Fall Chilli’s: Obergericht fällt noch kein Urteil

Ein ehemaliger Drogenpolizist will einen Freispruch. Das Gericht verschiebt die Urteilsverkündung um drei bis vier Wochen.

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Langsam nähert sich die unendliche Geschichte rund um das Milieulokal Chilli’s an der Langstrasse seinem juristischen Ende – vier Jahre nach dem Paukenschlag mit Verhaftungen und Razzia im Kreis 4.

Heute Donnerstag stand ein ehemaliger Stadtpolizist vor dem Zürcher Obergericht. Der Staatsanwalt warf dem ehemaligen Drogenpolizisten vor, von einer brasilianischen Prostituierten Geschenke und kostenlosen Sex angenommen zu haben. Der Beschuldigte (und ein Kollege von der Sittenpolizei) hätten sich damit in der Amtsführung günstig stimmen lassen. Die Brasilianerin hatte den beiden Ex-Polizisten zwischen 2010 und 2013 Kleider, Uhren, Elektronikartikel und Flugtickets im Wert von einigen Tausend Franken gegeben.

«Völlig lebensfremd»

Der Staatsanwalt stützte sich in der Beweisführung auf die elektronischen Nachrichten zwischen den Männern und der Frau. Sie sei von den Polizisten «nach Strich und Faden» ausgenutzt worden, sei sie doch in den Kollegen des Beschuldigten verliebt gewesen. Er beantragte wegen mehrfacher Vorteilsannahme eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu 100 Franken (12'000 Franken).

Der Einzelrichter des Bezirksgericht Zürich verurteilte den Mann im Februar zu einer bedingten Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu 100 Franken (10'000 Franken). Zudem muss er eine Busse von 1000 Franken zahlen. Dass die Prostituierte einem Mann, mit dem sie nur eine lockere Beziehung gehabt habe, Geschenke ohne eine Absicht in diesem Umfang gegeben habe, sei völlig lebensfremd. Es habe die Gefahr bestanden, dass der Polizist seine berufliche Tätigkeit nicht mehr uneingeschränkt erfüllen konnte, befand das Gericht.

«Frau wollte Sex mit einem Polizisten haben»

Am heutigen Prozess vor Obergericht sagt der 39-jährige Ex-Polizist, dass er im Gegenzug die Frau zum Essen eingeladen und ihr Geschenke gegeben habe. Er sei nicht in die Frau verliebt, aber eine gewisse Anziehung sei vorhanden gewesen. Er habe zur Brasilianerin keinen Kontakt mehr.

Seine Verteidigerin verlangte einen Freispruch und eine Genugtuung von 20 000 Franken für ihren Mandanten. Der Mann habe gar nicht bei der Sittenpolizei gearbeitet, sondern sei Drogenpolizist gewesen. Er war aber von der Sittenpolizei mehrmals als «Scheinfreier» an der Langstrasse beigezogen worden. Es habe sich bei der Prostituierten und den beiden Polizisten um ein Geflecht von Eifersuchtsspielen und Balzgehabe unter den beiden Männern gehandelt, aber nicht um Vorteilsannahme.

Es gebe keinen Zusammenhang zwischen den Geschenken der Frau und seiner Tätigkeit als Drogenpolizist. Denn die Brasilianerin habe legal als Prostituierte im Kanton Thurgau gearbeitet, sei Schweizer Bürgerin und habe mit Drogen nichts zu tun. «Mein Mandant hat sie zwar finanziell ausgenommen, aber das ist nicht strafbar.» Die Frau habe in ihren Fantasien immer gewünscht, Sex mit einem Polizisten zu haben, das habe sie ihm auch gesagt und geschrieben.

Die Brasilianerin habe dem Polizisten für Sex Geschenke gegeben: «Sex gegen Laptop.» Dies sei zwar ungewöhnlich, aber eine Lebensfacette. Fazit der Verteidigerin: Es gebe in der Anklageschrift keine konkreten Hinweise, wie und warum ihr Mandant in der Amtstätigkeit durch die Geschenke hätte beeinflusst werden können, da er beruflich mit der Frau nichts zu tun hatte.

Der Mann war im Februar nach 16 Jahren Polizeidienst entlassen worden. Er arbeitet nun bei einer Versicherung. Er erhielt von der Stadtpolizei eine Entschädigung, über deren Höhe Stillschweigen vereinbart wurde.

Das Obergericht fällte am Donnerstag noch keinen Entscheid und kündigte ein Urteil in drei bis vier Wochen an. Möglicherweise müssten weitere Akten beigezogen werden.

Noch zwei weitere Fälle offen

Neben dem heutigen Prozess sind im Fall Chilli’s noch zwei weitere Fälle offen: Es betrifft einen Sittenpolizisten, der weiterhin in einer anderen Funktion bei der Stadtpolizei Zürich arbeitet, und im September wegen passiver Bestechung und Amtsgeheimnisverletzung schuldig gesprochen worden ist. Das Bezirksgericht Zürich hat den Mann zu einer bedingten Geldstrafe von 160 Tagessätzen à 120 Franken verurteilt. Er zieht das Urteil ebenfalls ans Obergericht weiter.Beim anderen Fall handelt es sich um einen ehemaligen, inzwischen entlassenen Sittenpolizisten (und Kollegen des Beschuldigten), der demnächst vor das Bezirksgericht Zürich kommt. Der Termin ist noch offen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2017, 08:47 Uhr

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