«Falls die zündende Idee fehlte, gab ich mich dem Rausch hin»

Grafik-Altmeister Düde Dürst hat in seinen Arbeiten die Beatles kopiert. Die junge Gestalterin Katrin von Niederhäusern orientiert sich am Stil des Rock ’n’ Roll. Zwischen den beiden liegt ein Grafikerleben.

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Vor uns liegt ein 500 Seiten dickes Buch über die Geschichte der Schweizer Pop- und Rockgrafik. Es ist ein eindrückliches Buch – aber auch eins, in dem man kaum Frauen findet.
Dürst: Das erstaunt mich nicht so sehr. Als ich in den 60er-Jahren anfing, waren die einzigen Frauen, welchen ich beruflich begegnete, die wenigen Schülerinnen an der Kunsti.

Von Niederhäusern: In meiner Klasse war es gerade umgekehrt, es hatte drei Männer, alle anderen waren Frauen. Doch ich muss gestehen: Die Grafik­arbeiten, die mich früher faszinierten und inspirierten, stammten allesamt von Männern.

In anderen Kreativberufen wie im Mode- oder Schmuckdesign, im Kochen oder in der Schriftstellerei sind Frauen nicht nur omnipräsent, sondern gar tonangebend. Weshalb ist das in der Grafik anders?
Dürst: Das hat wohl mit der Tradition zu tun. Mode und Schmuck galten lange Zeit als klassische Frauendisziplinen, die Grafik hingegen war seit je männlich dominiert. Ich glaube, in meinen Anfangsjahren haben Frauen nur selten Grafikjobs erhalten.

Von Niederhäusern: Fehlte nicht auch das Interesse der Frauen?

Dürst: Ich denke nicht. Es herrschte einfach das klassische Rollenmuster vor.

Ist das Rollenmuster noch aktuell?
Von Niederhäusern: Als ich meine Gonzo-Plakate an einer Ausstellung zeigen konnte, kam ein Besucher auf mich zu und sagte, er habe gemeint, die Plakate seien von einem Mann gestaltet worden, wegen der Totenköpfe oder der Verweise auf Alkohol. Ich nahm das als Kompliment. Von dem her sind vielleicht schon noch Spuren dieses Musters da, ja. (lacht)

Gibt es eine geschlechtsspezifische Grafik?
Von Niederhäusern: Ich kenne viele Frauen, die lieblich zeichnen und gestalten. Das zeigt sich unter anderem bei Kinderbüchern, deren Illustrationen häufig von Frauen stammen.

Dürst: Ja, im illustrativen Bereich kann man spezifische Unterschiede feststellen. Generell würde ich die Frage aber verneinen. Doch vielleicht kann ich das auch zu wenig gut beurteilen: Ich habe die Grafikerlehre ja im vierten Jahr abgebrochen, um auf die Karte Berufsmusiker zu setzen.

Gut, weiten wir das Thema auf die Musik aus: Wie war es zu Beginn der Sixties mit Frauenbands?
Dürst: Ich erinnere mich einzig an The Ladybeats aus Zürich, die sich später in The Ladies umbenannten. Deren Schlagzeugerin nahm bei mir Unterricht. Und dann gabs noch ein paar englische und amerikanische Frauenbands, aber mehr war da nicht. Eine Band war eine reine Männerdomäne.

Und die wenigen Frauen spielten wie Männer?
Dürst: Sie spielten einfach Musik, die sie mochten.

Von Niederhäusern: Ich kann das gut verstehen. Bei meinen Arbeiten mache ich auch, was mir gefällt, und pflege meinen Stil, egal, ob der nun als männlich oder weiblich wahrgenommen wird. Es geht letztlich doch allein um eine Grafik, die überzeugt.

Was braucht eine Grafik, damit sie überzeugt? Oder, im Kontext des Buches: damit sie rockt?
Dürst: Als ich anfing, gab es noch keine Vorlagen, keine fixfertige Typo. Ich musste alle Schriften selber erfinden und zeichnen, wie ich es in der Kunsti gelernt hatte. Damit sie funktionierten – damals funktionierten –, mussten sie unkompliziert, auf Anhieb lesbar, eigenständig und ungewöhnlich sein. Kurz: Sie mussten plakativ sein.

Von Niederhäusern: Auch wenn wir heute durch den Computer ganz andere Möglichkeiten haben, hat sich daran nichts geändert: Die Handschrift des Grafikers muss erkennbar sein, die Grafik muss sich von der Masse abheben. Im Bereich der Musik scheint mir zusätzlich wichtig, dass man dem Plakat oder dem Cover ansieht, um welche Musik es geht.

Dürst: Wobei ich bewusste Stilbrüche schon spannend finde. Was man sich erlauben kann, wenn man bekannt ist, zeigt das weisse Album der Beatles, auf dem beim Original nichts draufstand. Eigentlich hätte man denken müssen: Die spinnen total! Doch es funktioniert, gerade wegen des radikalen Stilbruchs.

Sind solch alte Cover heute noch ein Vorbild, vielleicht gar ein Standard?
Dürst: Es sind Meilensteine. Die Hülle des 1966 erschienenen Beatles-Albums «Revolver» von Klaus Voormann ist schlicht eine Kombination aus Wagemut und Wahnsinn.

Kann man aus solchen Meilensteinen so was wie ein goldenes Regelwerk ableiten?
Dürst: Nein, zum Glück gibt es das nicht. Wie in der Musik gibt es auch in der Grafik kein Rezept für den Hit. Scheitern kann man immer, egal, wie man es macht. Und oft scheitert man besonders schlimm, wenn man angestrengt versucht, einen solchen Hit zu landen.

Betrachtet man aktuelle Rockplakate, wirken diese oft wie eins zu eins abgekupfert von bekannten Standards. Gibts wirklich nichts Neues mehr?
Von Niederhäusern: Bei Indie-Bands, die Rock mit Elektronik kombinieren, gibt es dezente Versuche, die klassischen Rock-’n’-Roll-Motive und -Schriften mit modernen Stilmitteln zu ergänzen, aber etwas wirklich bahnbrechend anderes hab ich noch nicht entdeckt.

Dürst: Es ist eine ewige Schlaufe, die sich auch in der Musik beobachten lässt. Quincy Jones hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte: Es gab Louis Armstrong, Charlie Parker, Elvis Presley und die Beatles. In den 70er-Jahren folgte die grosse Fusion, erstmals wurde alles Bestehende in- und durcheinandergemischt. Danach kam noch Michael Jackson, seither wird nur noch kombiniert, recycelt, wiederholt. Auch jene, die behaupten, Hip-Hop sei etwas Neues gewesen, irren: Dieselbe Rhythmik gab es bereits bei den Jazzern. Oder, als grafisches Beispiel, das Artwork des neuen Dylan-Albums «Shadows in the Night»: eine unverkennbare Anlehnung an die 1962 veröffentlichte Platte «Hub-Tones» von Freddie Hubbard. Deshalb: Nein, es gibt nichts Neues mehr.

Diese Aussage bestätigt indirekt den nicht endenden Trend des Retro- und Vintage-Designs. Weshalb berühren alte Autos, Möbel oder Werbeplakate auch nachfolgende Generationen stärker als die Erzeugnisse ihrer Epochen?
Von Niederhäusern: Obwohl ich nicht sicher bin, ob das so ausschliesslich zutrifft, gibt es Untersuchungen bei der Typografie, die das Phänomen zu erklären versuchen. So stellte man fest, dass Schriften wie «Futura» oder «Helvetica» formal derart harmonisch sind, dass sich der Betrachter an nichts stört, weshalb sie immer und überall gut wirken. Das sind Kriterien, die den sogenannten Klassiker ausmachen. Aus persönlicher Warte kann ich sagen: Es hat schlicht auch mit dem Lebensgefühl zu tun: Wer den Sound der 60er-Jahre mag, den faszinieren auch andere Dinge aus jener Zeit.

Die verklärte Sehnsucht nach der guten alten Zeit.
Dürst: Es war tatsächlich eine gute Zeit, auch ohne Verklärung. Der Beginn der 60er-Jahre war zwar noch eher anstrengend, doch ab 1967, mit dem Aufkommen der Flowerpower-Ära, war es schon sehr speziell. Diese Tage würde ich niemals missen wollen.

Wahrscheinlich auch wegen der Drogen, die – betrachtet man die Plattencover ihrer Bands Sauterelles oder Krokodil – auch Ihre Grafikarbeit beeinflussten.
Dürst: Das kann man so sagen, ja. Vor allem Marihuana und später LSD haben mein Arbeiten begleitet. Oft setzte ich mich voll zugedröhnt hin, gestaltete ein Unikat, und wenn ich es einen Seich fand, habe ich es zerrissen und etwas Neues begonnen. Deshalb habe ich auch kein Archiv mit alten Arbeiten. Vor allem aber musste es rasch gehen, ich wollte damit keine Zeit verplempern, ich wollte ja vor allem Musik machen.

Dennoch entwarfen Sie ja für Plattenfirmen wie Liberty, Gold Records oder Polygram laufend Plattenhüllen und Plakate.
Dürst: Ja, das ging auch schnell und problemlos, weil ich als Musiker ein Gespür dafür hatte, was die Bands wollten. Und falls die zündende Idee fehlte, gab ich mich dem Rausch hin und machte, was dabei rauskam. Meistens hat es gepasst, an Reklamationen kann ich mich jedenfalls nicht erinnern. (lacht) Ich war ein typischer Autodidakt, auch in der Musik, ich hab nie Schlagzeugunterricht genommen, einfach drauflosgespielt. Wahrscheinlich hab ich einfach in allem, was ich machte, viel Glöggli gehabt.

Wie ist es im modernen Grafikerleben? Lässt man sich immer noch von betörenden Substanzen inspirieren?
Von Niederhäusern: Das ist wohl sehr individuell. Ich selber kann mit Drogen nichts anfangen. Ich bin auch weniger die Intuitiv-Grafikerin, ich brauche erst eine Idee. Wenn mich diese aber überzeugt, kann ich sie rasch umsetzen.

Und woher kommt Ihre Inspiration?
Von Niederhäusern: Aus meinem Umfeld. Gerade bei den Plakaten für den Gonzo-Club, die ironisch bis selbstironisch sein dürfen und sollen, lass ich gerne Persönliches einfliessen. So kann man an den Sujets erkennen, dass ich Füsse nicht mag. Oder dass meine Mitbewohnerin gern im rosa Bademantel und mit Zigi in der Hand durch die Wohnung stolziert.

Dürst: Bei der Hülle der ersten Krokodil-Platte habe ich Ähnliches gemacht. Der Bandname ging ja auf das lebendige Krokodil zurück, das im Zimmer unseres Gitarristen Walti Anselmo lebte. Und bei der Gestaltung der Plattenhülle habe ich dann absichtlich die Freiheitsstatue, das Signet unseres amerikanischen Plattenlabels Liberty, verkackt – indem ich sie als Krokodil darstellte und aus der Fackel eine Chillum, also eine Art Wasserpfeife, machte. Das fanden die Amis gar nicht witzig, sie wollten die Hülle geändert haben. Doch die Gestaltung war uns vertraglich zugesichert, wir änderten nichts. Mit der Folge, dass die Platte in den USA nie veröffentlicht wurde.

In den 60er- und 70er-Jahren musste ein Grafiker also ein nerdiger Künstler sein. Heute, heisst es, würden dazu die richtigen Computerprogramme genügen.
Von Niederhäusern: Völlig falsch ist das Klischee nicht. Mit dem richtigen Equipment und dem Internet als immense Fundgrube geht man heute wohl schneller als Grafiker durch als früher.

Dürst: Oder als Webdesigner. Auch dazu genügen ja ein paar Programme und eine leistungsstarke Kiste.

Wie wehrt man sich dagegen?
Von Niederhäusern: Ich versuche es mit Ideen, die man noch nicht kennt. Weil jene, die als selbst ernannte Gestalter oder Grafiker ans Werk gehen, sehr oft zeitgeistigen Trends nachhecheln.

Dürst: Wenn du zeichnen kannst und einen Stil entwickelst, wirst du eigen. Das ist besser, als auf die anderen zu schauen.

Abgrenzen könnte man sich auch durch eine Rückbesinnung auf alte Stilmittel und Techniken.
Von Niederhäusern: Stimmt. Ich benutze beispielsweise oft einen Fineliner, da gehts dann wirklich ums Handwerk.

Dürst: Auch ich arbeite manchmal noch wie damals, als ich begann. Und doch gehört der Computer inzwischen zum Inventar, zwangsläufig, meine Arbeiten auf Papier waren irgendwann einfach nicht mehr gefragt.

Nicht mehr gefragt war auch das Vinyl als Tonträger. Und doch erlebt es nun ein nie erahntes Comeback. Gibt es dazu ein Pendant in der Grafik? Ein analoges Medium, das mehr Wertigkeit besitzt als alle digitalen Entwicklungen?
Von Niederhäusern: Das ist ganz klar der Siebdruck.

Dürst: Das mag stimmen, doch diese Technik hat auch ihre Grenzen.

Von Niederhäusern: Genau deshalb finde ich es so spannend. Beim Siebdruck sind die Handarbeit und das Stoffliche erkennbar. Und meistens entstehen die Produkte in limitierter Auflage.

Aber einen Siebdruck-Boom, so wie man das beim Vinyl erlebt, gibt es bislang nicht?
Von Niederhäusern: Nein, aber es gibt Bestrebungen, diese Arbeitstechnik am Leben zu halten.

Dürst: Ich weiss nicht, ob das gelingen wird. Zumal ja bei der Grafik – identisch zur Musik – auch diese Computer-Plug-ins existieren, mit denen man Stile verblüffend nachahmen kann, bis hin zur Papierstruktur. Das ist ähnlich, wie wenn man heute bei der Produktion eines Songs das Knattern und Rauschen einer alten Vinylrille hinzufügt.

Der technische Fortschritt entwertet die ursprüngliche Arbeit.
Dürst: Wenn ich mir überlege, wie ich früher mit Klebern, Papierschnipseln, Karton und scharfen Klingen gewerkelt habe . . . mir fehlt das schon ein wenig.

Von Niederhäusern: Ich denke nicht, dass neue Technologien die Arbeit, wie man sie früher verrichtete, abwerten. Im Gegenteil, man kann den Computer auf ganz eigene Weise manipulieren und somit Überraschendes schaffen.

Dürst: Ich weiss nicht. Gerade die unzähligen Möglichkeiten erschweren es doch, eigene Geschichten zu schreiben.

Ein gutes Stichwort: Sie, Herr Dürst, haben 1965 die Basstrommel Ihres Schlagzeugs beschriftet – wohl als erster Schweizer Drummer.
Dürst: Und zwar von Hand, mit dem Pinsel, es musste also auf Anhieb sitzen. Das Beschriften der Basstrommel ist eine Tradition aus dem Jazz, ich habe früher viel Jazz gehört und das von da übernommen (er kramt in einer Kiste und holt Fotos hervor). Hier ein Bild von den Sauterelles im legendären Star-Club in Hamburg, für diesen Schriftzug habe ich mich vom Beatles-Album «Rubber Soul» inspirieren lassen. Später hab ich das Beschriften der Pauke bei jeder Band gemacht, in der ich spielte.

Von Niederhäusern: Hast du auch schon einmal Lederjacken bemalt?

Dürst: Nein.

Von Niederhäusern: Das ist toll, man kann eine gewöhnliche Lederjacke in eine verwegene Biker-Jacke verwandeln. Und es ist wahrscheinlich ähnlich anspruchsvoll wie das Beschriften von Basstrommeln: Man hat genau einen Versuch, der muss sitzen.

Als grafische Königsdisziplin galt aber weder die Beschriftung der Basstrommel noch die Verzierung der Lederjacke, sondern das Konzertplakat. Zu Recht?
Dürst: Ja, zu Recht. Wie man im Buch jedoch unschwer erkennen kann, waren Konzertplakate zuerst eine langweilige Sache, da gab es keine Gestaltung, bloss eine Art Typografie, plus Schriftzüge von Sponsoren wie Rivella oder «Blick». Doch Mitte der 60er-Jahre wurde alles bunter, experimenteller. Ich konnte mich dann richtig austoben, mit Frauenbildern, bunten Farben, psychedelischen Mustern. Das fanden die Leute plötzlich toll.

Woher kam dieser Wandel?
Dürst: Ich denke, von der Musik her. Die Beat-Musik war in Zürich sehr wichtig, das hat dann auf die Grafik abgefärbt. In der Zeit haben sich geistige Grenzen geöffnet, man muss sich nur mal die Beatles-Alben aus dieser Zeit anhören, wie unglaublich sich die Band in dieser Zeit entwickelt hat.

Mit technischen oder materiellen Entwicklungen hatte der erwähnte Kreativschub nichts zu tun?
Dürst: Eigentlich nicht. Der Herstellungsprozess war damals noch sehr teuer. Man bezahlte die Materialien oftmals selber oder war angewiesen auf Bekannte, die einem beim Druck aushalfen. Eine Art Revolution fand erst in den 80er-Jahren statt, durch die günstigen Fotokopier-Möglichkeiten. Das war in der Punk- und der New-Wave-Bewegung zentral.

Heute werden Konzerte oft im Internet oder via Facebook angekündigt. Hat das Plakat den Wert von damals eingebüsst?
Von Niederhäusern: Das find ich nicht. Gerade bei Musikthemen oder, wie bei mir, fürs Gonzo bietet das Plakat nach wie vor enormen Gestaltungsfreiraum. Allerdings sollte man bei der Gestaltung berücksichtigen, wie das Resultat auf dem Computer wirken wird.

Braucht es, grundsätzlich gefragt, die unmittelbare Nähe zum Objekt oder zur Szene, um eine gelungene grafische Arbeit zu erschaffen?
Dürst: Der persönliche Werdegang ist wichtiger. Ich war ein Schlüsselkind und habe auch deshalb nur sporadisch Hausaufgaben gemacht. Dafür habe ich viel gezeichnet. In der Schule war ich ausser im Zeichnen und im Turnen eine Niete, doch die spezielle Kindheit hat sich beruflich bezahlt gemacht.

Von Niederhäusern: Als ich fürs Gonzo mit den Plakaten anfing, kannte ich den Club gar nicht. Weshalb ich denke, dass es gar nicht so schlecht ist, wenn man sich von seiner Fantasie steuern lässt. Distanz zum Thema kann auch sehr befruchtend sein.

Kommen wir nochmals zurück zum Buch: Was man neben Frauen auch vergeblich sucht, ist eine archetypische Zürcher Rockgrafik.
Dürst: Zürich war halt schon immer internationaler ausgerichtet, man hat schon immer grafische Zitate von überall her einfliessen lassen.

Von Niederhäusern: Und heute in einer Stadt einen lokal gefärbten Grafikstil zu etablieren, ist schwierig bis unmöglich, weil sowieso alle Arbeiten global beeinflusst sind.

Kehren wir die Frage um: Welcher Grafikstil dominiert im aktuellen Pop- und Rockgeschäft?
Von Niederhäusern: Alles hat sich extrem diversifiziert, fast jede Band hat ihren eigenen Stil.

Dürst: Typisch Postmoderne eben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 20:58 Uhr

Lurker Grand (Hg.)

Die Not hat ein Ende – The Swiss Art of Rock

Edition Patrick Frey, Zürich 2015. 498 S. ca. 78 Franken.

Katrin von Niederhäusern

Katrin von Niederhäusern, Jahrgang 1988, arbeitet in einer Werbeagentur in Zürich als Grafikerin. Für den Club Gonzo gestaltet sie seit 2013 die türgrossen Monatsplakate. Dazu kommen private Arbeiten auf Lederjacken, Motorradtanks sowie handgemalte Grafiken in Gastrobetrieben. Ihre Abschlussarbeit an der ADC-Kreativschule zum Thema «Steuermoral» wurde mit Gold ausgezeichnet.

www.cindywinkelried.ch

Düde Dürst

Düde Dürst wurde 1946 in Zürich geboren, er lebt im Niederdorf. Die Limmatstadt war und ist der Nabel seiner Berufswelt: Hier absolvierte er die Kunstgewerbeschule, wurde 1965 bei Les Sauterelles Profischlagzeuger und gründete 1968 mit Hardy Hepp die erste Schweizer Progressive-Rock-Band Krokodil. Heute ist er als freischaffender Grafiker, Musiker und Produzent tätig.

www.duededuerst.ch


Buchkritik

Rock als Kunst, als Lebensgefühl, als Zeitgeist

«Die Not hat ein Ende» schliesst Lurker Grands Trilogie zur unabhängigen Schweizer Musikszene und ihrer visuellen Kultur ab. Der programmatische Titel ist einem Plakat von 1962 zur Eröffnung des Hamburger Star-Clubs entlehnt. Nach «Hot Love» (2006) und «Heute und Danach» (2012) erzählt dieser Band die Geschichte der Schweizer Rockmusik ab den 1960er-Jahren und endet in unserer Gegenwart. Und Rock meint hier viel mehr als ein Musikgenre. Wir tauchen ab in eine Parallelwelt, die für Ausbruch aus der Enge, für Verneinung konventioneller Lebensentwürfe und für gesellschaftspolitischen Wandel steht. Sam Mumenthaler, versierter Rockjournalist, lässt eingangs die emotional aufgeladene Geschichte der Rockmusik Revue passieren und reflektiert auch die heikle Balance von Innovation und Imitat, Unabhängigkeit und Vereinnahmung. Hauptteil des Buchs ist eine bilderreiche Hommage an 15 ausgewählte Künstler und Gestalter, häufig in Personalunion Musiker, Konzertveranstalter und Grafiker.

Ihre Plakate, Flyer und Cover sind bleibendes visuelles Zeugnis vergänglicher Konzerte und oft kurz­lebiger Veranstaltungsorte. Dank der grosszügigen Buchgestaltung (UFO Zürich) kann sich das explosive, lustvolle Potenzial ihrer Arbeiten auf vielen Ganz- und Doppelseiten entfalten. Sie illustrieren, collagieren, zitieren und experimentieren mit Bild und Schrift, ohne sich um vermeintliche Regeln der Massenkommunikation zu foutieren. Erzählfreude, Witz, Provokation und Poesie fordern das Publikum zu neuen Sehweisen heraus. Anleihen bei Pop-Art und Psychedelic werden in den 1980er-Jahren durch neue kreative Möglichkeiten mit Xerox verdrängt.

In der Musikgrafik um die Jahrtausendwende überzeugen Gestalter mit dem souveränen Einsatz digitaler und analoger Mittel, während heute wieder Handmade-Techniken zelebriert werden. Plakate der vier in Zürich aktiven Gestalter Peter Bäder, Cornel Windlin, Alain Kupper und Eric Andersen spiegeln Zeitgeist, ein sich stetig veränderndes, immer urbaneres Zürich, ein neues Verhältnis zu Musik, Kunst und Grafik. Dies manifestiert sich auch im verbalen Schlagabtausch zwischen den Gestaltern und Musikkennern Roland Fischbacher und Robert Lzicar, der das Buch abrundet.

Trotz des progressiven, sich dem Mainstream verweigernden Anspruchs aller Protagonisten der Publikation erstaunt: Frauen kommen kaum vor, weder als Gestalterinnen noch als Musikerinnen; die Ausnahme-Band Kleenex bestätigt nur die Regel. Als Plakatmotiv folgen sie bekannten Rollenzuschreibungen. Dieser Sachverhalt wäre eine Fussnote wert gewesen. Bettina Richter

Bettina Richter ist seit 2006 Kuratorin der Plakatsammlung des Museums für Gestaltung Zürich, wo sie auch als Herausgeberin der Reihe «Poster Collection» fungiert.

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