Familie Schochs alternativer Gegner

Die Pensionskasse Abendrot macht aus Industriebrachen Wohn- und Kreativquartiere. Das kommt überall gut an – ausser bei den Binz-Besetzern: Sie sehen die Stiftung als Zerstörer ihres Freiraums.

Lehnten eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Abendrot ab: Die Besetzer des Fabrikareals in der Binz.

Lehnten eine Zusammenarbeit mit der Stiftung Abendrot ab: Die Besetzer des Fabrikareals in der Binz. Bild: Tom Kawara

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Er bezeichnet sich selbst als «ausklingenden 68er». Früher, als es darum ging, das Kernkraftwerk Kaiseraugst zu verhindern, war er selbst ein Aktivist, der draussen im Zelt übernachtete. Heute ist Hans-Ulrich Stauffer ein renommierter Anwalt, Pensionskassenspezialist und Schweizer Honorarkonsul der Kapverdischen Inseln. Und Geschäftsführer der Stiftung Abendrot – jener Pensionskasse, die auf dem Binz-Areal einen Neubau mit 330 Studios für Studenten und Angestellte des Unispitals plant.

Die Stiftung hatte Stauffer 1985 mit Freunden gegründet, weil er für seine junge Anwaltskanzlei keine Kasse gefunden hatte, die ihr Geld nicht in die Atomindustrie investierte. Heute sind bei Abendrot rund 1100 Firmen angeschlossen, darunter viele soziale Einrichtungen und NGOs wie Amnesty International, die Erklärung von Bern, der Mieterverband Zürich, das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) oder Terre des Hommes.

«Behutsam entwickeln»

Ausgerechnet diese alternative Stiftung, deren Anlagestrategie auf «Gerechtigkeit, Umwelt und Gesundheit» fusst, liegt nun im Clinch mit der Familie Schoch, den Binz-Besetzern. Diese werfen Abendrot in einem offenen Brief vor, «unnötigerweise einen einmaligen und für die Stadt Zürich und die Schweiz extrem wichtigen Freiraum zu zerstören». Abendrot hat sich darauf spezialisiert, Industriebrachen aufzukaufen, um diese «behutsam» zu entwickeln, wie Hans-Ulrich Stauffer sagt. Das ehemalige Sulzer-Areal beim Bahnhof Winterthur ist dafür das bekannteste Beispiel. In den Fabrikhallen am Lagerplatz arbeiten heute Velomechaniker, Architekten und Filmregisseure; auch ein Club, ein Café und ein Hostel haben sich eingerichtet.

Zum Rezept der Kasse gehört, die Zwischennutzer der Brachen möglichst mit an Bord zu holen. In Berlin etwa erwarb die Stiftung ein Areal entlang der Spree. Darauf entsteht nun der «Holzmarkt», eine Mischung aus Hotel, Park, Läden, Partymeile und Studentenheim – in Kooperation mit jenen Leuten, die bereits vorher auf dem Gelände gewerkelt und gefeiert haben.

Die Besetzer winkten ab

«In der Binz hat ein solches Miteinander keine Chance gehabt», sagt Stauffer. Im Frühling 2012 stellte die Stiftung den Besetzern ihre Neubauideen vor und bot ihnen an, mitzumachen; Ateliers, Werkstätten, Partyräume und ein Restaurant seien eingeplant. Die Familie Schoch lehnte ab. Es sei unmöglich, einen «selbstbestimmten Freiraum» und «durchregulierte und kontrollierte Studentenboxen/Personalwohnungen» miteinander zu verbinden. Das Wohn-, Lebe- und Werkprojekt Binz könne nicht mit anderen Abendrot-Arealen wie etwa dem Lagerplatz verglichen werden. Besonders störte die Besetzer, dass Werner Hofmann involviert ist. Der SVP-Unternehmer ist der geistige Vater des Neubaus, er suchte Wohnraum für die 150 Studenten, die er im Hotel Atlantis einquartiert hatte. Das Binz-Grundstück, das der Kanton ohnehin entwickeln wollte, schien ihm die ideale Lösung.

Das Verhältnis zwischen Stiftung und Besetzern verschlechterte sich weiter, als das Abendrot-Areal in Winterthur von Binz-Sympathisanten mit Parolen wie «Architekten sind Mörder» versprayt wurde – 100'000 Franken kostet es laut Hans-Ulrich Stauffer, die Schriftzüge wegzuputzen. Wenig später fuhren die Besetzer bei den Räumen der Stiftung in Basel vor, um dort vier riesige Cervelats aus Beton zu deponieren, die den Binz-Neubau symbolisieren sollten. Die Aktion endete mit einem Polizeieinsatz.

Zimmer bis zu 650 Franken

Zuvor hatten einzelne Versicherte begonnen, an der Kasse Kritik zu üben: «Abendrot sollte sich auf ihre Ursprünge besinnen und auf die Binz-Überbauung verzichten», sagt Hans-Georg Heimann von der Basler Kontaktstelle für Arbeitslose. Es passe nicht zur Stiftung, alternative Lebensräume zu verdrängen.

Die Pensionskasse sei innerhalb eines gewissen Spielraums verpflichtet, Rendite zu erzielen, entgegnet Hans-Ulrich Stauffer. Familie Schoch sei kreativ und habe viel Fantasie, «aber die Vorstellung, ein Grundstück sei gratis zu haben, ist im Jahr 2013 absurd». Abendrot setze sich für Freiräume ein, diese müssten aber finanziell abgesichert sein. Die Kasse zahlt dem Kanton für das Grundstück einen marktgerechten Baurechtszins und sichert günstigen Wohnraum zu. Die geplanten Mietzinse für die möblierten Zimmer und Studios bewegen sich zwischen 500 und 650 Franken.

Noch ist der Vertrag zwischen Kanton und Stiftung nicht unterzeichnet, die Verhandlungen sind auf der Zielgeraden. Sechs Architekturbüros feilen bereits an Studien, wie die Binz in Zukunft aussehen könnte; daraus wird eine zehnköpfige Jury, in der auch ein Vertreter des Kantons sitzt, einen Sieger küren. Klar ist laut Projektleiter Adrian Rehmann, dass die Binz-Hallen aus den 1870er-Jahren verschwinden müssen. «Sie sind in einem sehr schlechten Zustand – viel weniger stabil gebaut als zum Beispiel der Schiffbau.»

Altlasten müssen weg

Weil im Boden giftige Kohlenwasserstoffe das Grundwasser bedrohen und in den Hallen krebserregende Farbanstriche gefunden wurden, brauche der Kanton mindestens sieben Monate Zeit, um das Grundstück von den Altlasten zu befreien, sagt Sprecher Thomas Maag. Schochs argumentieren, man könne mit der Sanierung bis Baubeginn zuwarten, der zurzeit auf Sommer oder Herbst 2014 geplant ist. Der Kanton will das Grundstück aber im Frühling 2014 übergeben und fordert darum den Auszug per Ende Mai. Sonst werde die Binz geräumt.

Es liege in der Natur der Sache, dass Besetzungen nicht dauerhaft seien, sagt Adrian Rehmann. «Falls das heutige Binz-Areal trotz der baulichen Herausforderungen und der Altlasten erhalten bleiben soll, kann die Rettung nur auf der politischen Ebene erfolgen.» Dann müsste sich die Stiftung zurückziehen und woanders investieren, sagt Hans-Ulrich Stauffer. «Aber jetzt, nachdem der Umzug aus dem Ruder gelaufen ist, höre ich von allen Seiten dasselbe Fazit: Binz, das wars.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2013, 06:48 Uhr

Hans-Ulrich Stauffer: der 62-jährige Anwalt ist Geschäftsführer der Stiftung Abendrot. (Bild: Nicola Piatro)

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