Eltern sollen mit der Beschneidung zuwarten

Das Kinderspital hebt den Beschneidungsstopp auf. Doch künftig müssen die Ärzte bei den Eltern erst intensiv nach den Gründen forschen, bevor sie einen Knaben beschneiden.

Am Kinderspital müssen ab sofort beide Elternteile in die Beschneidung einwilligen.

Am Kinderspital müssen ab sofort beide Elternteile in die Beschneidung einwilligen. Bild: Keystone

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Zürich – Einen Monat lang hat sich das Kinderspital Zeit genommen, um über einen kleinen Hautfetzen nachzudenken. Nun hat das Direktorium entschieden: Das Kispi nimmt per sofort wieder Beschneidungen von Buben vor – obwohl es keine eindeutige Antwort darauf gibt, ob sich ein Arzt durch den Eingriff strafbar macht. Die Strafrechtler sind sich nicht einig.

Kispi-Direktor Markus Malagoli glaubt aber, mit dem Entscheid trotzdem auf sicherem Boden zu sein. Die Zürcher Oberstaatsanwaltschaft hat dem Spital mitgeteilt, dass Ärzte und Eltern nicht mit einer Anklage rechnen müssen. Sprecherin Corinne Bouvard sagt, es handle sich bei der Beschneidung zwar um eine einfache Körperverletzung, sofern sie medizinisch nicht notwendig und die betroffenen Knaben nicht urteilsfähig seien. In Gesellschaft, Kultur und Politik sei die Beschneidung aber seit vielen Jahren akzeptiert. Angesichts der umstrittenen Rechtslage sei es nicht Aufgabe der Staatsanwälte, mit dieser Praxis zu brechen. Der Anstoss dazu müsste vom Bund kommen. Der Nationalrat habe aber die Knabenbeschneidung explizit ausgenommen, als er 2010 weibliche Beschneidungen verbot. «An diesen Willen halten wir uns», sagt Bouvard.

Was ist gut für das Kind?

Diese Nachricht nahm das Kinderspital dankbar auf. Nachdem die Direktion am 5. Juli beschlossen hatte, vorerst keine Knaben mehr zu beschneiden, begann – neben der Debatte in der Öffentlichkeit – auch die interne Diskussion. Sitzungen wurden einberufen, Ethiker hinzugezogen. «Aber am Schluss liegt die Verantwortung für den Eingriff bei uns Ärzten», sagt der Ärztliche Direktor Felix Sennhauser. Man müsse abwägen: Einerseits sei die Beschneidung ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit – wenn auch nur ein kleiner. Andererseits seien die negativen sozialen und religiösen Konsequenzen miteinzubeziehen, wenn die Operation verweigert würde. Immerhin symbolisiere die Beschneidung aus religiösen Gründen die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. «Die wichtigste Frage ist für uns: Was ist gut für das Kind?», sagt Sennhauser.

Die Antwort darauf sieht nun so aus: Das Kinderspital nimmt die Beschneidungen vor, fragt aber zuvor bei den Eltern genauer und strenger nach. Im Aufklärungsgespräch ist der behandelnde Arzt verpflichtet, nach dem Motiv für den Eingriff zu forschen. Sennhauser: «Wir fragen Mutter und Vater: Warum wollen Sie die Beschneidung? Was sind Ihre Überlegungen dahinter? Ist Ihnen bewusst, dass Sie damit auch noch zuwarten können?» Schon vor dem Moratorium seien Eltern nach dem Gespräch manchmal zum Schluss gekommen, dass es besser sei, mit der Beschneidung abzuwarten. Laut Spitaldirektor Malagoli sollen die Ärzte durchaus versuchen, die Meinung von Mutter und Vater zu beeinflussen: «Wo immer es Sinn ergibt, mit dem Eingriff zuzuwarten, werden wir auch darauf hinwirken.» In jedem Fall müssen ab sofort beide Eltern der Beschneidung per Unterschrift zustimmen. Bisher hat ein Vermerk des Arztes in der Krankenakte ausgereicht.

Auch die Meinung des Kindes soll soweit möglich in den Entscheid der Ärzte einfliessen. Ab welchem Alter das infrage kommt, lasse sich nicht generell sagen, so Felix Sennhauser. «Aber spätestens mit zwölf Jahren kann ein Junge im Normalfall seine Meinung kundtun.» Wenn zwischen Eltern und Sohn die Ansichten auseinandergehen, könne der Junge auch separat befragt werden. «Es ist durchaus denkbar, dass wir gegen den Willen der Eltern entscheiden und nicht beschneiden», sagt Sennhauser.

Diese Grundsätze will das Kinderspital ab jetzt auch auf andere medizinisch nicht notwendige Operationen anwenden, zum Beispiel auf das Korrigieren von abstehenden Ohren oder das Entfernen von Narben.

Ein «Weg aus der Misere»

Die Religionsgemeinschaften reagieren erfreut auf den Kispi-Entscheid. Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, sagt: «Es ist sehr vernünftig, dass das Moratorium aufgehoben wurde.» Den Entscheid, Beschneidungen zu stoppen, habe er als «total überstürzt» empfunden. Dass sich das Spital nun vom Gedanken des Kindeswohls leiten lasse, leuchte ein – «das ist auch bei uns in der jüdischen Gemeinschaft ein sehr hohes Gut».

Zustimmung kommt auch von muslimischer Seite. Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz, sagt: «Der Entscheid ist sinnvoll. Da hat sich das Kinderspital einen Weg geschaffen, um aus der Misere herauszukommen.» Das Spital nehme seine Verantwortung wahr – die Gefahr, dass die Eingriffe künftig in unkontrollierten Verhältnissen gemacht würden, komme so gar nicht erst auf.

Kritiker bleiben hart

Selbst die Kritiker der Knaben-Beschneidung gewinnen dem Entscheid des Kinderspitals Positives ab: Es sei ein Fortschritt, wenn die Ärzte nun vor dem Eingriff mit den Eltern ausführlicher sprechen würden, sagt Daniel Goldberg, Präsident des Vereins Kinderlobby Schweiz. Das ändere aber nichts daran, dass seine Organisation weiterhin das Verbot von Beschneidungen bei nicht urteilsfähigen Knaben fordere. «Jedes Kind muss selber entscheiden können, ob es beschnitten werden möchte oder nicht», sagt Goldberg.

Felix Sennhauser rechnet damit, dass sich nun auch andere Spitäler am Kispi orientieren werden. «Wir haben immer wieder die Rolle eines Schrittmachers, sei es im medizinischen oder gesellschaftlichen Bereich.»Sennhauser und Malagoli sind überrascht von der Heftigkeit der Debatte, die sie mit dem Moratorium ausgelöst haben. Zumal es um ganz wenige Eingriffe geht: Die Ärzte am Kinderspital beschneiden pro Monat einen bis zwei Jungen, und jetzt, nach dem Moratorium, warten vier Knaben auf die Operation. Keine lange Warteliste. Malagoli: «Da war ein ungestilltes Bedürfnis, über die Beschneidung zu reden – und wir haben die Welle ausgelöst.» Die Diskussion habe sich dann schnell verselbstständigt, weg vom Kinderspital, hin zum Grundsätzlichen – Beschneidung: erlauben oder verbieten? «Diese Debatte ist noch lange nicht zu Ende», sagt Malagoli. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2012, 09:51 Uhr

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