«Es braucht einen gewissen Fanatismus»

Fredy Knie jun. stand schon als Vierjähriger auf dem Pferderücken. Tochter und Enkel taten es ihm gleich. Demnächst wird der Zirkusdirektor auch anderen Jugendlichen die Pferdedressur beibringen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hat der Circus Knie Nachwuchsprobleme? Zirkusdirektor Fredy Knie jun. wird Anfang Jahr vier mehrstündige Kurse über Pferdedressur erteilen. Darunter zwei, die sich ausschliesslich an Jugendliche unter 16 Jahren richten. «In unserem Zirkus ist für Nachwuchs gesorgt», wehrt Fredy Knie ab. Es sei ihm aber ein Anliegen, vorab jungen Leuten das Verständnis für die Pferde zu vermitteln. «Denn Pferdedressur hat nichts mit Kavallerie zu tun.» Das habe er schon bei seinem Vater gelernt.

Zucker für Brandy, Zeltli für Fredy

Sein Vater, Fredy Knie sen., sorgte einst als jüngster Schulreiter der Welt für Schlagzeilen. Er war damals neun Jahre alt. Sein Sohn Fredy jun. trat als 4-Jähriger erstmals mit seinem Pony Brandy in der Manege auf. Er erzählt: «Ich erinnere mich an meine Garderobenfrau, die mich einkleidete und mir immer, wenn ich meine Sache gut machte – und ich machte sie immer gut –, ein Zeltli in den Mund steckte.» Zucker für Brandy, Zeltli für Fredy. Das Gwändli von damals hat er heute noch. Er erinnert sich auch, wie sein Pony einmal während der Vorstellung ins Straucheln kam und er kopfüber ins Sägemehl plumpste: «Nase voll Sägemehl und Zähne voll Sägemehl. Ich wollte erst losheulen vor Wut, dass mir das vor 3000 Leuten passiert ist.» Doch dann sei sein Vater zu ihm getreten. «Er hat mich beruhigend und fest am Arm genommen, ich spüre den Griff heute noch, und er hat gesagt: Gränne chasch de dusse, nid i der Manege.»

Was er bei der Pferdedressur sehr schnell gelernt habe, sei die Selbstbeherrschung. «Wenn ich einen Wutausbruch habe, verängstige ich das Tier nur. Es wird nie begreifen, weshalb ich mich so anstelle.» Wie zeigt er denn dem Pferd, wenn er nicht zufrieden ist? Er spricht mit ihm Deutsch: «Ich benutze deutsche Wörter, wenn ich eher streng bin, und französische, wenn ich das Pferd lobe. Das hat sich so ergeben.»

Pubertäre Pferde

Als seine Tochter Géraldine ihm eröffnete, dass sie in seine Fussstapfen treten wolle, erzählt Fredy Knie jun., habe er sich natürlich gefreut. «Ich habe ihr aber auch gesagt, dass man diesen Beruf nur mit 100-Prozent-Einsatz ausüben kann. Da gibt es nichts Halbbatziges. Es braucht einen gewissen Fanatismus.» Und Geduld, denn Pferde können ganz schön stur sein. Und sie kommen in die Pubertät, was sein Schwiegersohn im Moment am eigenen Leib erfahre: «Von der zehnköpfigen Friesengruppe, die mein Schwiegersohn zurzeit trainiert, ist jedes einzelne Tier voll pubertär.» Pferde haben auch ein Elefantengedächtnis. Knie erzählt von einer Gruppe 28-jähriger Araberhengste. Von den zwanzig eingeübten Nummern seien alle nach Belieben abrufbar. «Nur ich muss vorher im Video nachschauen, um mich wieder zu erinnern.»

Fredy Knie jun. hat schon einen Bengaltiger dazu gebracht, auf einem Breitmaulnashorn zu reiten, und hat selber Giraffen oder Flusspferde geritten. «Wer Pferde dressieren kann, kann alle Tiere dressieren», habe schon sein Vater gesagt. «Der Umgang mit Tigern ist sehr viel einfacher.» Der Tiger kehrt einem den Rücken zu, wenn er etwas nicht tun will. Lamas sind so neugierig, dass sie schnell für Kunststücke zu gewinnen sind. «Pferde aber haben nur die Flucht, um sich zur Wehr zu setzen. Daher brauchen sie viel mehr Einfühlungsvermögen.»

Alle müssen sich wohlfühlen

Fredy Knie jun. wird nächstes Jahr 65. Pensionsalter. Niemand käme auf die Idee, ihn mit dem Thema Ruhestand in Verbindung zu bringen. Gerade ist er auf dem Sprung in den Weltweihnachtszirkus nach Stuttgart. In den letzten Jahren habe das seine Tochter übernommen. «Doch jetzt ist sie schwanger, da muss der Alte einspringen.»

Für Nachwuchs ist also wirklich gesorgt. Vier Jahre alt war Géraldine, als sie erstmals mit ihrem Vater und ihrem Pony in der Manege stand. Vier Jahre alt war auch ihr Sohn Ivan Frédéric, als er 2005 mit seinem Shetland-Pony die Herzen des Publikums eroberte. Ob ein Zirkus tierfreundlich sei, wird immer wieder mal diskutiert. Aber ist er auch kinderfreundlich?

Als Klein Fredy Knie jun. von seinem Pony stürzte, hatte er die Nase voll. Er wollte nichts mehr von Auftritten wissen, und die Eltern liessen ihn in Ruhe. Nach drei Wochen stapfte er ins Zirkuszelt und fragte: «Papi, darf i wider i d Probe?» Wie seine Eltern halte man es bis heute in seiner Familie. «Hierin sind sich Pferde und Kinder gleich: Die Arbeit im Zirkus funktioniert nicht, wenn sie sich nicht wohlfühlen.» Eine Zeichnung seines Enkels zeigt ein lachendes, langhalsiges Pferd auf besonnter grüner Wiese. Daneben steht: «Reiten mit Nonno ist das Grösste für mich.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2010, 23:27 Uhr

Bei seinem ersten Auftritt war er vier: Fredy Knie jun. als Achtjähriger stehend auf zwei Welsh-Ponys. (Bild: Keystone )

Wie Knie seine Pferde trainiert

Fredy Knie jun. zeigt im Januar (Mi. 19. Jan. 14 bis 16 Uhr; Sa. 22. Jan. 9 bis 13 Uhr) und im Februar (Mi. 2. Feb. 14 bis 16 Uhr; Sa. 5. Feb. 9 bis 13 Uhr) in der Reithalle beim Kinderzoo Rapperswil, wie er seine Pferde dressiert. Daran schliesst sich eine Führung durch die Stallungen an. Beim darauffolgenden Lunch steht der Zirkusdirektor Rede und Antwort. Die Mittwochsveranstaltungen (60 Fr.) sind ausschliesslich für Jugendliche unter 16 Jahren gedacht. Am Samstag haben auch Erwachsene Zutritt (180 Fr.)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Never Mind the Markets Der Ölpreis als Wirtschaftsseismograf

Stadtblog Ein richtig guter Thai!

Die Welt in Bildern

Trigger für Höhenangst: Ein Besucher der Aussichtsplattform des King Power Mahanakhon Gebäudes in Bankok City posiert fürs Familienalbum auf 314 Meter über Boden. (16. November 2018)
(Bild: Narong Sangnak/EPA) Mehr...