«Es ist unmöglich, dass das Handynetz hält»

Die Mobilfunkanbieter rüsten ihr Netz mit allen möglichen Massnahmen für die Street-Parade auf. Laut Experte sei dies allerdings nichts weiter als ein Tropfen auf den heissen Stein.

«Kannst du mich hören?»: Eine Besucherin der Street-Parade 2012 versucht mit dem Handy zu telefonieren.

«Kannst du mich hören?»: Eine Besucherin der Street-Parade 2012 versucht mit dem Handy zu telefonieren. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist ein jährlich wiederkehrendes Szenario: Am Samstagnachmittag während der Street-Parade bricht das Handynetz zusammen. Hunderttausende Besucher versuchen in der Menschenmenge, sich gegenseitig anzurufen, um einen Treffpunkt zu vereinbaren. Andere wollen Bilder und SMS verschicken oder Tweets absetzen. An diesem Tag oft ein hoffnungsloses Unterfangen.

Diese Erfahrung macht auch Stefan Epli, Pressesprecher des Vereins Street-Parade. «Während der Parade hat man wenig Chancen auf mobilen Datenaustausch. Das ist aber auch kein Wunder, hat heute doch jeder ein Handy dabei und mit den Pushnachrichten ist auch jedermann 24 Stunden mit der Welt verbunden», sagt er auf Anfrage. Epli würde es entsprechend begrüssen, wenn man auch während der Street-Parade Empfang hätte. «Schliesslich haben wir seit drei Jahren eine eigene App, auf der man die neusten News erfahren kann – beispielsweise wo gerade welche DJs auflegen.»

Temporäre Antenne auf dem Bürkliplatz

Um die Leistungen zu erhöhen, baut Mobilfunkanbieter Swisscom sein Netz für die Street-Parade aus. «Wir haben die bestehenden Ausbauten unserer Standorte vom Züri-Fäscht auch für die Street-Parade in Betrieb und stellen auf dem Bürkliplatz noch einen temporären Container mit einer mobilen Antenne auf, um die Versorgung zu verbessern. Zudem haben wir kürzlich auf dem Bellevue einen zusätzlichen festen Standort in Betrieb genommen, um für eine bessere Kapazität sorgen zu können», hält Swisscom-Sprecherin Annina Merk auf Anfrage fest.

Die temporäre Antenne werde über 4G/LTE verfügen. LTE (Long Term Evolution) ist die Mobilfunktechnologie der vierten Generation (4G), die mobile Daten- und Sprachkommunikation mit Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 150 Mbit/s ermöglicht. Damit könne gemäss Merk zusätzliche Kapazität für rund 20'000 Personen geschaffen werden. «Die Antenne wird ans Glasfasernetz angeschlossen, denn ohne eine solche schnelle Datenanbindung könnte man den durch die vielen Kunden verursachten Datenstrom gar nicht von der Antenne in das Netz übertragen.»

Die Leistung sei immer davon abhängig, wie viele Personen eine Antenne gleichzeitig nutzen, so Merk weiter. Es sei aber aufgrund der Strahlenschutz-Grenzwerte nicht möglich, die Kapazitäten beliebig zu erhöhen. «Ein Mobilfunknetz ist nicht auf Grossanlässe ausgerichtet. Es ist daher nie ausgeschlossen, dass es temporär zu Überlastungen kommen kann.»

Ausbau der bestehenden Antennen

Auch bei Orange rüstet man sich für den Grossanlass am 10. August. Zwar sei das Gebiet der Street-Parade von Orange bereits gut mit Mobilfunk versorgt, wie Therese Wenger gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagt. «Die Kapazitäten der bestehenden Anlagen, insbesondere rund um das Seebecken, werden aber optimiert, um den Besuchern eine möglichst unterbruchsfreie Mobilkommunikation zu ermöglichen.»

Gezielte Kapazitätserweiterungen der bereits vorhandenen Antennen plant auch der dritte Schweizer Mobilfunkbetreiber Sunrise. Laut Mediensprecher Tobias Kistner sollen für den Grossanlass zudem zusätzliche mobile Antennen installiert werden. «Es werden spezielle Parameter mit dem Fokus auf grosse Daten- und Sprachmengen eingestellt. So wollen wir das Netzwerk für den grossen Ansturm innerhalb kurzer Zeit optimieren.»

10 Prozent aller Mobilfunkantennen müssten ans Seebecken

Die Mobilfunkanbieter sind also darum bemüht, den Nutzern an der Street-Parade ein lückenloses Surfen zu ermöglichen. Ganz werden sie es aber nicht schaffen, denn «es ist schlicht unmöglich, ein Handynetz so auszubauen, dass es bei solchen Menschenmassen auf engstem Raum garantiert nicht zusammenbricht», sagt Ralf Beyeler, Telecomexperte von Comparis.ch.

Man könne zwar zusätzliche Antennen aufbauen. Das sei aber einerseits aufgrund der Bewilligungspraxis nicht so einfach und andererseits nichts weiter als ein Tropfen auf den heissen Stein. «An der Street-Parade werden gegen eine Million Besucher erwartet. Wenn alle ihre Handys gleichzeitig nutzen wollen, müsste man etwa zehn Prozent aller Mobilfunkantennen der Schweiz am Seebecken aufstellen, um eine Telefonverbindung zu ermöglichen.»

Musik statt Mobile

Jede LTE-Antenne hat eine Leistung von 150 Mbit/s. Damit können ungefähr 75 Personen ein Video von guter Qualität auf dem Handy anschauen. «Bei den etwa 50 Antennen, die rund um das Zürcher Seebecken aufgebaut sind, können somit 4000 Personen gleichzeitig ein Video sehen. Wollen das mehr Leute tun, wird die Qualität schlechter oder es ist nicht mehr sichtbar.»

Dem Problem könne man laut Beyeler nicht entgehen. «Man müsste wohl mehrere Kilometer laufen, um möglicherweise eine Antenne zu erreichen, die nicht überlastet ist», so der Experte. Das könne man selbstverständlich versuchen. «Ich würde es aber pragmatisch angehen: an der Street-Parade die Musik geniessen und nicht telefonieren und surfen.»

Erstellt: 25.07.2013, 13:00 Uhr

Artikel zum Thema

Massengedränge: Was an der Street Parade anders ist

Hintergrund Seit der heiklen Situation vor dem Baur au Lac am Zürifäscht steigt die Angst vor einem schweren Zwischenfall. Die Ausgangslage an der Street Parade vom 10. August sei anders, sagen die Verantwortlichen. Mehr...

Panik-App ging in SMS-Flut unter

Polizei und ETH-Forscher wollten an Silvester mit Handydaten die Bewegung der Massen verfolgen. Als die Gefahr einer Massenpanik am grössten war, schrieben die Festbesucher zu viele SMS. Mehr...

«Ich bin vermutlich etwas paranoid geworden»

Löchrige SIM-Karten, die Hackern Zugang zum Handy verschaffen: Wie verwundbar sind wir? Dazu Informatikprofessor Hannes Lubich. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Vergleichsdienst

Finden Sie mit unserem unabhängigen Abovergleich das optimale Handyabo.
Jetzt vergleichen.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...