Er zog ein Terrorregime auf, sie die Anzeige in letzter Minute zurück

Einem 35-jährigen Italiener drohte eine Freiheitsstrafe von 20 Monaten. Doch es kam anders – wegen seiner Frau.

Die Liste der Anklagepunkte war lang, am Schluss blieb vor dem Bezirksgericht Zürich aber wenig übrig. Foto: Urs Jaudas

Die Liste der Anklagepunkte war lang, am Schluss blieb vor dem Bezirksgericht Zürich aber wenig übrig. Foto: Urs Jaudas

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Sie leben seit drei Jahren getrennt, ihren gemeinsamen Sohn, der im Kinderheim lebt und über dessen Obhut sie regelmässig in Streit geraten, dürfen sie nur getrennt und begleitet besuchen.

Der Mann hatte laut Anklage ein eigentliches Terrorregime aufgezogen. Zwischen Februar und August 2018 nahm er 3100 Mal Kontakt zu seiner Frau auf – allein 190-mal in der zweiten Augusthälfte. Dass er ein vom Gericht angeordnetes Kontakt- und Rayonverbot missachtete, schien ihn nicht zu interessieren.

Ab Frühsommer 2018 begab er sich zudem regelmässig jeden Tag und teilweise zwei bis zehn Mal pro Tag, vorwiegend abends oder nachts, an ihren Wohnort. Er klingelte mehrmals, polterte gegen die Türe, schrie im Treppenhaus herum, beschimpfte sie als Hure, drohte ihr mit der Wegnahme des Sohnes oder ihrem Tod und stach mit einem Schraubenzieher oder einem Teppichmesser auf die Türe ein.

Das Gericht hatte keine Wahl

Am Montag vor dem Zürcher Bezirksgericht drohte ihm laut Anklage wegen Nötigung, mehrfacher Drohung, Sachbeschädigung, Beschimpfung, Missbrauchs einer Fernmeldeanlage und mehrfacher Missachtung des Kontakt- und Rayonverbots eine unbedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten.

Doch es kam anders. Er verliess den Gerichtssaal mit einer Busse von 1500 Franken, die dank der 50-tägigen Untersuchungshaft längst abgegolten ist. Seiner Frau sei Dank. Denn sie bekräftigte vor Gericht, was sie letzte Woche bereits schriftlich mitgeteilt hatte: Sie ziehe ihre Strafanträge wegen Beschimpfung, Sachbeschädigung und Missbrauchs einer Fernmeldeanlage zurück, und sie habe kein Interesse mehr an einer Verurteilung ihres Mannes.

Dem Gericht blieb nichts anderes übrig, als diese Delikte einzustellen. Das Verfahren wegen Nötigung und mehrfacher Drohung wird für sechs Monate sistiert. Beantragt die Frau nicht die Wiederaufnahme, wird das Verfahren anschliessend definitiv eingestellt.

Die Frau habe quasi eingewilligt

Das aufwendige und nicht eben billige Strafverfahren war überflüssig. Nicht zum ersten Mal. Bereits einmal hatte die Frau Strafanzeige gegen ihren Ehemann eingereicht und dann eine sogenannte Desinteressenerklärung abgegeben.

Im Zusammenhang mit seiner Frau blieb damit nur noch eine Straftat übrig, die Missachtung des Kontakt- und Rayonverbots. Die Verteidigerin des 35-Jährigen beantragte einen Freispruch. Seine Ehefrau sei mit den Kontakten einverstanden gewesen. Tatsächlich hatte sie zwischen Februar und August 2018 selber 215-mal Kontakt zu ihrem Mann aufgenommen. Damit habe sie quasi eingewilligt, auch von ihm kontaktiert zu werden. Eine allfällige Einwilligung spiele keine Rolle, meinte das Gericht. Der Mann werde bestraft, weil er einem Verbot des Gerichts nicht Folge geleistet habe.

Die Missachtung der Kontakt- und Rayonverbote ist bloss eine Übertretung, die höchstens mit einer Busse geahndet werden darf. Diese, im Maximum 10’000 Franken, ist oft sehr tief, weil deren Höhe nicht nur vom Verschulden des Täters abhängt, sondern ebenso von seinen finanziellen Verhältnissen. Deshalb betrug die Busse beim hochverschuldeten Italiener, trotz diverser Vorstrafen, bloss 1500 Franken.

Erstellt: 03.12.2019, 09:14 Uhr

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