Hintergrund

Fall Mörgeli: Uni entlässt Professorin und droht mit der Aberkennung des Titels

Ein Jahr nachdem in der Affäre Mörgeli eine Professorin des Medizinhistorischen Instituts verhaftet worden war, wurde ihr gekündigt. Nun wehrt sie sich mit scharfen Worten – und kämpft um ihre Zukunft.

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Neue Wende im Fall Mörgeli: Eine Professorin des Medizinhistorischen Institutes wurde entlassen – nachdem sie knapp ein Jahr lang nicht an den Arbeitsplatz durfte. Im November 2012 wurde ein Strafverfahren gegen die 52-Jährige eröffnet. Laut einer Mitteilung der Universität wurde der Frau gekündigt, weil sie vertrauliche Dokumente und Informationen an die Presse weitergegeben habe.

Nachdem die Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich gegen die Mitarbeiterin des Medizinhistorischen Instituts und Museums ein Strafverfahren wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses eröffnet hatte, wurden sie und ihr Ehemann vorübergehend festgenommen. Er arbeitete im selben Institut. Die beiden verbrachten eine Nacht im Gefängnis.

Seither kehrte die Frau nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurück. Dem Mann wurde nicht gekündigt, wie die Uni auf Anfrage mitteilt. «Der Mann ist noch immer im Amt eingestellt», sagt Uni-Sprecher Beat Müller. Das Strafverfahren sei noch nicht abgeschlossen. Das bedeutet, er bekommt zwar noch Lohn, darf aber nicht an seinen Arbeitsplatz an der Uni.

Kündigung erfolgt aus arbeitsrechtlichen Gründen

Am 29. Oktober hat die Universität Zürich (UZH) der Mitarbeiterin «aus arbeitsrechtlichen Gründen» gekündigt, wie es in einer Mitteilung heisst. Die UZH stütze sich dabei auf die Strafverfahrensakten, in welche sie als Geschädigte und Verfahrensbeteiligte Einsicht hat. «Diese Einsicht ergab, dass die Mitarbeiterin nachweislich einen Journalisten des «Tages-Anzeigers» mit UZH-internen, vertraulichen Informationen versorgte und ihm zudem ihre Log-in-Daten zustellte, die einen Zugriff auf UZH-Rechner ermöglichten», schreibt die Universität in der Mitteilung weiter.

Ihr Verhalten habe zu einer medialen Berichterstattung über Professor Christoph Mörgeli beigetragen. Diese Berichterstattung habe verhindert, dass die UZH das laufende Mitarbeiterbeurteilungsverfahren betreffend Mörgeli weiterführen konnte. «Die Mitarbeiterin hat der UZH mit ihrem Verhalten einen sehr grossen Schaden zugefügt», schreibt die Uni weiter.

Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» teilt die Professorin mit, die Kündigung basiere auf einer Korrespondenz via E-Mail, welche sie mit dem TA-Journalisten Iwan Städler geführt habe. Die Korrespondenz habe sie im Interesse des Faches Medizingeschichte und im Sinne des Leitbildes der Universität geführt. «Mit meinen Informationen habe ich die kritische Berichterstattung über meinen ehemaligen Kollegen Christoph Mörgeli weder initiiert noch verschärft, sondern berichtigt und damit Schaden von der Universität abgehalten», sagt die Professorin.

Lohnrückforderungen

Die Uni sieht das anders: Die Mitarbeiterin habe schwerwiegende Loyalitätspflichtverletzungen gegenüber der Universität Zürich begangen und das Vertrauensverhältnis «irreparabel zerstört», weshalb eine Rückkehr an den Arbeitsplatz nicht mehr möglich sei. Die Universität Zürich habe eine einvernehmliche Auflösung des Arbeitsverhältnisses angestrebt. Da es zu keiner Einigung kam, «ist eine Kündigung unumgänglich».

Das reicht der Uni aber nicht. Laut der Professorin werde bei ihr der bisher ausbezahlte Lohn rückwirkend auf den den vergangenen November 2012 wieder eingefordert. Das habe die Universität in der Mitteilung unterschlagen. Die Uni schreibt lediglich, die Mitarbeiterin bleibe nach Ablauf einer sechsmonatigen Kündigungsfrist im Amt, also bis Ende April 2014. Auf Rückfrage ergänzt Uni-Sprecher Beat Müller: «Ja, aufgrund der sehr schweren Verfehlungen wird der Lohn seit der Freistellung zurückgefordert.»

Uni droht mit Aberkennung

Ein weiterer Widerspruch: Die wissenschaftlichen Leistungen der Mitarbeiterin, die einwandfrei gewesen seien, würden durch die Kündigung nicht infrage gestellt, heisst es am Vormittag in der Medienmitteilung. Dem widerspricht die Professorin vehement: «Die Universitätsleitung unterschlägt, dass sie mit der Kündigung völlig unverhältnismässige und ungerechtfertigte Massnahmen gegen mich ergreift.»

Dazu gehört insbesondere, dass die Universitätsleitung mit der Aberkennung des Professorinnentitels und der Lehrbefugnis droht, so die Professorin. Dazu teilt Müller gegenüber dem TA mit: «Die Universität Zürich zieht in Betracht zu überprüfen, ob gemäss § 16 der Universitätsordnung der Universität Zürich die Lehrbefugnis und der mit dieser verbundene Titel wegen ernsthafter Verletzung der Interessen der Universität Zürich zu entziehen ist.» Ein Entscheid sei noch nicht gefallen.

Für die Frau ist das Verhalten der Universität auch deshalb ungerecht, weil die Leitung «eine essenzielle Mitverantwortung an der jahrelangen Entwicklung von Missständen und Problemen mit den professionellen und wissenschaftlichen Standards am Medizinhistorischen Institut und Museum trägt». Die Mitarbeiterbeurteilung von Christoph Mörgeli sei völlig unabhängig von ihr abgelaufen.

Erstellt: 29.10.2013, 11:34 Uhr

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