FCZ-Schläger vertreiben GC-Fans aus der Stadt

Als wäre das Chaos sportlich nicht schon gross genug, werden GC-Fans in Zürich auch noch regelmässig von gewalttätigen FCZ-Ultras angegriffen. Die Polizei ist stets einen Tick zu spät.

Die Polizei griff nicht ein: FCZ- prügeln GC-Anhänger nieder. Video: Stadtpolizei Zürich

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Der Fan fällt nicht weit vom Stamm. ­Kinder begeistern sich meistens für den Verein, den schon der Vater oder die ­Familie favorisiert hatte. Wer GC-Fan ist, hat entweder keine andere Wahl – oder muss die Grasshoppers wirklich sehr lieben.

Doch der Zulauf in der GC-Fankurve stockt. Das liegt nicht daran, dass die GC-Führung von wüsten Machtspielen gezeichnet ist und ein Übergangstrainer die Mannschaft führt. Vielmehr müssen GC-Fans – egal ob 14 oder 44 Jahre alt, ob Mitglied einer Kurven-Gruppierung oder nicht – in Zürich mit dauernden Übergriffen von gewaltbereiten FCZ-Ultras rechnen. Sie richten sich gegen die GC-Ultras, die einer Kurven-Gruppierung angehören und teilweise selbst gewaltbereit sind. Aber auch immer mehr gegen normale Fans oder Unbeteiligte.

Jüngster Vorfall, vergangenen Samstagabend um 21.15 Uhr. Zwei Männer kommen vom Spiel GC - Lugano. Sie fahren mit dem Tram nach Hause, steigen beim Lochergut aus. Plötzlich nähern sich mehrere Personen, beginnen unvermittelt auf sie einzuschlagen. Als beide am Boden liegen, wird einem die Tasche gestohlen. Die Angreifer flüchten. Soweit eine aktuelle Polizeimeldung von gestern. Solche Vorfälle passieren praktisch nach jedem GC-Heimspiel.

Gejagt nach dem Spiel

Aus Angst vor Vergeltung spricht kein GC-Fan ohne Zusicherung kompletter Anonymität über solche Aktionen mit Journalisten. Mehrere GC-Anhänger bestätigen beispielsweise einen Vorfall vor rund drei Wochen: Ein Teenager interessiert sich für die GC-Kurve, ist aber kein Mitglied einer aktiven Fangruppierung. Bei einem Spiel stellt er sich zu den Ul­tras in die Kurve. Die Stadionkamera fängt sein Gesicht ein, es wird per Nahaufnahme auf die Leinwand ins Stadion übertragen. Der Junge wird erkannt. In der Woche darauf verprügeln ihn in der Freizeit mehrere ältere FCZ-Ultras. Ähnliche Vorfälle treffen auch FCZ-Fans, jedoch nicht im selben Ausmass.

Ein neues Phänomen sind eine Art Gruppenkontrollen. Gewaltbereite FCZ-Ultras postieren sich auf der Suche nach «Hoppers» am Eingang von Partys oder nach Spielen beim Rolltreppenaufgang am Hauptbahnhof. Werden sie als solche erkannt, werden die GC-Fans verprügelt, ihre Fanartikel werden gestohlen. Ob die Attackierten aktive Ultras oder normale GC-Anhänger sind, lässt sich bei solchen Aktionen nicht unterscheiden.

Das Problem zeigt sich auf einem in der FCZ-Südkurve präsentierten Transparent auf höhnische Art und Weise: «Ich bin gar nicht GC-Fan!», beteuert ­darauf ein Pinocchio mit langer Nase im GC-Shirt: «Ich bin nicht mehr dabei! Ich bin nicht der, den ihr sucht!» Sich als erkennbarer GC-Fan mit Schal in der Stadt zu bewegen, ist in jüngster Zeit ­gefährlich geworden. Auch wenn man keiner Ultra-Gruppierung angehört. Das schadet den Fangruppierungen beider Kurven.

Weniger Selbstregulierung

Polizeiinterne Dokumente, die dem «Tages-Anzeiger» vorliegen, zeigen, dass die Stadtpolizei schon seit 2013 detailliert über die verschiedenen FCZ-Gruppierungen informiert ist. Sie dokumentieren, welche Gruppierungen bereits Spotter der Polizei im Stadion angegriffen haben. Sie zeigen aber auch, welche Mitglieder welcher Gruppierung am meisten Vorakten besitzen und aus welchen Stadtkreisen sie stammen, welche Gruppierung sich gerade radikalisiert und welche als die jüngere Generation der Boys gilt. Sie führten die Südkurve «administrativ und strategisch», heisst es. Im Dokument steht aber auch, dass es Gruppierungen gibt, die sich der ­Kontrolle der Boys entziehen. Bei diesen funktioniert die Selbstregulierung der Kurve nicht mehr. Sie sind es wohl auch, die den GC-Fans das Leben besonders schwer machen.

Ohnmächtige Polizei

Polizeilich ist den spontanen Angriffen schwer beizukommen, weil wenige sich trauen, Anzeige zu erstatten. Trotzdem stellen sich Fragen. Mindestens drei Überfälle von FCZ-Ultras auf GC-Fans lassen keine klare polizeiliche Strategie erkennen. Zum Beispiel bei der Schlägerei beim Prime Tower im Februar, von der die Zürcher Staatsanwaltschaft kürzlich Videos veröffentlicht hat. Dass sich die GC-Fans – normale Fans und Ultras – beim Prime Tower treffen würden, war auf einem öffentlichen Forum kommuniziert worden. Die Stadtpolizei war da, konnte oder wollte den brutalen Überfall aber nicht verhindern.

Derby im Letzigrund: Im Juli präsentiert die FCZ-Südkurve Dutzende geklauter GC-Fanschals und verbrennt eine Flagge der Grasshoppers. Foto: Reto Oeschger

Im Oktober davor eskalierte die Si­tuation rund ums Derby. Öffentlich bekannt wurde etwa ein Vorfall am Limmat­platz, dass ein 14-Jähriger verprügelt wurde und dass die Polizei darauf ein Aufeinanderprallen der Fan­gruppen in der Pfingstweidstrasse verhinderte. Davor gab es aber schon beim GC-Treffpunkt am Hardturm einen Kontakt. Wieder warteten die GC-Fans am öffentlichen Treffpunkt. Die FCZ-Ultras starteten einen kurzen Angriff. Bilder zeigen, wie die Polizei zwar vor Ort war, jedoch nicht verhindern konnte, dass sich die gewaltbereiten FCZ-Ultras nach dem ­ersten Angriff zu einem zweiten formieren konnten.

Beim Vorfall im letzten Juli nach dem Spiel zwischen GC und den Young Boys wurde die Polizei sogar bereits am ­Nachmittag anonym über die Notrufnummer informiert, dass am Abend ein Angriff gewaltbereiter FCZ-Ultras stattfinden werde. Ebenso wusste der Sicherheitschef von GC Bescheid. Dennoch eskalierte die Situation beim Viadukt in der Nähe der Hardbrücke, wo gewaltbereite FCZ-Ultras auf den GC-Fanmarsch warteten. Es vergingen acht Monate, bis einige der Beteiligten verhaftet wurden. Inzwischen laufen Strafverfahren gegen zehn Männer im Alter von 16 bis 32 Jahren.

Zwei Opfer identifiziert

Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei, sagt, die Polizei sei im vergangenen Oktober auf den Angriff beim Hardturm am Derby nicht vorbereitet gewesen. «Es war der erste Vorfall dieser Art, und es dauerte eine Weile, bis genügend Einsatzkräfte vor Ort waren», sagt Cortesi. «Das zweite Aufeinandertreffen konnte erfolgreich verhindert werden.»

Auch beim Angriff im Juli griff die Polizei später mit Gummischrot ein. Der anonyme Hinweis per Telefon sei zu wenig konkret gewesen, um weitergeleitet zu werden. Da die Angriffe – wie auch jener beim Prime Tower – jeweils sehr kurz seien, sei es für die Polizei schwierig einzugreifen. «Dank der Veröffentlichung des Videos mit Zeugenaufruf sind wir nun aber einen grossen Schritt weiter», sagt Cortesi. Zwei Opfer sind bekannt, dementsprechend könne weiter ermittelt werden.

Neue Massnahmen geplant

Die Polizei kennt laut Cortesi die Strukturen der einzelnen Fangruppierungen und auch einzelne Exponenten, wenigstens teilweise. «Das sind aber keine Beweise dafür, dass diese Personen auch Straftaten begangen haben», sagt Cortesi. Ein weiteres Problem sei, dass kaum Anzeigen gemacht würden.

Bei vielen GC-Fans ist das wohl durch pure Angst begründet. Mehrere Gremien sollen aktuell neue Massnahmen für die Situation ausarbeiten. Eines leitet die Stadt, eines die Clubs. Die Polizei ist in beiden miteinbezogen. Für die beiden Stadtclubs und ihre Fans ist zu hoffen, dass sie Wirkung zeigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2018, 21:23 Uhr

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