Einmal wurde gar ein Helikoptereinsatz nötig

Heute äussert sich der Zürcher Stadtrat zum besetzten Koch-Areal. Was aus den Besetzungen der letzten 40 Jahre wurde.

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Transparente und bunt bemalte Hausfassaden gehören zu Zürichs Stadtbild. Manchmal nehmen Fremde nach dem Auszug der letzten Mieter ganze Areale ein, manchmal nur ein einzelnes Haus. In rund 30 Objekten haben sich Hausbesetzer derzeit breit gemacht. Gemeinsam ist ihnen, dass sie das eroberte Terrain frei von allen Normen in eigene Kreativoasen umgestalten wollen. Anfänglich üben Polizei, Behörden und Öffentlichkeit in den meisten Fällen viel Toleranz. Es werden – ganz offiziell – Nutzungsvereinbarungen unterzeichnet. Doch fast immer kommt der Moment, wo die Stimmung kippt. Das zeigt der Blick in die Geschichte.

Und so war auch im Fall des Koch-Areals. Nachdem der TA publik gemacht hatte, dass sich die Besetzer in verschiedenen Bereichen nicht an die Vereinbarung halten, wurde der Ruf nach einer Reaktion der politischen Verantwortlichen laut. Doch diese warteten zu.

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Heute ist es nun aber soweit. Gleich drei Vertreter der Stadtregierung stellen sich den Medien: Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP), Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) und Polizeivorsteher Richard Wolff (AL).

Erfolgsmodell Hellmi

In Zürich werden seit den 1970er-Jahren Häuser besetzt. Es war die Zeit, in der sich die Stadt rasant zu entwickeln begann. Mit dem Slogan «Wo Wo Wonige» kämpften Hausbesetzer und Sympathisanten gegen grosse Neubauprojekte und den Verlust von Wohn- und Freiraum.

Zur ersten grossen, politisch motivierten Besetzung kam es 1971 an der Venedigstrasse beim Bahnhof Enge. Sie nahm ein verhältnismässig sanftes Ende. Ehemalige Mieter und befreundete Kreise besetzten sieben Häuser rund um den Tessinerplatz, um sie vor dem Abbruch zu bewahren. Nach zwei Wochen zogen die Besetzer freiwillig ab, und die Häuser wurden abgerissen.

Die Besetzung des «Hellmi» bei der Bäckeranlage 1979 ist als Vorbote für die moderene Besetzerszene zu verstehen. An der Hellmutstrasse strebten die Besetzer selbstverwalteten und autonomen Wohn- und Freiraum an - und hatten Erfolg. Bis heute funktionieren die Häuser als legales Wohnprojekt der Wogeno Zürich.

Heftige Reaktion der Polizei

Der Kampf um die Rote Fabrik und die Jugendunruhen in den 80er-Jahren spornten den Kampf der Besetzer um leer stehende Häuser an. Hitzig reagierte auch die Polizei. Nach der Räumung der Badenerstrasse 2 am Stauffacher verhaftete die Polizei gegen den Willen des Stadtrates 73 Personen. Gebaut wurde erst fünf Jahre später.

Die Wohlgroth-Besetzung geht gemäss Thomas Stahel als erste Kulturbesetzung in die Zürcher Geschichte ein. Der Historiker hat über die stadt- und wohnpolitischen Bewegungen in Zürich doktoriert. Ab Mai 1991 hielten rund 100 Leute fünf Liegenschaften an der Klingenstrasse hinter dem Hauptbahnhof besetzt. Die Volxküche mit Bar, die Musikräume und das Nähatelier wurden bald zu Treffpunkten für junge Zürcher, die Graffiti «Zureich»und «Alles wird gut» waren in der ganzen Stadt bekannt.

Trotz Widerstand räumte die Polizei das Areal im Herbst 1993. Um den Besetzern Herr zu werden, setzten die Behörden gar Wasserwerfer und einen Helikopter ein.

Lange Schonfristen

In den letzten fünfzehn Jahren zählte Zürich zahlreiche, teils Jahre dauernde Besetzungen. Vor dem Bau der Genossenschaft Kalkbreite war die Liegenschaft an der Kalkbreitestrasse 4 rund sieben Jahre lang besetzt, auch sie wurde zu einem kulturellen Treffpunkt. Das Labitzke-Areal mit dem Autonomen Beauty Salon war von von 2011 bis 2014 besetzt. Die Besetzer erhielten mehrmals eine Verlängerung.

Bei der Räumung holte die Polizei eine Gruppe von Aktivsten per Hubrettung einzeln vom besetzten Labitzke-Turm. Seit einigen Monaten laufen auf dem Areal der Immobilienfirma Mobimo die Bauarbeiten für die 280 geplanten Wohnungen.

Auf dem Binz-Areal hatten sich die Besetzer zwischen 2007 und 2013 breit gemacht. Im Sommer 2015 kam es zu einer letzten Wochenende-Besetzung. Seither wird auf dem Areal, das der Kanton der Pensionskassen-Stiftung Abendrot im Baurecht abgegeben hat, gebaut.

Damit gilt das Koch-Areal als das letzte besetzte Areal von Zürich. Nach dem Räumungsbefehl in der Binz zog ein Grossteil der Besetzer auf das ehemalige UBS-Gelände an der Rautistrasse. Vor drei Jahren erwarb die Stadt die 30'000 Quadratmeter grosse Fläche, um darauf Hunderte von Wohnungen, günstige Gewerberäume und einen Park zu erstellen. Eine Studie zum Nutzungspotenzial des Areals wird derzeit erstellt. Solange jedoch kein gültiges Bauprojekt vorliegt, dürfen die Besetzer bleiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.10.2016, 12:26 Uhr

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