfalls die Anstellung Dagans: Dieser ist nicht nur ein ehemaliger Geheimdienstmann, sondern sitzt auch im Verwaltungsrat einer israelischen Erdölfirma. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2012, 20:32 Uhr

Meir Dagan, Ex-Chef des israelischen Geheimdienstes Mossad. (Bild: Reuters )

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