«Es lohnt sich nicht mehr»

Mit 80 Jahren steht Fritz Ernst noch immer Tag für Tag in seinem Geschäft für Fotozubehör im Kreis 3. Im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet verrät er, was sich in den vergangenen 65 Jahren verändert hat.

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Wer den «Foto-Ernst» betritt, macht eine kleine Zeitreise. Der 80 Quadratmeter grosse Raum ist randvoll mit Raritäten aus längst vergangenen Tagen. In den Regalen setzen Super-8-Filmrollen und Diaprojektoren Staub an, Kamerakoffer stapeln sich bis unter die Decke, Dutzende Metallstative hängen an den Wänden. Tageslicht dringt kaum mehr in den Laden ein.

Mitten in diesem Reich aus Linsen, Objektiven und Filmen steht Fritz Ernst. Seit 65 Jahren ist er Tag für Tag in seinem Fachgeschäft für Fotozubehör anzutreffen. Ferien hat er vor 40 Jahren zum letzten Mal gemacht. Er alleine weiss, wo in diesem Sammelsurium die gewünschte Ware zu finden ist. Wie er das schafft? «Ich habe eben ein fotografisches Gedächtnis.»

Die Mutter stand im Laden, der Vater war im Dienst

Fotografie bestimmt Fritz Ernsts Leben. Schon als kleiner Junge war er von Kameras umgeben. Sein Vater führte damals noch ein Fachgeschäft für Fotografie an der Grüngasse im Kreis 4. 1939 hilft der kleine Fritz mit neun Jahren beim Umzug in die Liegenschaft an der Badenerstrasse 211 im Kreis 3, wo «Foto-Ernst» noch heute zu finden ist.

«Mein Vater hatte Glück, dass er dieses Haus zu einem guten Preis kaufen konnte», erinnert sich der heute 80-Jährige. «Die Zeiten waren hart. Zum Teil bekam man die Ware nicht geliefert und Kunden gab es während der Kriegsjahre auch kaum.» Der Vater musste damals Aktivdienst leisten, die Mutter führte in der Zeit das Geschäft. Ein Teil des Ladenlokals wurde vermietet, um über die Runden zu kommen – neben den Fotoapparaten wurde Wolle verkauft.

«Das Geschäft zu übernehmen war halt am einfachsten»

Mit 16 Jahren dann, nach dem Abschluss einer KV-Lehre, ist Ernst selbst ins Geschäft seines Vaters eingestiegen. «Ein anderer Beruf stand nie zur Debatte. Meine Eltern hatten kein Geld und Unterstützung vom Staat hätte ich nicht gewollt. Dazu war ich zu stolz». Bereut hat er den Entscheid trotzdem nicht. «Die Fotografie ist ein interessantes Gebiet. Ich bin damit aufgewachsen – und das Geschäft zu übernehmen war halt am einfachsten.»

Nach dem Krieg kam endlich auch der lange ersehnte Aufschwung. «In den 50ern hatten die Leute wieder Geld. Dann konnten sie sich auch den Luxus eines Fotoapparates leisten.» Überhaupt war früher alles besser – damals, als es die Digitalfotografie noch nicht gab. «Die Leute haben zum Teil jahrelang für einen Fotoapparat gespart. Man machte noch Bilder für die Ewigkeit», findet Ernst und wirft seine Hände durch die Luft. Heute sei das vorbei. «Man hätte den Begriff Fotografie schützen sollen. Die Werte von früher gehen verloren.»

Keine Nachfolger und keine Nachkommen

Auch Fritz Ernsts Fachwissen wird irgendwann verloren gehen. Einen Nachfolger für seinen Laden gebe es nicht und man könne auch niemanden anlernen, meint er «Es lohnt sich nicht mehr. Die Fotografie ist vorbei. Das versteht heute niemand mehr.» Auch Kinder hat Fritz Ernst keine. «Ich war schon verheiratet. Aber wir haben uns scheiden lassen. Das ist jetzt 50 Jahre her.» Ob er denn nicht wieder heiraten wollte? «Nein, das war nicht nötig.» Immerhin: Mit seiner jetzigen Freundin ist er seit 40 Jahren zusammen.

Vorerst ist allerdings noch kein Ende von «Foto-Ernst» in Sicht. Fritz Ernst denkt nicht ans Aufhören, eine Pensionierung steht aus finanziellen Gründen nicht zur Debatte. «Und überhaupt: Wo soll man denn mit all den Sachen hin, wenn ich den Laden einfach schliesse? Mit diesem Problem kann sich nach meinem Tod beschäftigen wer will. Das geht mich dann nichts mehr an.» Kundschaft kommt jedenfalls noch immer in den Laden an der Badenerstasse. «Es sind vor allem Nostalgiker – und solche, die den Unterschied zwischen der echten Fotografie und Digitalbildern noch kennen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.01.2011, 11:00 Uhr

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