«Es freut mich, dass Sie darin eine Zeitgeist-Kritik erkennen»

Der international preisgekrönte Schweizer Künstler Dimitri de Perrot irritiert die Besucher des Theater Spektakel wohltuend.

Mitten in seiner Installation: Künstler Dimitri de Perrot am Theater Spektakel in Zürich. Bild: Reto Oeschger

Mitten in seiner Installation: Künstler Dimitri de Perrot am Theater Spektakel in Zürich. Bild: Reto Oeschger

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Ein Holzboden, darauf wenige Hocker, mittendrin und rundherum schwarze Stangen mit speziellen «Köpfen», die sowohl Lampen als auch Lautsprecher sind und aus denen soundtrackartige Musik, Geräusche, Sprachfetzen oder Stimmen ertönen. Dies ist die nüchterne Beschreibung der Installation «Unless», die derzeit im Eingangsbereich des Theater Spektakel aufgebaut ist, wo sich auch die Abendkasse, der Bücherladen und der Bancomat befinden.

Mit ein wenig Fantasie kann man all dies aber auch ganz anders wahrnehmen. Zum Beispiel als langhalsige, kauderwelschende Tiere. Oder als eigenwillig vertontes «Tableau vivant» (um eine grossartige, aber leider aus der Mode geratene und darum weitgehend vergessene Kunstform wieder einmal in Erinnerung zu rufen).

Was es tatsächlich ist, weiss der Mann, der «Unless» realisiert hat. Dimitri de Perrot ist Künstler, Musiker und Regisseur, 43 Jahre alt – und dank gefeierten und prämierten Kunstprojekten, unter anderem mit dem Kollektiv Zimmermann & de Perrot, weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

Herr de Perrot, welche Absicht verfolgen Sie mit «Unless»?
Es gibt keine Absicht. «Unless» ist eine begehbare Klangskulptur.

Ein zweckloses Kunstwerk?
Das trifft es ziemlich gut. Ich will niemandem sagen oder erklären, was sie oder er konkret erleben muss. Aber natürlich freue ich mich, wenn sich Leute irgendwie damit befassen. Wenn sie den Klängen lauschen, in einen Beobachtermodus fallen … oder wenn sich Kinder plötzlich auf den Holzboden legen und so tun, als würden sie schlafen.

Es geht also um eine Art Innehalten?
Was mich seit längerem umtreibt, ist das Erforschen eines «Dazwischen». Also die Beschäftigung mit den Momenten zwischen einer abgeschlossenen und vor einer kommenden Situation. Darum habe ich dem Theater Spektakel für die Installation auch diesen Standort vorgeschlagen: Hier sind die Leute nicht mehr zu Hause, aber auch noch nicht richtig im Trubel der Landiwiese. Hier verabredet man sich, steht an für Tickets oder lässt am Automaten Geld raus. Mitten in diesem örtlichen und zeitlichen Zwischenraum kann meine Intervention als Alternative funktionieren.

Nicht zu Hause, aber auch noch nicht im Trubel: Die Installation auf der Landiwiese. Bild: Reto Oeschger

Eine Alternative zu was? Um eine etwaige Langeweile zu überbrücken? Dazu hat man doch das Smartphone.
Eher eine Alternative zum Smartphone. Damit man die Langeweile nicht überbrückt, sondern zulässt.

Wozu soll das gut sein?
Heutzutage muss alles eine Bedeutung haben, alles irgendwie definiert und verständlich und konsumierbar sein. Wenn das einmal nicht der Fall ist, geraten wir durcheinander, werden unsicher oder zumindest irritiert. Wer sich aber auf dieses unsichere Gefühl einlässt, diesen Kontrollverlust aushält, dem eröffnen sich womöglich neue, interessante Ein- und Ausblicke. Es ist ein Ort, wo die Besucherschaft ihre Sinne für eine Poesie der Normalität schärfen kann.

Inspiration durch Irritation?
Wenn man so will, ja. Seit ein paar Jahren setzte ich Klänge als gleichwertige Erzählmittel zu Sprache oder Bild ein. Das Auge fokussiert, es wählt das Wesentliche aus, der Rest wird ausgeblendet. Der Hörsinn hingegen geht in alle Richtungen, er lässt Verschiedenes koexistieren. Klang ist immateriell und öffnet Gedanken. Das macht ihn als Erzählmittel wertvoll: Die Ambivalenz, die Einsicht, dass ein- und dasselbe für verschiedene Menschen etwas ganz anderes sein kann.

Ist die Installation also indirekt auch eine Kritik am Zeitgeist, an den allgegenwärtigen sozialen Medien?
Wie vorhin gesagt, da ist keine Absicht, es gibt hier kein richtig oder falsch. Dass Sie darin eine Zeitgeist-Kritik erkennen, freut mich vor allem deshalb, weil die Installation bei Ihnen diesen Gedanken ausgelöst hat. Wenn das passiert, habe ich viel erreicht. Ich denke, die Installation kann dazu beitragen, Achtsamkeit zu erzeugen.

Wenn es keine falsche Interpretation gibt, könnte also jemand auch frech behaupten, «Unless» sei eine rätselhafte Gefühlsduselei.
Ich würde dem entgegenhalten, dass es sich um eine durchkomponierte künstlerische Inszenierung mit einem klaren theatralischen Konzept handelt. Mich interessiert das Brüchige, das nicht zwingend Fertige. Daraus entsteht Spielraum. Der Freche gehört dazu.

Auftritt im gefeierten Duo Zimmermann & de Perrot. Video. Youtube/ zimmermanndeperrot

Angefangen haben Sie als DJ, also als Figur, die im Zentrum steht und Massen bewegt. Dann feierten Sie grosse Erfolge im In- und Ausland. Und nun bespielen Sie mit minimalistischen Klängen eine Kunstnische am Rande des Theater Spektakel. Ein spezieller Weg.
Ich finde die Qualität von Beziehungen spannender als den Erfolg an sich. Meine Neugier treibt mich immer weiter, es ist der ungewohnte Weg, die andere Möglichkeit, die mich beschäftigt. Darum habe ich mich künstlerisch auch nochmals neu positioniert.

Im letzten Sommer hatten Sie «Unless» in Hong Kong aufgebaut. Wie war das im Vergleich mit Zürich?
Hong Kong ist eine unfassbar laute und turbulente Megacity. Die Installation stand an einem der lautesten Orte der Stadt, über einer Metro Station beim Ausgang einer Shopping Mall. Wir stellten uns dem Menschenstrom richtiggehend in den Weg. Berührt hat mich, dass ich in diesem Treiben einen Ort der Stille kreieren konnte, die Menschen setzten sich und hörten konzentriert zu, trotz der Eindringlichkeit des lauten Konsumtreibens.

«Unless», täglich ab 16 Uhr, Sa/So ab 14 Uhr, Theater Spektakel. www.dimitrideperrot.com

Erstellt: 23.08.2019, 19:37 Uhr

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