Erlaubt soll sein, was stört

Nicht alle an der Langstrasse wollen mehr Ruhe und Sauberkeit. Die Ausgeh-Meile soll kein Ballenberg-Museum werden wie das Niederdorf. Eine entsprechende Petition hat bereits über 2000 Unterstützer.

Die Langstrasse «soll nicht zu Tode beruhigt werden», fordern Tausende. Foto: Dominique Meienberg

Die Langstrasse «soll nicht zu Tode beruhigt werden», fordern Tausende. Foto: Dominique Meienberg

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Mit ihrer Lärmklage bei der Stadt stossen die Langstrassen-Anwohner bei der Bevölkerung auf wenig Verständnis. Eine Onlinepetition mit dem Titel «Die Langstrasse ist und bleibt ­Zürichs Kultur- und Ausgangsmeile!» unterzeichneten innert weniger Stunden fast 2000 Personen. Darunter sind laut Initiator Pete Stiefel vom «Kult»-Magazin Partygänger, Restaurant- und Barbetreiber, aber auch viele Quartierbewohner: «Sie machen sich mit ihrer Unterschrift stark für eine lebendige Langstrasse.»

Der letzte öffentliche Party- und Kulturraum dürfe nicht zu Tode beruhigt werden, sagt Stiefel, der im Kreis 4 eine Kommunikationsagentur betreibt. Er hat die «Kult»-Petition als Reaktion auf ein dreiseitiges Schreiben lanciert, in dem sich 115 Anwohnerinnen und Anwohner aus 25 Liegenschaften rund um die Langstrasse über Lärm und Abfall beklagen und die Behörden zum Handeln auffordern.

Kritik an Gentrifizierung

Den konkreten Forderungen der Anwohner, zum Beispiel nach dem Bewilligungsstopp für Bars in Hinterhöfen, setzt die «Kult»-Petition einen kurzen, breit gefassten Text entgegen. Die Langstrasse solle nicht «eine weitere Wohlfühloase» werden, wer Idylle und Ruhe suche, müsse in ruhigere Kreise, an den Stadtrand oder aus der Stadt ­ziehen. Damit kritisiert die Petition in­direkt die Gentrifizierung. «Es kann nicht sein, dass Restaurants und Clubs wegen der Aufwertung des Quartiers durch teure Wohnungen in Bedrängnis kommen», sagt Stiefel. Es reiche, dass aus dem Niederdorf ein kleines Ballenberg-Museum geschaffen wurde und dass das Seefeld ein Wohnquartier für Gutverdienende sei.

Auch von den langjährigen Anwohnern fordern Stiefel und seine Unterstützer mehr Toleranz. «Wer seit längerer Zeit an der Langstrasse wohnt, weiss, dass sich hier das Leben in all seinen Facetten abspielt – das geht nicht ohne Nebengeräusche». Mit seiner Petition will er den Stadtrat davor warnen, das Leben an der Langstrasse mit noch mehr Regeln zu ersticken. Trotzdem zeigt Stiefel auch Verständnis für die Anliegen der 115 Anwohnerinnen und Anwohner. Er appelliert an die Partygänger, Respekt für die Quartierbevölkerung zu zeigen.

Erstellt: 29.04.2015, 22:52 Uhr

«Wir wollten Bäckereien, Cafés oder Metzger ins Quartier holen»

Rolf Vieli hat jahrelang für die Aufwertung der Langstrasse gekämpft. Für ihn muss sich das Quartier-Image ändern.

Herr Vieli, das Projekt Langstrasse Plus dämmte von 2001 bis 2011 das ­Drogen- und Sexgewerbe ein. Ist es jetzt Opfer des eigenen ­Erfolgs geworden?
Ich wies bereits 2004 auf die zunehmende Lärmproblematik hin. Die Langstrasse ist nicht nur Ausgehmeile, sondern auch ein Wohnquartier, in dem viele weniger Begüterte leben.

Warum machen Anwohner erst jetzt in einem Brief an die ­Stadtpräsidentin ihrem Ärger Luft?
Das Lärmproblem wurde lange Zeit überlagert von dringlicheren Problemen wie Drogenhandel und Sexmilieu. Die besonders lärmigen Lokale, die im Brief der Anwohner genannt werden, sind in etwa die gleichen, die bereits vor Jahren deswegen im Fokus standen. Es lässt sich aber nicht von der Hand weisen, dass die Zahl der Bars in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Ein positiver Effekt davon ist, dass sich Passanten sicherer fühlen.

Die jetzt kritisierten Bars waren bei Langstrasse Plus auch gewünscht, um eine bessere Durchmischung und soziale Kontrolle zu erreichen.
Das stimmt, aber nicht eine Zunahme in diesem Ausmass. Unsere Zusammenarbeit mit dem Gewerbe beschränkte sich auch nicht auf die Barbetreiber. Wir wollten Bäckereien, Cafés, Metzger und ähnliche Gewerbebetriebe ins Quartier holen. Die Vermieter können aber wohl mit einer Bar höhere Mieten generieren als etwa mit einem Käsegeschäft.

Wie beurteilen Sie heute die ­Lebensqualität im Quartier gegenüber 2001?
Ich spreche viel mit Bewohnern. Diese sagen mir, dass sich die Qualität deutlich verbessert habe. Sie befürchten allerdings, dass die Mietpreise weiter steigen und die Lärmproblematik zunimmt.

Hat die Lärmproblematik auch mit dem Rauchverbot zu tun?
Das Verbot fällt nicht gross ins Gewicht. Die Leute standen auch früher draussen und haben geraucht und geredet.

Lässt sich das Lärmproblem lösen?
Clubs sollten vermehrt ihre Verantwortung wahrnehmen und ihre Gäste an­weisen, sich vor dem Lokal ruhig zu verhalten. Doch wer dies tut, wird schnell als kleinbürgerlich abgestempelt. Wer in einem solchen Quartier wohne, müsse mit Lärm leben können.

Ist dieses Argument richtig?
Quartierbewohner sind natürlich an einen gewissen Lärmpegel gewöhnt. Diese Toleranz hat aber ihre Grenzen. Lärm von allen Seiten braucht niemand zu ertragen. Viele Aktivitäten spielen sich heute in den Hinterhöfen ab, dort, wo die Leute wohnen. Die Stadt steht da sicher in der Verantwortung.

Um 2009 hoffte Esther Maurer als SP-Polizeivorsteherin, das Problem löse sich mit der Wiedereinführung der Polizeistunde. War das nicht sehr blauäugig?
Teilweise. Man hoffte auf eine dämpfende Wirkung. Chur kennt solche strengere Regeln mit dem Resultat, dass die Stadt spätabends ausgestorben wirkt.

Wie sollten Politiker auf das ­Lärmproblem reagieren?
Das Image des Quartiers als grösste Ausgehmeile, wo alles erlaubt ist, müsste sich ändern. Auch im Parlament. Ich weiss, nicht wenige sind froh, dass sich die Probleme im Langstrassenquartier konzentrieren und ihr eigenes Quartier relativ unbehelligt bleibt. Es wird auch immer wieder vergessen, dass in diesem Quartier über Jahrzehnte nicht viel renoviert und investiert und jetzt innert weniger Jahre viel nachgeholt wurde. Dies verteuert den Wohnraum, teilweise leider auch spekulativ.

«Kreis 4 ist Kreis 4, sonst würde ich nicht dort wohnen!»

Zitate aus der Kommentarspalte der Online-Petition

«Ich unterschreibe, weil ich mich im Langstrassenquartier wohlfühle und gern dort wohne. Sollte ich jemals das Bedürfnis haben, ruhiger zu leben, werde ich einfach in einen weniger belebten Stadtteil ziehen. Das möchte ich auch allen anraten, die sich durch die Clubs und Bars gestört fühlen.»


«Ich wohne im Kreis 4, Kreis 4 ist Kreis 4, sonst würde ich nicht dort wohnen!»


«Ich wohne selber bei der Langstrasse und bin absichtlich hierhergezogen, weil ich in der Partymeile wohnen wollte.»


«The Langstrasse has to stay the way ­it is!»


«Die Langstrasse ist absolut nicht wegzudenken aus der Schweizer Clubbingszene. Es wurden schon zu viele Clubs geschlossen, bald haben wir Party­people nichts mehr hier in Zürich, das wäre schade:(»


«Ich wohne gleich um die Ecke, und die Langstrasse soll von Luxuskommerz und anderen zerstörerischen Massnahmen verschont werden. Diversität für dieses Quartier.»


«Die Langstrasse war immer schon laut, nur sind es jetzt Partygänger und nicht die Drogenszene. Zum Lärm: Diese Leute sind wie die, welche nach Kloten ziehen und dann über den Fluglärm ­reklamieren.»


«Zürich ist schon viel zu brav. Es sollte nicht noch mehr Verbote und Richt­linien geben.»


«Ich unterschreibe, weil ich kein Schlafquartier à la Prenzlauerberg möchte. Und weil sich in der Anwohner-Petition Leute zur Wehr setzen, die die finanziellen Mittel hätten, um sich auch in einem ruhigeren Teil der Stadt eine schöne Wohnung zu leisten.»


«Ich wohne an der Rotwandstrasse und darf mitansehen, wie rundherum renoviert wird. In meinem Haus wohnen gerade mal zwei Schweizer Parteien. Ich wünsche mir, dass dies so bleibt und die Inder und Tamilen weiterhin das Treppenhaus olfaktorisch okkupieren!!!!!!!»

Link zur Petition

Rolf Vieli

Der ehemalige Chef von Langstrasse Plus ist heute pensioniert. Foto: Sophie Stieger

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