«Es gibt wochenlang Ghetto»

Ulrich Meier* (24) verbrachte das Wochenende im Gefängnis. Er wurde wegen Landfriedensbruchs verurteilt. Harte Strafen würden ihn nicht daran hindern, weiterzumachen, sagt er.

«Sie kriegen mich nicht unter»: Ulrich Meier, der bei den Krawallen am letzten Samstag festgenommen wurde.

«Sie kriegen mich nicht unter»: Ulrich Meier, der bei den Krawallen am letzten Samstag festgenommen wurde. Bild: Nicola Pitaro

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Was machen Sie morgen Samstag?
Ich lasse mich nicht einschüchtern oder unterdrücken. Wenn ich das Gefühl habe, dass es immer noch gerechtfertigt ist, auf die Strasse zu gehen, dann gehe ich. Jeder kann sich selbst überlegen, ob sich irgendwas an der Situation verbessert hat, oder ob es jetzt noch mehr Gründe gibt, auf die Strasse zu gehen.

Letzten Samstag wurden Sie beim Central verhaftet. Was ist passiert?
Es stimmt, ich war da. Als Reaktion auf den vorletzten Samstag, als die Polizei beim Bellevue auf die Massen losging. Ich wollte ein Zeichen setzen. Als nur noch ein paar wenige Leute anwesend waren, kamen die Polizisten aus allen Richtungen und haben uns mit dem Wasserwerfer zusammengetrieben.

Weshalb sind Sie nicht abgehauen?
Alles ging viel zu schnell.

Waren Sie vermummt?
Nein. Ich benutzte aber einen Schal, um mich vor dem Tränengas zu schützen.

Haben Sie zuvor Steine geworfen?
Verurteilt wurde ich wegen Landfriedensbruchs. Der Paragraf dient allein dazu, jegliche Regung von der Strasse abzuwürgen. Aber eigentlich spielt das überhaupt keine Rolle.

Doch, es spielt eine Rolle.
Es ist irrelevant, ob eine Einzelperson einen Stein schmeisst oder nicht. Es ist die Menge, die eine Forderung hat. Wenn ich sehe, wie die Polizei den ganzen Sommer über und vor allem letzten Samstag mit uns umgegangen ist, verstehe ich die Wut jener, die Steine werfen. Alle im Gefängnis empfanden so.

Bedauern Sie, dass eine Tramhaltestelle dran glauben musste?
Man könnte auch davon sprechen, dass Leuten die Zähne mit Gummischrot herausgeschossen wurden. Ich sah jemanden, den aus drei Metern ein Geschoss knapp unter dem Auge traf. Das steht dann nicht in der Zeitung.

Wo hat man Sie hingebracht?
In die Kaserne, wo wir einzeln vernommen wurden.

Wie lief das ab?
Der Staatsanwalt gab einem die Möglichkeit zuzugeben, dass man vor Ort war. Wer sagte, dass er nicht einverstanden sei, kam in Untersuchungshaft. Das ist eine Nötigung zur Falschaussage! Um seinen Job nicht zu verlieren, musste man Landfriedensbruch gestehen. Und jetzt soll plötzlich Verdunkelungsgefahr bestehen. Das ist doch Blödsinn. Was wollen die denn machen? Sich in den Polizeicomputer einhacken und Fotos löschen?

Wie fühlte es sich an im Gefängnis?
Es ist nicht der Hit. Die erste Nacht verbrachte ich mit sechs bis zwölf Leuten auf engem Raum. Keine Betten, nur Boden und Bänke. Sonntag auf Montag war ich in einer Zweierzelle, da gab es ein Radio. Man fühlt sich wie ein Schwerverbrecher. Ich musste raus, also habe ich zugegeben, dass ich am Central war. Perfiderweise steht jetzt im Strafbefehl aber, ich hätte bei den Krawallen teilgenommen. Das ist ein Unterschied.

Was sagten Ihre Eltern?
Ich wohne ja nicht mehr zu Hause. Die Stimme meiner Mutter zitterte am Telefon schon ein bisschen. Aber es ist nicht so, dass Zucht und Ordnung jetzt auch noch vom Elternhaus ausgeübt werden. Das wurde alles outgesourct (lacht).

Was halten Sie vom Vorschlag der FDP, die Armee beizuziehen?
Wir werden darauf trainiert, ganze Häuser und Quartiere zu zerstören. Man kann ganze Städte im Namen der Humanität bombardieren, alle akzeptieren das. Wenn aber mal ein paar Leute sauer werden und ausflippen, dann soll es an den Genen liegen. Dann sind es entweder Linksextreme oder Krawalltouristen oder Ausländer.

Was wollen Sie eigentlich?
Ich repräsentiere nicht die Leute, die da waren. Das war eine ziemlich heterogene Gruppe mit eigener Dynamik. Es gibt keine Drahtzieher. Nicht alle, die austicken, haben eine politische Forderung. Aber das Austicken an sich ist politisch. Es ist Ausdruck der Machtlosigkeit und Frustration.

Ihre Forderung in einem Satz?
Die Polizei soll sich zurückhalten. Und es muss eine parlamentarische Untersuchung geben zum Bellevue.

Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne) gibt sich gesprächsbereit.
Es ist ein Irrsinn, wenn Leupi sagt, der Stadtrat sei dialogbereit, dann aber nicht mit jenen reden will, die ein Problem haben. Offensichtlich haben nämlich genau die Leute, die auf die Strasse gehen, ein Problem. Die will man jedoch lieber einsperren und marginalisieren. In der Hoffnung, eine Gruppe herauspicken zu können, welche die Vorgänge diskreditiert. Beim Bellevue war die Gesprächsbereitschaft ja da. Es war eine provokative Aktion, zugegeben. Die Eskalation selbst hat aber der Stadtrat zu verantworten.

Soll also morgen Samstag Leupi ohne Polizei vorbeikommen?
Wenn die Polizei auftaucht und herumballert, kommt es zur Eskalation. Jetzt erst recht. Der Stadtrat muss erkennen, dass es junge Leute gibt, die nicht wie Tagespolitik funktionieren. Die nicht Bewilligungen einholen, bis alles durchkommerzialisiert ist.

Die Zürcher sehen demolierte Tramhäuschen und Wasserwerfer. Verständlich, dass sie das nicht wollen.
Wir sitzen ja nicht am Steuer des Wasserwerfers. Beim Bellevue hatte man die Wahl: Entweder man nimmt für maximal zwei Stunden eine Trambehinderung in Kauf, was bei der EM ja kein Problem war, oder man fährt mit der Polizei ein und es gibt wochenlang Ghetto.

Die EM findet alle vier Jahre statt.
Den ganzen Sommer gab es immer wieder illegale Partys, an denen sich überhaupt niemand gestört hat. Und doch kamen sie etwa am Street-Parade-Samstag mit 30 Cops in Prügelausrüstung.

Sie wurden zu 120 Tagessätzen à 50 Franken bedingt und zu einer Busse von 1700 Franken verurteilt. Haben Sie das Geld?
Wir organisieren uns, veranstalten Solidaritätspartys. Leute, die im Knast waren oder noch sind, sollen sich melden.

Bewirkt die Strafe bei Ihnen ein Umdenken?
Sie werden mich damit nicht unterkriegen. Im Notfall gehe ich für Landfriedensbruch auch drei Jahre in den Knast. Dann hätten wir Zustände wie in einer Diktatur. So weit ist es noch nicht ganz.

Zum Glück.
Es ist eine Auseinandersetzung, die von beiden Seiten heftig geführt wird. Sagt man einfach, die sind gewaltgeil, hat man kein Verständnis für das Entstehen solcher Proteste. Es ist bestimmt kein Spass, aber es ist auch kein Krieg.

*Name geändert

Erstellt: 23.09.2011, 07:17 Uhr

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