Es braucht Kameras auf jeder Wiese, an jedem See!

Betrunkene Jugendliche randalieren am Zürichsee. Sie gehören schärfer beobachtet.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Problem ist erkannt: Es fehlt an Überwachung. Die Jugendlichen, die am Osterwochenende am Ufer des Zürichsees getrunken und massiv randaliert haben, wähnten sich unerkannt, sicher in der Anonymität. Viele waren laut Stadtpolizei aus Vorortsgemeinden angereist und wollten sich in der Stadt austoben – weit weg vom Dorfpolizisten, enthemmt durch den Alkohol.

Genug damit. Die Stadtzürcher FDP will den Krawallmachern den Freiraum nehmen, ihre Anonymität mit Überwachungskameras aufbrechen. Am Bellevue, am Bürkliplatz, beim Bernhard-Theater und am Stadthausquai hat die Stadt bereits Kameras installiert, die sich bei Bedarf per Knopfdruck aktivieren lassen. Vergleichbare Beobachtungstechnik an den Brennpunkten der Zürcher Seepromenade könnten wesentlich zur Gewaltprävention beitragen, sagte der Stadtzürcher FDP-Präsident Severin Pflüger der «NZZ am Sonntag».

Ein guter Vorschlag. Es ist tatsächlich verantwortungslos, dass die Stadt Zürich noch komplett unbeobachtete öffentliche Flächen wie Parks, Wiesen oder Waldränder duldet. In einer Zeit, da jede Fussgängerunterführung, Tramhaltestelle und Ladenpassage routinemässig gefilmt wird, ist dies doch geradezu eine Einladung zu Regelbruch und Botellón: Wir schauen weg, dreh gut durch. So schafft die Stadt mittelfristig No-go-Zonen, in deren kamerafreie Wildnis sich nach Einbruch der Dunkelheit niemand Unbescholtenes mehr wagen sollte.

Richtig also, wenn das Kameranetz ausgeweitet wird. Das wird potenzielle Pöbler und Containerabfackler einschüchtern. Und wer meint, dem elektronischen Auge einen Streich spielen und sich mit lustigen Osterhasenmützen tarnen zu können, wird dank des Vermummungsverbots weggewiesen, fährt im plombierten Postauto heim nach Hombrechtikon.

Stadtluft macht frei

Natürlich sollte auch jeder Polizist mit einer Bodycam bestückt sein, einer am uniformierten Körper getragenen Kamera. Unerkannte Annäherung an den Ordnungshüter? Vergiss es, Freund. Wir sehen dich.

Nun liesse sich (gerade aus bürgerlich-liberaler Warte) einwenden, die verstärkte Observation des öffentlichen Raums bedrohe das Recht aufs Unerkanntsein, die Privatsphäre, den Schutz des Bürgers vor staatlicher Beobachtung. Schliesslich filmen Überwachungskameras alle, Liebespaare wie Hooligans.

Auch könnte man einwenden, dass Anonymität durchaus einmal Sinn und Zweck einer Stadt war. In den Städten legte man die engmaschige soziale Kontrolle des Dorfes ab, Stadtluft machte frei. Handelt also nicht selbst der angesoffenste Agglomerationsteenager in ehrwürdiger ­Tradition?

Zonen der Unbeobachtetheit

Schliesslich liessen sich auch angesichts der rapiden technologischen Fortschritte in Sachen automatische Gesichtserkennung Bedenken formulieren. Wenn wir alle bald einmal nicht nur von der Kamera gesehen, sondern innert Sekunden vom Rechner mit einer Bilddatenbank abgeglichen und identifiziert werden, wird ein Untertauchen fast unmöglich. China demonstriert dies der Welt gerade recht eindrücklich.

Aber diese Einwände sind natürlich akademische Traumtänzerei. Wer sich so viele Sorgen um sein Untertauchen macht, hat doch sicher etwas angestellt. In den bald 20 Jahren seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat sich auch in Europa die Maxime etabliert: Im Zweifel für die Sicherheit. Wer nichts Böses im Sinn hat, der hat auch nichts zu verbergen. Lass dich filmen, orten, ausleuchten und hilf der Polizei, dich zu schützen. Anonymität? Gesellschaftsfeindlich, asozial, verdächtig. Dass es immer noch Internetcafés und Münz-Telefonzellen gibt, ist eigentlich ein Affront.

Wenn es aus philosophischen oder juristischen Gründen wirklich so etwas brauchen sollte wie öffentliche Zonen der Unbeobachtetheit, dann kann die Stadt ja solche einrichten. Sauber abgesteckte, eingehagte Hallen oder Wiesen, wo jede und jeder hineindarf, der eine Stunde lang nicht gefilmt werden will. Bitte sehr, auf eigene Verantwortung. Am Einlass ist eine ID oder der Swiss Pass zu deponieren. Alkohol wird nicht aus­geschenkt.

Erstellt: 01.05.2019, 20:41 Uhr

Artikel zum Thema

Wer am Zürcher Utoquai randaliert hat

Ein «klassisches Frühlingsphänomen» wird am Zürcher Seeufer zum Problem. «Da bekommt man echt Angst», sagt ein Gastronom. Mehr...

«Ein absoluter Überwachungsalbtraum»

Die Zürcher Stadtpolizei will im öffentlichen Raum mobile Überwachungskameras installieren. Einer der Gründe: Die Fussballchaoten. Politikern geht dies zu weit. Mehr...

Stadtrat Lauber befürchtet Todesfälle wegen Fangewalt

Gerold Lauber ist beunruhigt über die starke Zunahme der Gewalt zwischen FCZ- und GC-Anhängern. 300 bis 400 militante Fans hätten die beiden Clubs. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog Warum Selbstständige den Lohn versichern sollten

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...