«Eine wahre Plage sind diese unsäglichen Polterabende»

Komiker Beat Schlatter wohnt seit langem im Niederdorf. Im Interview sagt er, wer ihm bei Liebeskummer geholfen hat. Und erklärt, was er tut, wenn er vom Grossmünster-Pfarrer ein dringendes SMS erhält.

«Wir Altstadtbewohner fahren am Wochenende ja auch nicht in die Agglomeration und schiffen dort den Bewohnern in die Vorgärten»: Beat Schlatter.

«Wir Altstadtbewohner fahren am Wochenende ja auch nicht in die Agglomeration und schiffen dort den Bewohnern in die Vorgärten»: Beat Schlatter. Bild: Reto Oeschger

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Herr Schlatter, Sie wohnen seit 17 Jahren im Niederdorf. Warum sind Sie ausgerechnet dorthin gezogen?
Ich habe eigentlich immer im Kreis 1 gelebt. Bevor ich in meine jetzige Wohnung zog, habe ich acht Jahre im Dachgeschoss des Zeughauskellers gewohnt. Aber auf dieser Seite der Limmat war es mir nicht lebendig genug. Im Niederdorf ist mehr los. Hier leben 4000 Menschen.

In anderen Quartieren der Stadt wohnen mehr Menschen …
Das stimmt. Aber das Niederdorf ist eben im wahrsten Sinne ein Dorf mitten in Zürich. Es kommt beispielsweise vor, dass mich der Pfarrer vom Grossmünster per SMS zur Messe ruft und wir danach in der Beiz über seine Predigt diskutieren. Und wenn ich am Samstagmorgen den Markt auf der Gemüsebrücke besuche, dann brauche ich dazu drei Stunden, weil es mit allen was zu bereden gibt. Es herrschen fast schon italienische Verhältnisse. Man kennt sich, man hält zusammen.

Und worüber spricht man so im Niederdorf?
Über alles Mögliche. Kürzlich hat mir der Geschäftsführer vom Läbis, einem Lebensmittelgeschäft im Niederdorf, erzählt, dass gegenüber eine Frau am Fenster ihre nackten Brüste gezeigt habe. Als dann die Polizisten kamen, sagte sie: «So schöne Brüste habt ihr noch nie gesehen, gell?» Und die Polizisten antworteten: «Haben Sie eine Ahnung». Es läuft eben immer was bei uns. Als sich meine Ex-Freundin von mir getrennt hat, stand eine 70-jährige Ex-Prostituierte vor meiner Tür, die ich schon länger kannte. Sie überreichte mir einen Sack mit Nüsslisalat und mahnte mich, gut auf mich aufzupassen. Sie sorgte sich richtig um mich. Hier passen die Leute eben aufeinander auf.

Das klingt alles sehr nach heiler Welt. Ist es das tatsächlich?
Naja, so weit würde ich nun nicht gerade gehen. Aber es wohnen sehr spezielle Leute hier im Niederdorf. Ich bin beispielsweise ein halbes Jahr lang mit einem Pornoproduzenten morgens um sechs Uhr joggen gegangen. Auf dem Rückweg haben wir dann immer beim Beck um die Ecke Gipfeli gegessen. Die Bäckerei stellte plötzlich den Betrieb ein. Danach haben wir unsere Joggingroute in die Richtung einer anderen Bäckerei geändert. Die Buttergipfeli danach mussten einfach sein.

Das Lädelisterben im Niederdorf ist ein Thema, das viele beschäftigt. Kleiderketten und Grossisten würden Familienbetriebe und Kleingewerbe vertreiben, wird geklagt. Wie sehen Sie das?
Es stimmt, dass kleine Läden schliessen mussten. Doch nicht alle neuen Geschäfte sind schlecht. Es kamen übrigens auch kleine, unabhängige Geschäfte neu dazu. Veränderungen gehören zum Leben. Natürlich finde ich es schlimm, dass es nun auch bei uns einen Starbucks hat. Aber gleich gegenüber gibts im Henrici den besten Kaffee der Stadt. Die Inhaber Olivia und Tito sind wie Familienmitglieder für mich. Als wir uns vor dem letzten Limmatschwimmen dort getroffen haben, hat Olivia uns vorgeschlagen, unsere Kleider mit dem Velo zum Zielpunkt zu fahren. Wo sonst bekommt man in Zürich ein solches Angebot?

Sie haben also gar nichts am Leben im Niederdorf auszusetzen?
Natürlich gibt es das eine oder andere, das nervt. Zum Beispiel die Leute, die hier einfach an Wände oder in Hauseingänge pissen. So was ist unverschämt. Wir Altstadtbewohner fahren am Wochenende ja auch nicht in die Agglomeration und schiffen dort den Bewohnern in die Vorgärten. Eine wahre Plage für mich als Altstadtbewohner sind aber auch diese unsäglichen Polterabende. An manchen Abenden treffe ich auf meinem Heimweg bis zu vier solcher Gruppen von Männern oder Frauen, die unter anderem mitten im Sommer in Windeln mit geschulterten Skiern durch die Strassen laufen. Wenn sie mich sehen, wollen sie mir meistens etwas andrehen. Wenn ich dann versuche, einen Bogen um sie zu machen, und sage: «Nein danke», rufen sie mir dann noch hässig nach: «Im Fernseh bisch aber luschtiger!»

Dabei heisst es doch, es sei ruhiger geworden in der Ausgehzone Niederdorf?
Natürlich hat der Wegzug der Partyszene in den Kreis 5 das Quartier entlastet. Aber am Freitag und Samstag ist hier nach wie vor Rambazamba. Es ist vergleichbar mit einem Ferienort wie Adelboden. Auch hier strömen täglich Touristen durch die Strassen, mit denen wir Anwohner herzlich wenig zu tun haben. Es sind zwei komplett verschiedene Welten, die nebeneinander existieren. Ich kenne niemanden, der im Niederdorf lebt und hier am Wochenende ausgeht. Die Altstadtbewohner und die Gewerbetreibenden sorgen aber dafür, dass das Quartier trotz alledem so wohnlich wie möglich bleibt.

Wie stellen sie das an?
Sie treffen sich regelmässig im Grünen Glas, um anstehende Probleme zu diskutieren und nach Lösungen zu suchen. Es gibt einen wirklich starken Gemeinschaftssinn und ein grosses Bemühen darum, die Innenstadt lebendig zu halten. Das habe ich auch gemerkt, als ich mich damals für meine Wohnung beworben habe. Ich habe den Zuschlag nur bekommen, weil mein Vermieter merkte, dass ich am Leben im Niederdorf teilhaben will. Die Leute wollen hier keine Doppelverdiener, die den ganzen Tag über nicht im Quartier sind.

Genau das wird aber beobachtet: Wohnungen an den schönsten Lagen stehen leer, weil sie nur als Zweitwohnsitze genutzt werden – oder weil man sich die hohen Mietzinse nicht leisten kann.
Dort, wo ich wohne, ist das ganz sicher nicht der Fall. Wenn irgendwo im Niederdorf eine Wohnung frei wird, wissen das sofort fünf bis sechs Leute, die dann neue Mieter vermitteln. Die Mietzinse sind nicht so hoch, wie man das gemeinhin annimmt, weil man hier auch Leute haben will, die nicht so viel Geld haben. Abgesehen davon gibt es sehr viele städtische Wohnungen mit niedrigen Mieten. Das ermöglicht es auch Familien, hier zu leben. Das Niederdorf ist wirklich alles andere als tot.

Erstellt: 16.02.2015, 15:24 Uhr

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