«Erschiessen ist die schmerzloseste Tötungsart»

Tigerbabys, kleine Tapire und Esel: Im Zoo Zürich ist der Jungtiersegen derzeit gross. Bis zu 900 Tiere werden dort pro Jahr geboren. Wie Kurator Robert Zingg mit Pille und Männchenentzug den Nachwuchs eindämmt.

Babysegen bei den Amurtigern: Livebilder aus der Wurfbox im Zoo Zürich.


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Herr Zingg, wie viele Jungtiere hat es momentan im Zoo Zürich?
Eine genaue Zahl habe ich nicht parat. Bei den Entenvögeln kamen in den letzten zwei Monaten mindestens 20 bis 30 Jungtiere zur Welt. Bei den Säugetieren ist vor rund einer Woche ein Esel zur Welt gekommen. Dann gab es bei den Flachlandtapiren Nachwuchs und natürlich bei den Amurtigern.

Wann werden wir die kleinen Tiger endlich zu Gesicht bekommen?
Wir hoffen, dass wir sie Anfang Juli ins Gehege lassen können. Das hängt davon ab, wie mobil sie bis dahin sind. Sie versuchen schon jetzt, die Wurfbox zu verlassen.

Wie viele Jungtiere werden durchschnittlich pro Jahr bei Ihnen geboren?
Das können bis zu 900 Tiere sein. Eine Tierart zur Zucht zu bringen, kann aufwendig sein. Sie sind vielleicht nicht an der Fortpflanzung interessiert, oder wir bieten ihnen nicht das, was es für eine erfolgreiche Fortpflanzung braucht. Man muss auch Ideen und Konzepte entwickeln, damit es mit der Zucht funktioniert. Die Jungtiere der verschiedenen Arten werden allerdings unterschiedlich stark beachtet. Junge Elefanten fallen natürlich auf. Aber wenn ein Fischschwarm von hundert Jungfischen zur Welt kommt, ist das weniger spektakulär.

Das sind viele Junge für einen beschränkten Lebensraum.
Wir züchten auch nicht auf Teufel komm raus, sondern haben ein ganz klares Tierbestandsmanagement. Wir sind an rund 50 Zuchtprogrammen innerhalb der europäischen Zoos beteiligt, der European Association of Zoos and Aquaria (EAZA) angeschlossen und haben klare Vorstellungen und Vorgaben.

Wie sehen diese Vorstellungen und Vorgaben aus?
Bei den Amurtigern haben wir zum Beispiel eine explizite Zuchtempfehlung erhalten. Es geht dabei darum, nur so viele Tiere zu züchten, dass der Bestand erhalten werden kann. Die EAZA weiss, wie viele Haltungen von Amurtigern es insgesamt gibt und wo Tiere erwünscht sind, damit nicht zu viele Exemplare einer Gattung gezüchtet werden.

In diesem Zusammenhang wird auch der Vorwurf laut, dass der Zoo Jungtiere nur zu Profitzwecken züchtet. Was sagen Sie dazu?
Der Zoo ist eine PR-Agentur für die Tierwelt. Und Jungtiere helfen ganz klar, Informationen weiterzugeben. Mit der Präsentation der Jungtiere und dem entsprechenden Zulauf der Besucher werden der Betrieb des Zoos und auch Arbeitsstellen längerfristig gesichert. Aber uns geht es nicht darum, so viele Junge wie möglich zu züchten. Löwenweibchen könnten beispielsweise zwei Würfe pro Jahr haben. Aber das wäre mit zusätzlicher Verantwortung für die Pfleger verbunden. Junge Tiger sind zwar herzig, aber sie können auch gut 16 bis 18 Jahre lang leben. Man muss primär an die Zukunft dieser Tiere denken.

Werden Tiere bei Ihnen auch kastriert?
Das ist eine endgültige Massnahme, die mit vielen Veränderungen beim Tier einhergeht. Es ist nicht ein Mittel erster Wahl und kommt bei uns nur selten vor. Wir ziehen andere Methoden vor. Zum Beispiel bei den Gorillas. In dieser Gruppe hatten wir alle drei Jahre ein Jungtier. Nun haben wir diese Geburtenintervalle verändert.

Wie haben Sie das gemacht? Haben Sie die Pille verabreicht?
Ja, wir geben den Gorillaweibchen die Pille. Man kann aber auch in einer Gruppe für eine gewisse Zeit auf die Männchen verzichten. Das machen wir derzeit beispielsweise bei den Nasenbären. Nasenbärenweibchen können pro Wurf sieben Junge bekommen. Das würde unsere Kapazitäten klar übersteigen. Ob die Weibchen den Männchen nachtrauern, lässt sich natürlich nicht sagen. Aber wenn man sie nicht zu lange ohne Männchen lässt, ist das kein Problem.

Und wenn man bei gewissen Tierarten ganz auf die Männchen verzichten würde?
Das könnte bei längerfristig ausbleibender Fortpflanzung bei Weibchen zu hormonell bedingten Veränderungen in der Gebärmutter führen. Eine Elefantenkuh, die bis zu ihrem 25. Lebensjahr nicht trächtig war, wird es danach auch nicht mehr werden. Die Aufzucht von Jungen ist ein wichtiger Lebensinhalt der Tiere. Das gänzlich zu unterbinden, nur um zu verhindern, dass einmal ein Jungtier getötet werden muss, wäre nicht artgerecht.

Wie oft kommt es vor, dass Sie Jungtiere töten müssen?
Wir geben uns Mühe, dass es in geringem Ausmass bleibt. Aber auf gewisse Dinge hat man einfach keinen Einfluss. In einer Antilopenherde hat es beispielsweise nur jeweils ein bis zwei Männchen. Unter den Neugeborenen können aber sehr wohl mehrere Männchen sein. Wenn sie dann ein gewisses Alter erreichen, kann das zu Konflikten und Machtkämpfen führen, bei denen sich die Tiere gegenseitig verletzen. In einem solchen Fall schiessen wir die Tiere, wenn wir sie nicht fremdplatzieren können, und verfüttern sie an unsere Raubtiere.

Sie schiessen die Antilopen? Sie schläfern sie nicht ein?
Das ist die schmerzloseste Tötungsart. Die Tiere werden von einem erfahrenen Schützen getötet und müssen nicht leiden. Werden sie eingeschläfert, können sie nicht als Futter genutzt werden.

Das sehen Tierschützer sicher anders.
Zwischen Artenschutz und Tierschutz besteht ein Konflikt. Tierschützer wollen das einzelne Tier am Leben erhalten – koste es, was es wolle. Den Preis bezahlt in den meisten Fällen das Tier selbst. In der freien Wildbahn gehört es auch dazu, dass Jungtiere sterben. Wir töten die Tiere fachgerecht, sie sterben nicht qualvoll. Aber wir haben die Tendenz zu verdrängen, dass Tiere tagtäglich getötet werden – ob in der freien Natur oder zum Verzehr durch den Menschen.

Erstellt: 22.06.2011, 10:51 Uhr

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