Essen, schlafen – und dann Tschüss

Sie sind der Schrecken der Wirte und Hoteliers: Die Zechpreller. In Zürich werden sie jedes Jahr zu Dutzenden angezeigt. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs, es wird mit einer grossen Dunkelziffer gerechnet.

Verlassene Betten: Rund 30-mal pro Jahr verschwinden Hotelgäste in Zürich, ohne zu bezahlen.  Foto: Alain Greloud (Plainpicture)

Verlassene Betten: Rund 30-mal pro Jahr verschwinden Hotelgäste in Zürich, ohne zu bezahlen. Foto: Alain Greloud (Plainpicture)

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Höflich hatte sich das Hochzeitspaar im Speiserestaurant zum Testessen angemeldet. Danach zeigte es sich begeistert und versprach, das Essen später zusammen mit dem vereinbarten Hochzeitsbankett zu bezahlen. Wozu es dann allerdings nicht kam – weil das Paar die Hochzeit kurzfristig absagte. «Die Rechnung fürs Testessen ist bis heute offen», sagt Luzia Schlegel, Leiterin des Verbandssekretariats der Gilde etablierter Schweizer Gastronomen.

Auch andere Zechprellertricks wirken simpel, zeigen aber Wirkung, wie der Zürcher Gastgewerberechtsexperte Peter Theiler berichtet. Etwa die Masche mit dem Portemonnaie. Dabei teilt der Gast der Serviceangestellten mit, er müsse noch schnell sein Portemonnaie aus dem Auto holen. Und macht sich aus dem Staub. Oder der Trick mit dem falschen Namen, an den die Rechnung fürs Essen gehen soll. Als Klassiker gilt die Rauchpause. Gäste gehen schnell nach draussen, um eine Zigarette zu rauchen – und verschwinden dann, oft samt dem Weinglas, das sie mit nach draussen genommen haben, um anzudeuten, dass sie gleich wieder da sind.

Gewisse Orte begünstigen Zechprellerei, etwa überfüllte Gartenbeizen, wo Gäste vortäuschen, nur rasch zur Toilette zu gehen, und sich dann französisch verabschieden. Hartnäckig hält sich auch die irrige Meinung, man dürfe ein Restaurant ohne zu zahlen verlassen, wenn man drei vergebliche Zahlungsversuche unternommen habe.

86 Anzeigen im Jahr 2013

Wie weit verbreitet Zechprellerei in ­Zürcher Beizen tatsächlich ist, bleibt schwierig abzuschätzen. Statistiken fehlen, viele Wirte reden nicht gerne darüber. Aufhorchen liess kürzlich ein Bericht der Zeitung «Le Temps», wonach in Westschweizer Beizen das «filer à l’anglaise» weit häufiger vorkommen soll, als viele vermuten.

Im Kanton Zürich verharrt die Zahl der Anzeigen wegen Zechprellerei seit einigen Jahren auf relativ stabilem ­Niveau. 2013 registrierten Stadt- und Kantonspolizei insgesamt 86 Anzeigen, 31 davon auf Stadtgebiet. 2012 waren es 93 Anzeigen (35 in Zürich), im Jahr davor 67 (22 in der Stadt). Zahlen für 2014 sind noch nicht erhältlich. Seit 2009 gab es auf Kantonsgebiet pro Jahr jeweils zwischen 65 und 95 Zechprellerei-Anzeigen. Die meisten betrafen Hotels, wie Stadtpolizei-Sprecher Martin Heussi sagt. Die offiziellen Zahlen seien zwar eher tief, doch müsse mit einer beträchtlichen Dunkelziffer gerechnet werden, weil viele Hoteliers und Wirte auf eine Anzeige verzichteten.

Diese Einschätzung teilt auch Branchenkenner Peter Theiler: «Die Anzeigen bei der Polizei sind nur die Spitze des Eisbergs.» Viele geprellte Wirte verzichteten angesichts des Bagatellbetrages und ohne Kenntnis des Täters auf einen Strafantrag, der Aufwand lohne sich nicht. «Meistens wird das vom Wirt mit der Faust im Sack abgetan.» Zudem wollen sie nicht, dass Polizisten während der Betriebszeiten ins Lokal kommen, weil das dem Image wenig zuträglich ist. Oft merke man eine Zechprellerei auch gar nicht, weil es sich um kleine Beträge handelt, die auch mit einer Fehlabrechnung des Servierpersonals zusammenhängen können oder mit dem Trinkgeld ausgeglichen werden.

Luzia Schlegel von der Gilde etablierter Schweizer Gastronomen bezeichnet Zechprellerei als «ernst zu nehmendes Thema». Glücklicherweise gehe es meist nur um kleinere Beträge. «Aber es ärgert einen trotzdem, man ist praktisch machtlos.» Das juristische Vorgehen gegen einen Zechpreller sei aufwendig und schwierig. «Oft ist es so, dass die Zechpreller bereits privat Konkurs angemeldet haben und man kaum eine Chance hat, das Geld zurückzubekommen.» Ernst Bachmann, Präsident von Gastro Zürich und selber Wirt, versucht den Ball flach zu halten. Zechprellerei sei in Zürich kein grosses Thema, im Wirteverband habe man jedenfalls kaum Kenntnis von Fällen. Allerdings sei offen, ob die Wirte die Fälle überhaupt melden. Bachmann warnt: «Wir können doch nicht den Betrieb verrückt machen wegen Einzelfällen.» Sonst bestehe die Gefahr, dass Wirte und Servicepersonal allen Gästen mit Misstrauen begegnen.

Falschgeld als weiteres Problem

Bei den grossen Zürcher Gastrounternehmen Bindella und Candrian Catering tönt es ähnlich. Es würden pro Jahr nur sehr wenige Zechprellereien festgestellt. Bindella-Sprecher Hans-Jörg Degen ortet hinter dem Vorgehen Schamlosigkeit, fehlendes Rechtsbewusstsein und wohl auch fehlgeleitete Abenteuerlust. Für Tina Candrian gehört Zechprellerei sozusagen zum Betriebsrisiko. Zu schaffen mache vielen Wirten aber auch Falschgeld, das ihnen Gäste unterzujubeln versuchen, vor allem Euro.

Zürcher Hotels verzeichnen pro Jahr rund 30 Zechprellereien, wie Marianne Dobler-Müller sagt, Geschäftsleiterin des Zürcher Hotelier-Vereins. Bei Grossanlässen wie der letztjährigen Leichtathletik-EM oder der Street-Parade treten sie vermehrt auf. Hotels verfügten zwar über Diebstahlversicherungen, doch werde jeweils auch ein Selbstbehalt erhoben.

Ganz machtlos sind Betriebe gegen Zechpreller nicht. So bestehen immer mehr Hotels auf Vorauskasse, bei einer Reservation muss der Gast die Kreditkarte angeben. «Hoteliers oder Restaurateure tun gut dran, sich über die Bonität des Gastes möglichst frühzeitig Gewissheit zu verschaffen und gegebenenfalls Vorauszahlung, Teilzahlung oder angemessene Sicherheit zu verlangen», rät Peter Theiler.

Hotels und Beizen warnen sich zudem gegenseitig vor Zechprellern. Gastro-Zürich-Präsident Bachmann berichtet von einem Appenzeller Hotelier, der kürzlich per Mail alle Hoteliers im Umkreis vor einer Dame gewarnt habe, die Rechnungen nicht bezahlte. Ein Mail ging auch an die Polizei. Einige Wirte nutzen auch Facebook zur Jagd auf betrügerische Gäste, wie die «Aargauer Zeitung» im letzten August berichtete. Andere Hotels rüsten auf mit Videoüberwachung.

Gauner lädt zu Schlummertrunk

Für Marianne Dobler-Müller vom Hotelier-Verein sind auch eine gute Gastfreundschaft und viel Aufmerksamkeit ein wirksamer Schutz gegen Zechprellerei. Doch manchmal nützt alles nichts. Luzia Schlegel berichtet von einem besonders dreisten Zechpreller, der in einem renommierten Gastrobetrieb zuschlug: «Er lud das nichts ahnende Wirtepaar sogar noch auf einen Schlummertrunk ein, im Wissen, dass er am nächsten Morgen nicht mehr da sein wird.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2015, 23:47 Uhr

Die frechste Zechprellerin der Schweiz

Eine 52-jährige Deutsche ist wohl die frechste Zechprellerin der Schweiz. Die gerichtsnotorisch bekannte Frau schreckt auch nicht vor üblen Beschimpfungen zurück. Rund ein Dutzend Verurteilungen wegen Zechprellerei und Verstössen gegen das Ausländergesetz haben Schweizer Gerichte gegen die Frau ausgesprochen – ohne Erfolg. Die deutsche Zechprellerin zieht es seit 2006 immer wieder in die Schweiz zurück, obwohl sie schon etliche Male ausgeschafft wurde. Wo sie sich jetzt ­aufhält, ist nicht bekannt.

Im letzten Mai war die ledige Mutter eines Sohnes, mit dem sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, vom Zürcher Obergericht zu einer unbedingten 13-monatigen Strafe verurteilt worden. Essen und trinken könne keine Straftat sein, argumentierte sie erfolglos. Wo sie wohne und was sie arbeite, darüber wollte sie sich nicht äussern. Fakt ist, die Frau war 2006 in die Schweiz eingereist um «ihren Wirkungskreis zu verändern», wie sie sagte. Seitdem steht sie mehr oder weniger ununterbrochen vor Gericht und erhielt eine unbedingte Strafe nach der anderen. Am Rande des damaligen Prozesses wurde bekannt, dass sie bereits wieder acht Monate kassiert hatte, diesmal waren die Opfer zwei Coiffeusen.

Die Verurteilung am Obergericht Zürich vom 16. Mai 2014 betraf eine Zechprellerei im noblen Luxushotel Park Hyatt im Engequartier. Die Schweizer Behörden hatten die Frau am 18. September 2012 einmal mehr den deutschen Grenzbehörden in Singen übergeben. Diese hinderte die Frau aber nicht daran, trotz Einreisesperre am gleichen Abend nach Zürich zurückzukehren, wo sie sich im Luxushotel ein Zimmer zeigen liess. Sie sagte dem Personal, dass sie noch nicht wisse, ob sie das Zimmer buchen würde. Sie machte es sich im Hotelrestaurant gemütlich und dinierte für 374 Franken. Als es ums Zahlen ging, sagte die Frau, dass man die Rechnung auf «ihr» Zimmer buchen solle. Der Fall flog auf und als die alarmierten Polizisten sie verhafteten, spuckte sie einem ins Gesicht und beschimpfte und beleidigte die Beamten aufs Übelste.

Die Frau ist mehrmals psychiatrisch begutachtet worden, wobei sich die Fachleute aber nicht einig waren, ob die Frau schuldfähig ist. Die Rede war unter anderem von Schizophrenie, Psychose und ausgeprägtem Autismus.
Stefan Hohler

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