«Einkommensschwache Anwohner werden vertrieben»

An der ehemaligen Transitachse werden unzählige Liegenschaften umgebaut oder saniert, langjährige Anwohner sind gezwungen, das Gebiet zu verlassen. Die Quartiervertreter müssen machtlos zusehen.

Bald eine attraktive Wohnlage: Die Weststrasse ohne Durchgangsverkehr.

Bald eine attraktive Wohnlage: Die Weststrasse ohne Durchgangsverkehr. Bild: Keystone

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Im kommenden Herbst feiert die Stadt Zürich die Sperrung der Weststrasse und die Entlastung des Quartiers vom Durchgangsverkehr. Gar nicht zum Feiern zu Mute ist den hunderten Anwohnern, die ihre Wohnung in absehbarer Zeit verlassen müssen. Mit dem Verschwinden des Durchgangsverkehrs ist die Wohnlage so attraktiv geworden, dass die Mieten steigen werden. Viele Liegenschaftenbesitzer werden zudem ihre Gebäude sanieren oder gar neu bauen. Laut «Schweiz aktuell» führt das dazu, dass bis Ende 2012 den Mietern in jedem zweiten Haus gekündigt wird.

«Die Häuser sind teilweise in einem furchtbaren Zustand, deshalb gibt es einen riesengrossen Nachholbedarf bei den Sanierungen», sagt Ronald Schmid, Präsident des Anwohnervereins Weststrasse. Er kenne Eigentümer, die nie investiert hätten, weil sie gar nicht mehr damit rechneten, dass die die Transitachse jemals verschwinde. Deshalb liessen sich vor allem einkommensschwache Mieter an der lärmigen Verkehrsachse nieder. «Wer an der Weststrasse wohnt, dem bleibt nichts anderes übrig, weil er nicht mehr für Mieten zahlen kann», sagt Schmid.

Anwohnerverein löst sich auf

«Diese Anwohner werden nun vertrieben und das Zusammengehörigkeitsgefühl wird verschwinden», sagt Schmid. Er befürchtet, dass in die neuen, deutlich teureren Wohnungen kaum Familien ziehen werden. «Wer hierher kommt will zentral und städtisch wohnen und irgendwann weiterziehen.»

Mit der neuen Situation ist der Anwohnerverein überflüssig geworden. Darin haben sich Leute zusammengeschlossen, die den Durchgangsverkehr weg haben wollten. Jahrelang haben sie sich deswegen getroffen, jetzt ist dieses Ziel erreicht. Nun müssen sie sich eine neue Bleibe suchen – und die neuen Bewohner brauchen keine Vereinigung, welche ihre Interesse vertritt. «Deshalb wird der Vorstand an der Versammlung 2012 wohl die Auflösung beantragen», sagt Schmid.

«Wurzeln werden ausgerissen»

Kritisch äussert sich auch Ernst Hänzi, Präsident des Quartiervereins Wiedikon: «Niemand kann Ruinen an der Weststrasse brauchen, doch persönlich bin ich der Meinung, dass es schön wäre, wenn es Wohnungen geben wird mit erträglichen Mieten.» Man könne zwar keinem Besitzer verübeln, wenn er sein Gebäude aufwertet. «Andererseits müssen deshalb viele Leute wegziehen – auch solche, die lange Jahre hier gewohnt haben.»

Eine ähnliche Entwicklung wie an der Weststrasse erlebt laut Hänzi derzeit ganz Wiedikon. «Auch viele Genossenschaftswohnungen haben ihre Lebensdauer erreicht und müssen umfassend saniert oder gar neu gebaut werden.» Dadurch würden grosse Teile des Quartiers erneuert. «Wenn dabei alte Leute ihre Wohnung verlieren, werden ihre Wurzeln ausgerissen. Daran sollten die Besitzer denken», sagt Hänzi. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2011, 14:53 Uhr

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