Einzige Vision: Weg mit der Polizei

Aus der Kaserne wird ein kantonales Bildungszentrum für Erwachsene. Die städtischen Parteien scheinen das zu akzeptieren – sie haben schlicht keine bessere Idee.

Blick von den Zeughäusern auf die geteilte Wiese und die Militärkaserne. Foto: Dominique Meienberg

Blick von den Zeughäusern auf die geteilte Wiese und die Militärkaserne. Foto: Dominique Meienberg

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Schlüsselareal für die Stadtentwicklung, regionaler Magnet, besterschlossene Freifläche der Schweiz – für das Kasernenareal gibt es nur Superlative. Dennoch beschliessen Stadt und ­Kanton in Gestalt der beiden Hochbauchefs, die Kaserne dem kantonalen Bildungszentrum für Erwachsene zu überlassen, wenn die Kantonspolizei 2020 ins neue Polizei- und Justizzentrum (PJZ) zügelt (Tagesanzeiger.ch/Newsnet vom Mittwoch). 30 Jahre Wettbewerbe, Konzepte, Studien enden mit einem Schulhaus.

Das ist aus Sicht der Erwachsenenbildung begrüssenswert, nur entspricht es bei weitem nicht dem Renommee dieser Anlage, dem zentralen Ort und den einstigen Hoffnungen. Doch nicht das bewegt die regierende Linke in ihren Stellungnahmen, sondern sie knüppeln auf die Polizeikaserne an der südlichen Ecke des Areals ein, die vorderhand bei der Kantonspolizei bleibt. Nicht die Nutzung der Militär­kaserne als Schulhaus wird hinterfragt, sondern sie geben sich nochmals jenem Ärger hin, den sie schon im Sommer ausgelebt haben.

Das ganze Areal versprochen

Im Juni hatte der Regierungsrat über­raschend bekannt gegeben, dass er die Polizeikaserne weiterhin benötigt, weil der Platzbedarf der Polizei gewachsen und das geplante PJZ an der Hardbrücke dafür bereits zu klein ist. Den Stimmberechtigten war aber in den Abstimmungen 2003 und 2011 in Aussicht gestellt worden, dass nach dem Bau des PJZ «die Bevölkerung das einmalige Areal künftig ­­ im eigenen Interesse beziehungsweise zugunsten des Wirtschaftsstandorts Zürich nutzen kann».

Entsprechend kritisch fielen in der Folge die Fragen im Kantonsrat aus. «Der Regierungsrat ist sich bewusst, dass die Zürcher Stimmberechtigten mit der Zustimmung zum PJZ im Gegenzug die Freigabe des Areals erwarten», antwortete er im September. Doch habe die Planung unter­brochen werden müssen, weil der Kantonsrat den 570-Millionen-Kredit abgelehnt hatte und die zweite Volksabstimmung abgewartet werden musste. Erst nach dem Ja des Volkes konnte der zusätzliche Flächenbedarf von neu gebildeten Organisations­einheiten genau berechnet werden. Eine Vergrösserung des PJZ und eine weitere Aufstockung des Kredits kam für den Regierungsrat aus politischen Gründen nicht infrage. Sicherheits­direktor Mario Fehr (SP) stellte im Juni in Aussicht, dass vielleicht in zehn bis fünfzehn Jahren über eine Vergrösserung des PJZ diskutiert werden könnte, was dann die Polizeikaserne frei machen könnte.

Ob man dem Regierungsrat daraus einen politischen Strick drehen will, ist Sache der kantonalen Parteien. Für die künftige Nutzung des Areals aber ist die am Rand gelegene und ziemlich kleine Polizeikaserne nicht entscheidend. Die ganze, heute geteilte Wiese wird zum Park und das ganze Zeughausareal samt Hof wird der Stadt überlassen. Das wissen SP, AL und Grüne zu schätzen, entspricht es doch ihren Idealen von freiem Grün und autonomem Quartier. Fordern jedoch tun sie nur eines: Der Kanton soll auch die Polizeikaserne freigeben.

Warum dieses Getöse um das kleine Haus, das kaum zehn Prozent des Kasernenareals besetzt? Weil es von der Frage ablenkt, was sie davon halten, dass aus der grossen Kaserne eine Erwachsenenschule wird. «Prüfenswerte Idee», schreibt die SP unverbindlich, kritisiert aber sogleich, dass über dieses Vorhaben nicht von Beginn weg informiert wurde. Die Grünen begrüssen das Bildungs­zentrum für Erwachsene und den Nutzungsmix für die Zeughäuser, vermissen aber dennoch ein «zukunftsweisendes Projekt». Dieses wurde 30 Jahre lang gesucht und nicht gefunden, auch von den Grünen nicht. Und jetzt tun sie so, also ob nur noch die Polizeikaserne frei werden müsste, und alles wäre gut. Mit dem Lärm um die Polizeikaserne übertönen die Linken und Grünen ihre Ideenlosigkeit.

Wo ist der grosse Wurf?

Leiser, aber ähnlich hilflos äussern sich die Bürgerlichen: Die FDP vermisst eine «grösser gefasste Vision», die CVP den «grossen Wurf». Was das sein könnte, sagen sie aber nicht. Den Verfassern des Masterplans Zukunft Kaserne – Regierungsrat Markus Kägi (SVP) und Stadtrat André Odermatt (SP) kann das linke Getöse und das bürgerliche Vermissen recht sein. Ihr Konzept bleibt im Kern unkritisiert: Die Stadt kriegt die Zeughäuser, aber nicht die grosse Militärkaserne, auf die sie ursprünglich gesetzt hatte.

Erstellt: 05.11.2014, 23:08 Uhr

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