Einkaufen in der eigenen Siedlung

In der Genossenschaft Kalkbreite wohnen 250 Menschen. Gleichzeitig sind dort 200 Arbeitsplätze entstanden – und einige Ladeninhaber verwirklichen den Traum ihres Lebens.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer am Abend im Restaurant Bebek in der Kalkbreite sitzt, kann das Tram gleich doppelt sehen. Draussen rattern die Linien 2 und 3 vorbei, im ­Inneren jedoch kommen nach dem Rummel der abendlichen Rushhour viele andere Tramzüge ins Depot. Für die Restaurantgäste wird dies zum ­surrealen Traum. Nur durch eine Glasscheibe getrennt, wirken die Trams wie eine überdimensionierte Modelleisenbahn. Das Bebek ist ein Ableger des In-Lokals Maison Blunt im Kreis 5. Nicht nur die Trams machen es attraktiv. Die gesamte Inneneinrichtung ist stimmig und verbreitet einen kühlen Charme.

Das Bebek ist einer von 24 neuen Betrieben in der Genossenschaft Kalkbreite. Die unkonventionellen Läden, Büros, das Kino und die Gastrobetriebe bringen zu den unterschiedlichsten Zeiten Betrieb ins Quartier. Schon wenige Tage vor der offiziellen Eröffnung am nächsten Wochenende ist ein neues ­Lebens­gefühl zu beobachten, selbst im verregneten August 2014. Wo früher ein öder Parkplatz war, sitzen heute die Leute im Freien, trinken Kaffee, lesen, plaudern essen Mezze oder vor der angrenzenden Coffee-Bistro-Bar Hin & Weg Salate und Sandwiches.

Das Dreieck als Wegbereiterin

Hier hat in kürzester Zeit geklappt, was an anderen Orten misslungen ist. Wie etwa in Zürich-West, wo die Wohn- und Bürotürme nach wie vor steril und verloren wirken. Oder in Neu-Oerlikon, wo die vielen Schlaffabriken stehen. Dort mangelt es nach wie vor an kleinen Läden und Quartierrestaurants, um Begegnungen zu fördern. In der Kalkbreite hat sich die Genossenschaft daran orientiert, was die Stadt der Zukunft bestimmen wird: Wohnen und Arbeiten gehörten zusammen, sonst seien die Verkehrs­probleme nicht mehr zu bewältigen.

Das Experiment Kalkbreite ist nicht zufällig entstanden, es steckt viel Erfahrung dahinter. Res Keller, Geschäftsführer und Projektentwickler, war schon Geburtshelfer und Vorstandsmitglied bei der Genossenschaft Dreieck an der Gartenhofstrasse. Laut Keller ist sie in vieler Hinsicht eine Wegbereiterin der neuen Siedlung. Im Dreieck sind 60 Wohnungen bunt gemischt mit Bar, Läden, Büros, Werkstätten und der Quartierbibliothek. Ähnliche Betriebe mit ökologischer und sozialer Ausrichtung sind in der Kalkbreite zu finden.

Ein typisches Beispiel für die Wohn- und Gewerbesiedlung ist der Bachser Märt. Über Mittag verkauft er vegane ­Gerichte und hausgemachte Suppe vom nahe gelegenen Buffet Dreieck. Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung sind für den Unternehmer Patrick Honauer keine leeren Floskeln. In der Kalkbreite lässt er sich erstmals auf ein Experiment ein: Über 100 Grundnahrungsmittel wie Reis, Teigwaren, Hülsenfrüchte wird er nicht verpackt, sondern zum Abfüllen anbieten. Hauswein, Most und Öl können offen abgezapft werden. Einmalig dürfte auch der Milchautomat sein, wo die Kunden täglich ihre Milch aus einem Bio-Demeter-Hof tanken können.

Wunschmieter

Im Ladenlokal auf einem über acht Meter langen Tisch gibt es Ernährungsbe­ratung sowie Abendkurse zur nachhaltigen Produktion. «Hier entstehen gute Synergien», sagt Honauer. «Für unsere Abendkurse dürfen wir die Toiletten im Houdini benutzen.» Honauer erhofft sich von seinem Konzept, dass es auf ­andere Betriebe ausstrahlt.»

Von Anfang an stand für die Genossenschaft fest, dass das Gewerbe in der Kalkbreite eine wichtige Rolle spielen wird. Das hat mit der Gebäudestruktur zu tun. Wegen der bis ins zweite Obergeschoss angebauten Tramhalle war ein hoher Anteil an Büros im ersten Stock und an Gewerbe im Erdgeschoss vorgegeben. Wie lassen sich 5000 Quadratmeter auf teilweise drei Stockwerken verteilt, sinnvoll gestalten? «Wir wollten ein neues attraktives Zentrum schaffen», so Keller. «Unsere Herausforderung war, für die grössten Flächen interessante Mieter zu finden, die erst noch unsere Kriterien erfüllen.»

Ein solcher Wunschmieter war der Kino- und Barbetrieb Houdini. Auch hinter diesem steckt ein alter Bekannter aus dem Kreis 5. Die Betreiberin, die Neugasse Kino AG, hat sich mit den Riffraff-Kinos längst einen Namen gemacht. An der Kalkbreite werden neue Wege erprobt. Anstatt horizontal wurde vertikal gebaut. Es gibt fünf kleine Säle und eine grosse Bar mit einem stylischen Interieur. Auch hier geben Fenster den Blick auf das im Kern der Überbauung untergebrachte Tramdepot frei.

Trouvaillen, ein Leben lang gesammelt

Der Mix der Geschäfte lässt vieles zu. Die 61-jährige Hanna Wettstein, Inhaberin der Boutique Blex hat sich an der Kalkbreite ihren Jugendtraum erfüllt: «Ich wollte schon immer einen Laden eröffnen.» Dabei arbeitet die Heilpädagogin auch noch im Schulhaus Hohl. Aber endlich hat sie Platz gefunden für ihre alten Blechdosen, wahre Trouvaillen, die sie ein Leben lang sammelte. Jetzt stehen sie im Gestell neben Blechspielsachen und Büchern zu und über Zürich. «Ich verkaufe, woran ich Freude habe.» Ob es rentieren wird? «Das ist meine zweite Karriere sozusagen», sagt Wett­stein, «aber ich will es probieren.»

Eine Quereinsteigerin ist Fräulein Meier von Oh Sweetest Thing. Sie bietet Cupcakes an, sieht aus wie eine Frau aus den 50er-Jahren, besteht darauf, mit «Fräulein» angesprochen zu werden, und trägt einen hellblauen Jupe, rosa Schürzchen, lila Pullover und ein Strahlen übers ganze Gesicht. Aber auch die Innenausstattung des Geschäftes ist ganz auf Retro getrimmt. Als die ehemalige Kundenbetreuerin einer Bank, den Zuschlag für den Laden erhielt, ist sie zuerst nach England gereist, um das Metier vor Ort von Grund auf zu lernen.

Trendquartier vergrössert sich

Eine andere Quereinsteigerin ist Annina Rohrer von der Blumerei. Die ehema­-lige Zeichnungslehrerin kann jetzt ihre Passion für Blumen an diesem Ort ausleben. Rohrer mischt zugekaufte Blumen mit selbst Gepflücktem aus ihrem Garten und bindet so unkonventionelle Sträusse aus Trocken– und Papier­blumen, wie es sie nirgendwo sonst zu finden gibt.

Schräg gegenüber der Blumerei befinden sich die Büros von Greenpeace. «Wir wollten unseren ökologischen Fussabdruck verkleinern», sagt Sprecherin Lilla Lukacs. An der Heinrichstrasse sei das als Mieterin nicht mehr möglich ­gewesen. Deshalb wollte Greenpeace schon länger wegziehen. Hier arbeiten etwa 80 Personen, meist Teilzeit. «Um Platz zu sparen, haben wir flexible und geteilte Arbeitsplätze eingeführt. Es ermöglicht uns, die Zahl der Arbeitsplätze auf 50 zu reduzieren», erklärt Lukacs.

Miete unter dem Durchschnitt

Was fehlt, sind Handwerker. «Wir hätten gerne eine Velowerkstatt gehabt oder einen Schreiner», sagt Keller, «das aber war wegen der fehlenden Lagerflächen und Parkplätze nicht möglich.» Dafür gibt es eine Kita und eine Hausarztpraxis. Die Alternative Bank wird hier einziehen, die Anlaufstelle für Sans Papiers hat Fuss gefasst, ein Africa-Shop entsteht, Kinderkleider werden in Making Little Things angeboten. «Das Interesse an einem ­Laden oder Büro war gross», sagt Keller: «Wir haben sie 2011 ausgeschrieben. Heute sind alle vermietet.» Die Miete liegt unter dem Schnitt der quartierüblichen Preise. Sie seien vom genutzten Volumen und der Lage abhängig.

Offiziell wird die Kalkbreite am nächsten Wochenende eröffnet. Doch bereits seit Wochen herrscht ein reger Betrieb. Der Mix von konventionellen und unkonventionellen Läden sorgt weit über das Quartier hinaus für Aufmerksamkeit. Seit die Nordumfahrung in Betrieb ist und sich der Verkehr nicht mehr durch die Weststrasse zwängt, ist der Kreis 3 zum Trendquartier der Stadt geworden. Mit der Kalkbreite hat er diese Stellung weiter gefestigt. Wie gut das Konzept funktioniert, dass die Bewohner der Kalkbreite nicht in der Migros oder im Coop, sondern im Bachser Märt und all den andern Läden einkaufen, wird die Zukunft zeigen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.08.2014, 07:16 Uhr

Serie

Die Siedlung Kalkbreite

Der «Tages-Anzeiger» berichtet in einer Serie über die neue Wohn- und Gewerbe­siedlung Kalkbreite. Die vielfältigen Wohn- und Nutzungsformen sind neu für Zürich. In loser Folge beleuchtet die Artikelreihe die neuen Formen des Zusammenlebens, das Gewerbe, das Spannungsfeld zwischen privaten und öffentlichen Räumen und die architektonischen Besonderheiten des Kalkbreiteprojekts. (TA)

Artikel zum Thema

Wenn sich Stadtzürcher plötzlich grüssen

Die Siedlung Kalkbreite ist ein Novum für die Schweiz. Der Komplex ist nicht nur Wohn- und Arbeitsort, er bietet auch Aussenstehenden Raum. Das führt zu Spannungen. Mehr...

Mehr «unser», weniger «mein»

In der neuen Siedlung Kalkbreite in Zürich gehen 250 Bewohner und genauso viele Arbeitende miteinander auf Tuchfühlung: Ein Sozialexperiment mit offenem Ausgang. Mehr...

Überragend verdichtet

Städtebau Koloss oder dringend nötige Verdichtung? Die neue Siedlung Kalkbreite im Kreis 4 stösst wegen ihrer Dimensionen auf geteilte Reaktionen. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Kleine weisse Wunder
Mamablog «Oft fehlt der Mut, zu erziehen»

Die Welt in Bildern

Spielen im Schnee: Die zwei chinesischen Riesenpandas Chengjiu und Shuanghao geniessen das kalte Wetter im Zoo von Hangzhou (9. Dezember 2018).
Mehr...