A point

Eine klasse Kantine

Das Freiluftrestaurant Frau Gerolds Garten hat die Entspanntheit und die Ewigkeit eines Provisoriums.

Sieht aus wie ein Rummelpark: Frau Gerolds Garten.

Sieht aus wie ein Rummelpark: Frau Gerolds Garten. Bild: Giorgia Müller

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Jeden Sommer passiert dasselbe. Das Jahr über arbeitet Zürich, dann macht es Hitzferien. Die Zivilisation löst sich auf, die Leute werden zivil. Alles hängt: Hemden, Pendenzen und die, die drinstecken. Aus der südlichsten Stadt des Nordens wird die nördlichste Stadt des Südens.

Pfingsten war das erste richtige Sommer­wochen­ende mit heissen Temperaturen. Die Leute kleideten sich nachlässig, ihr Fleisch leuchtete weiss, und gegen Abend kamen sie alle aus den Häusern. Zeit, das Freiluftrestaurant Frau Gerolds Garten im Moment des grössten Ansturms zu testen. Frau Gerolds Garten ist gleichzeitig gastronomische Avantgarde und eine Kantine. Zu essen gibt es nur eine Handvoll Menüs, man steht Schlange, die Preise schockieren kaum. Das Gelände ist riesig: Es ist das Brachland, wo das gescheiterte Kongresszentrum hätte stehen sollen. Und das Konzept ist kompliziert: Das Restaurant ist auch seine eigene Gärtnerei. Hinter der Terrasse wachsen in SBB-Kisten Kräuter und Salate. Und im Hof stehen Läden mit Design.

Hipster sind seltener geworden

Aussehen tut es wie ein Rummelpark, ein Turm und ein Hafen gleichzeitig: mit Fähnchenschnüren, bunten Glühbirnenreihen, dem Turm aus Schiffs­containern, dem Schlechtwetterzelt, dem Pingpongtisch, den Pflanzen, den Kinderschaukeln, den Holzbuden. Nichts, was sich nicht wegtragen liesse. Obwohl erst seit 2012 in Betrieb, hat Frau Gerolds Garten schon die Entspanntheit und die Ewigkeit eines Provisoriums. «Hipster», sagte ich, «vor zwei Jahren wimmelte es hier noch von Hipstern.»

«Wo denn?», sagte mein Bruder.

«Man entdeckt sie jetzt seltener. Das neue Stilideal ist der Normalo», sagte ich mit der Weisheit des älteren Bruders: «Der erste, der einen sieht, gewinnt einen ...» «Da – da – da!», ächzte mein Bruder. Und tatsächlich, ein prachtvoller Hipster mit Vollbart, Sonnenbrille und einem silbernen Vespa-Helm in der Hand verliess das Gelände. Er blieb ein seltener Anblick.

Wir wendeten uns dem Essen zu. «Das Bier (7.50) ist warm. Jedenfalls nicht kühl», sagte mein Bruder. Es blieb die einzige Kritik des Abends. Denn Frau Gerolds Garten stellte sich als Kantine heraus, die einem Massenansturm gewachsen war. Der Salat (14) mit Quiche hatte alles, was szenenrestaurantmässig war: Rucola, Erdbeeren, Himbeeren drin. Nur Teufel, er schmeckte nicht szenenrestaurantmässig, also gewollt interessant, sondern schlicht überzeugend. Die Erd-, die Himbeeren waren weder süss noch wässrig wie sonst, sondern ganz anders: dunkel und echt. Und der Rucola – laut dem Künstler Gabriel Vetter der «Efeu der Gentrifizierung» – auch.

Das Fleisch im Kalbspaillard (22) ass sich vertraut, als esse man sich selbst, der Kaffee (4) war richtiger Kaffee und das Vanillecornet (4.50) schmeckte teuer nach Mint. Kurz, es gab nichts zu kritisieren. Und so sprachen wir über anderes, eben über die Dinge, über die man so spricht, wenn man sich einen Bauch und eine Kindheit geteilt hat: über ausrangierte Spielzeuge, Pläne und das Ende der Zivilisation.

Frau Gerolds Garten, Geroldstrasse 23, 8005 Zürich. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 11 bis 24 Uhr, Sonntag 12 bis 22 Uhr.

In der Rubrik «A point» ­besucht der TA Restaurants, ­Beizen und ­Spelunken. Die ­Kritiker ­testen die Lokale anonym.

Erstellt: 10.06.2014, 08:26 Uhr

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