Eltern fielen auf Scientology-Schule herein

Eine Privatschule in Zürich muss ihre Nähe zu Scientology nicht deklarieren. Sie ist staatlich bewilligt.

Im Gegensatz zu Zürich verweigerte Luzern die Bewilligung: Die von einer Scientologin geführte Freie Privatschule in Littau musste geschlossen werden. So wollte es das Urteil des Luzerner Verwaltungsgerichts. (19. November 2002)

Im Gegensatz zu Zürich verweigerte Luzern die Bewilligung: Die von einer Scientologin geführte Freie Privatschule in Littau musste geschlossen werden. So wollte es das Urteil des Luzerner Verwaltungsgerichts. (19. November 2002) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Suche nach einer Tagesschule ist für viele Eltern ein Albtraum. Für eine italienische Familie endete das Abenteuer mit einer bösen Überraschung. Diese hatte ihren Sohn Luici (Name geändert) zuerst in eine italienische Schule geschickt. Nach ein paar Monaten suchten sie eine deutschsprachige Tagesschule, damit sich Luici, ein sehr lebendiges Kind, besser integrieren konnte. Im Verzeichnis der Zürcher Privatschulen stach ihnen die Ziel-Schule in die Augen, weil sich diese speziell mit überaktiven Kindern befasst. Das Etikett «staatlich bewilligt» erleichterte den Entscheid.

Anfänglich waren Luici und seine Eltern mit der Schule einigermassen zufrieden, doch schon bald stellten die Eltern fest, dass ihr Sohn wenig Fortschritte in Deutsch und Mathematik machte. Nach einem halben Jahr wurden Luicis Eltern zum Schulfest eingeladen. Der Vater entdeckte eine Mitarbeiterin, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Plötzlich dämmerte es ihm. «Kennst du die Frau?», flüsterte er seiner Ehefrau zu. Als er ihr fragendes Gesicht sah, ergänzte er: «Das ist doch die Person, die oft in Oerlikon Flugblätter von Scientology verteilt.»

Sektennähe nicht gekannt

«Ich war geschockt», erzählt die Mutter. Sie recherchierte im Internet und fand nach wenigen Klicks heraus, dass die Ziel-Schule zum Scientology-Umfeld gehört. Und nach kurzer Zeit wusste sie auch, dass Schulleitung und Lehrpersonen aktive Scientologen sind.

Luicis Eltern fühlen sich betrogen. Sie verstehen nicht, weshalb die Privatschule nicht verpflichtet ist, die Eltern auf die Nähe der Schule zu Scientology aufmerksam zu machen. «Wenn ich dies gewusst hätte, hätte ich meinen Sohn nie in diese Schule geschickt», sagt die Mutter. Sie ärgert sich ausserdem, dass ihr Sohn auf Fotos der Schul-Website zu sehen ist. Weiter fühlen sich die Eltern getäuscht, bezeichnet sich doch die Ziel-Schule als überkonfessionell und religiös neutral. Als die Eltern Luici aus der Ziel-Schule nahmen, stellten die Lehrer an der neuen Schule erhebliche Wissenslücken fest, weshalb er die Klasse wiederholen muss.

Die Nähe der Ziel-Schule zu Scientology ist offensichtlich. Die Schulleiterin ist seit über 20 Jahren Mitglied der Sekte und hat die höchste Ausbildungsstufe erreicht, was bisher nur wenige Schweizer Scientologen geschafft haben. Auf der Internet-Propagandaseite «Mein Erfolg mit Scientology» schrieb sie: «Ich war vor allem unsicher im Umgang mit Kindern und heranwachsenden Jugendlichen. Ich lernte mithilfe der Daten von L. Ron Hubbard ihre Reaktionen und Verhalten zu verstehen und wusste, wo deren Ursachen lagen.»

Kehrtwende des Regierungsrats

Warum muss die Ziel-Schule ihre Nähe zu Scientology nicht deklarieren? Ursprünglich hatte die Zürcher Bildungsdirektion eine klare Haltung: «Ziel muss es sein, jede Schulung durch Scientology mit allen rechtlich vorhandenen Mitteln zu verhindern oder zu unterbinden», schrieb sie 1995. Doch fünf Jahre später erteilte sie den Scientologen trotzdem die Bewilligung.

Der damalige Regierungsrat Alfred Gilgen hatte sich erfolgreich dagegen gewehrt und vom Bundesgericht recht bekommen. Scientologen seien nicht vertrauenswürdig, eine Schule zu führen, entschieden die höchsten Richter. Gilgens Nachfolger Ernst Buschor zeigte nicht den gleichen Kampfgeist, weshalb die Ziel-Schule doch noch eine Bewilligung erhielt. Anders in Luzern: Dort verweigerte die Regierung einer Ziel-Schule die Bewilligung und wurde vom Bundesgericht gestützt.

Kein Ritalin für ADHS

Schulleiterin Elisabeth Ambühl erklärt, sie würde darauf hinweisen, dass «wir unter anderem mit Studiermethoden von L. Ron Hubbard arbeiten». Ein umstrittener Punkt ist der Umgang der Schule mit dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS. Für Scientology sind Psychopharmaka und auch Ritalin, das oft bei ADHS-Patienten eingesetzt wird, gefährliche Drogen, die Kinder töten können. In Broschüren wird der Eindruck erweckt, Psychiater betrieben vorsätzlichen Massenmord. Auf der Website schreibt denn auch die Ziel-Schule, sie biete Abklärung bei einer ADHS-Diagnose an.

Gegenüber dem TA präzisiert die Schulleiterin: «Wir helfen den Eltern, eine Lösung zu finden, die nicht zu einem geschädigten Kind führt.» Sie würden nicht selbst ADHS-Abklärungen durchführen. Wenn Eltern nach der Aufklärung durch die Schule das Medikament absetzen möchten, würden sie an den behandelnden Arzt verwiesen.

Erstellt: 12.11.2012, 17:01 Uhr

Artikel zum Thema

Zürich unterstützt Schule mit VPM-Bezug

Lehrer aus dem Umfeld des VPM unterrichten an der Sonderpädagogischen Tagesschule am Toblerplatz. Mehr...

Scientology kommt auf Samtpfoten

Früher missionierten Scientologen vornehmlich mit Flugblättern. Heute setzt die Psychogruppe vermehrt moderne Marketingmethoden ein, um Anhänger zu gewinnen. Mehr...

Scientology-Gründer «war der König der Hochstapler»

Ein Urenkel des Sektengründers kritisiert Scientology scharf. Angeblich hat sogar Tom Cruise seine Zweifel. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Blogs

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Mamablog Wem nützen Hausaufgaben eigentlich?

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Zum Anbeissen: Dieser Eisfischer in Peking versucht sein Glück mit mehreren Angeln. (7. Dezember 2019)
(Bild: Ma Wenxiao (VCG/Getty Images)) Mehr...