Ernst & Young lässt Kunstwerk abmontieren

Der Grosskonzern hat gegen einen Schriftzug der Ausstellung Art and the City interveniert, weil er den eigenen Slogan persifliert. Die Stadt bedauert den Vorfall.

Die Installation der Genfer Künstlerin Joëlle Flumet missfiel den Verantwortlichen <br />von Ernst & Young. Foto: Sabina Bobst

Die Installation der Genfer Künstlerin Joëlle Flumet missfiel den Verantwortlichen
von Ernst & Young. Foto: Sabina Bobst

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Auf den ersten Blick wirkt die Installation am alten Maag-Gebäude hinter dem Prime Tower völlig unscheinbar. «Quality In Everything We Did» steht da seit einer Woche in grossen, dunklen Lettern aus Blech. Das Werk der Genfer Künstlerin Joëlle Flumet ist Teil einer temporären Ausstellung von Art and the City, einer städtischen Kunstaktion im aufstrebenden Zürich-West.

Den Verantwortlichen von Ernst & Young hingegen ist der Schriftzug sofort aufgefallen. Die internationale Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma hat ihren Schweizer Hauptsitz gleich vis-à-vis der ehemaligen Fabrikhalle, die Angestellten haben einen direkten Blick auf das Kunstwerk. Durch die Persiflage des eigenen Slogans «Quality In Everything We Do» sieht Ernst & Young nun den Ruf des Unternehmens in Gefahr. Und zwar so stark, dass es das Schild heute abmontieren lässt.

Markenrechtlich geschützt

Damit hat das Unternehmen den Entscheid der Stadt sowie der Swiss Prime Site (SPS), der Immobiliengesellschaft der Credit Suisse, als Besitzerinnen der beiden Gebäude umgestossen. Sie hatten dem Projekt zugestimmt, als Susanne Sauter als Kuratorin vom Kunstraum K3 bei ihnen die Bewilligung einholte.

Gegenüber dem TA hat Ernst & Young die Intervention gestern zunächst in einem halbstündigen Gespräch verteidigt. Ein Kadermann verwies darauf, dass der Slogan markenrechtlich geschützt ist – und sich niemand einfach so dieses Logos bedienen darf. Weil in diesem Fall die Einwilligung fehlte, griff das Unternehmen ein. Zudem störte es sich daran, dass es nicht von Anfang an in die Kunstaktion einbezogen wurde.

Gestern Abend zog die Pressesprecherin von Ernst & Young alle Aussagen wieder zurück. Die Firma wollte sich nicht mehr zum Vorfall äussern. Aus Künstlerkreisen verlautet, dass den Wirtschaftsprüfern das Kunstwerk nicht nur aus markenrechtlichen Gründen missfiel. Denn an diesem Wochenende ist offenbar eine hochrangige internationale Delegation von Ernst & Young in Zürich zu Besuch. Da wollte es der Schweizer Ableger unbedingt vermeiden, dass noch der persiflierte Schriftzug am Gebäude gegenüber prangt.

Bewilligung zurückgezogen

Tatsache ist, dass Ernst & Young letzte Woche bei der Swiss Prime Site vorstellig wurde. Diese gab dem Druck nach und zog die Bewilligung nachträglich wieder zurück. «Wir gingen davon aus, dass die Künstler alle rechtlichen Abklärungen getroffen hatten», sagt Nicole Stamm von SPS.

Kuratorin Susanne Sauter weiss erst seit Mittwoch, dass das Kunstwerk von Joëlle Flumet abmontiert werden soll. Sie sieht keinen Fehler in der Art und Weise, wie sie die Ausstellung konzipiert hat. «Wir haben legal alle Bewilligungen eingeholt», sagt sie. Sie räumt aber ein, dass es ein Wagnis war. Christoph Doswald, Leiter der städtischen Abteilung Kunst im öffentlichen Raum, bedauert den Vorfall. Doch so etwas gehöre zu seinem Alltag. «Unserer Prüfung hat das Projekt standgehalten. Wenn ein privater Grundbesitzer wie die Swiss Prime Site die Bewilligung wieder zurückzieht, ist das sein gutes Recht.»

«Nie als Angriff gedacht»

Die Künstlerin Joëlle Flumet hat mit ihrem Werk genau diese sprachlich kritische Auseinandersetzung gesucht und einzig das Verb in die Vergangenheit gesetzt. Dass sie gerade den Slogan von Ernst & Young ins Visier genommen hat, habe sich durch die Örtlichkeit ergeben. «Aber es war nie als Angriff gedacht», sagt sie. Der Slogan am alten Fabrikgebäude, wo auch der Kunstraum K3 angesiedelt ist, sollte vielmehr an die Vergangenheit des Gebäudes erinnern. Die Kunstszene habe darin jahrelang Werke mit Qualität geschaffen.

Für Susanne Sauter bringt die Vergangenheitsform aber noch einen weiteren Aspekt. «Die Aussage wird gerade viel konkreter», sagt sie. Dass beide Grosskonzerne letztlich so reagiert haben, enttäuscht Flumet. Sie hätte sich etwas mehr Humor und eine Debatte gewünscht, aber keine Demontage. «Diese Gegenüberstellung hat auch etwas von David gegen Goliath», sagt Flumet, «und nun hat wieder Goliath gewonnen.» Das Kunstwerk jedenfalls soll in Zürich bleiben. Und zwar inner- statt ausserhalb des Kunstraums K3. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.09.2012, 07:31 Uhr

Do statt Did: Das originale Logo des Unternehmens. (Bild: PD)

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