Er war der Maschinist der Gassenschau

Markus Heller hat Karl’s Kühne Gassenschau zum Fliegen gebracht. Nun ist der Mitgründer gestorben.

Sprengte alle Grenzen: Mitgründer von Karl's Kühne Gassenschau Markus Heller.

Sprengte alle Grenzen: Mitgründer von Karl's Kühne Gassenschau Markus Heller. Bild: Chantel Dervey

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Daniel Düsentrieb. Es hat ihm immer gefallen, wenn man ihn so nannte. Denn Markus Heller, Komödiant, Requisitenbauer und technischer Gesamtleiter von Karl’s Kühne Gassenschau, war ein grosser Erfinder. Er hatte verrückte Ideen. Und setzte sie auch um. Mit ihm wurde das Unmögliche möglich. Zum Beispiel, dass ein Rollstuhl so schnell wie eine Rakete über die Bühne schoss. Und dass sich eine ganz gewöhnliche Industriebrache in eine Traumfabrik verwandelte.

Zum Beispiel «Fabrikk». Premiere hatte das Spektakel 2011 in Winterthur. Aufgebaut auf dem Gelände war eine ganze Schoggifabrik. Auf der Seite stand ein Kran, im Boden waren Tausende von Metern Kabel verlegt. Die Technik befand sich in den Containern im Untergrund. Das war die Basis für ein Theater, das ein grosses Publikum verzauberte.

Hier konnten aus dem Nichts riesige Blumen aufblühen. «Das war ich», hätte Markus Heller sagen können, denn er war für das technische Wunderwerk von Karls Kühne Gassenschau zuständig. Ohne ihn wären Spektakel wie «Akua», «Silo 8» und auch «Sektor 1» nicht möglich gewesen.

Lieber Mime als Orgelbauer

Die zwei K in «Fabrikk» stehen für Karl’s Kühne. Und für Konstruktion und Kunst. Beides konnte Markus Heller. Denn er war auch der Mann, der in den Achtzigerjahren beim Winterthurer Kirchplatz auf dem Hochrad herumkurvte. Mit Strassenvariété hat sein Theaterleben begonnen. Er wollte lieber Mime als Orgelbauer sein. (Die Lehre schloss er notabene mit der höchsten Note ab.)

Eines der grossen Spektakel: «Akua», das von 2002 bis 2004 gezeigt wurde. Bild: PD

Theater ist auch Handwerk. Die Grundlagen dafür lernte Heller in der Mimenschule Ilg in Zürich. Dort traf er auf Brigitt Maag, Paul Weilenmann, Ernesto Graf. Zusammen gründeten sie 1984 Karl’s Kühne Gassenschau. «Endlich konnte ich meinen kreativen Ideen freien Lauf lassen», sagte Heller. Die Lehre machte die Truppe auf der Strasse. Sie hiess: «Läuft einem das Publikum davon, hat man am Abend nichts zu essen.»

Er sprengt die Grenzen

Markus Heller sorgte dafür, dass die Menschen staunten – und blieben. Er rannte auf einem Bein die Felswände hoch, er drehte mit einem zersägten Fiat Panda kunstvolle Pirouetten und flog als feuerspeiender Drache über die Köpfe der Zuschauer. «In einer anderen Saison liessen wir ein über sechs Tonnen schweres Floss im eigens dafür angelegten See versinken und kreierten eine Wasserfee, die in ihrem Kleid aus fliessendem Wasser poetisch über den See schwebte.» So beschrieb Heller selbst einmal seine Aktionen für die Truppe. «Grenzenlos» lautet der Titel dieses kleinen Selbstporträts.

Eines der vielen Programme, bei denen Markus Heller mitwirkte: Ausschnitt aus «Fabrikk». Video: Youtube/Christoph Aeschimann

Und wirklich: Markus Heller sprengte alle Grenzen, die es in der Schweiz für das Theater gibt. Niemand glaubte, dass ein See bespielbar ist – das Spektakel «Akua» in Würenlos zeigte das Gegenteil. Und so erfand Karl’s Kühne Gassenschau für sich immer neue Orte: die Kiesgrube für «Steinbruch», den Parkplatz für «Stau». Immer wieder bespielt wurde der Industriepark in Oberwinterthur. Von dort aus gingen die grossen Produktionen «Silo 8», «Fabrikk», «Sektor 1» ihren Weg weiter durch die Schweiz: nach Olten und St-Triphon.

Viele Karl’s-Kühne-Geschichten enden mit einem Abschied. In «Fabrikk» fährt ein Schiff weg, in «Silo 8» hebt ein Luftschiff ab und verschwindet im Dunkel. Markus Hellers Vehikel wurden jedes Jahr ein bisschen grösser. Doch so massig diese Konstruktionen waren, mit ihnen konnten die Figuren immer abheben. So hat er Karl’s Kühne Gassenschau zum Fliegen gebracht.

Die Luft war sein Element

Heller war selbst begeisterter Pilot mit eigener Maschine. Ging es einem Mitglied der Karl’s-Kühne-Familie einmal nicht so gut, so lud er zum Alpenflug ein.

Eine seiner letzten Nummern: der fliegende Rollstuhl in «Sektor 1». Bild: PD

In der letzten Spielzeit von «Sektor 1» in Olten machte Markus Heller bis in den August hinein die Nummer mit dem fliegenden Rollstuhl. Nach St-Triphon wird er die Truppe zwar nicht mehr begleiten. Markus Heller ist in der Nacht auf den Montag an seinem Wohnort in Uster gestorben, nach «geduldig ertragener, schwerer Krankheit», wie es in der Todesanzeige heisst. Er wurde 62 Jahre alt.

Bereits Mitte Jahr habe die Geschäftsleitung die Nachfolge als technischer Gesamtleiter an seinen Stellvertreter Otmar Faschian übertragen, sagt Karl’s Kühne Gassenschau. Der Weg geht weiter.

Erstellt: 04.12.2019, 18:48 Uhr

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