Fehlt der Mann, überbrückt der Tiefkühler

In Zürich lassen sich vermehrt Frauen Eizellen entnehmen und aufbewahren. Nicht weil sie krank sind, sondern weil sie sich ihre Fruchtbarkeit für später sichern wollen.

Eine Embryologin der Praxis GYN-ART bei der Arbeit. In der Schweiz dürfen Eizellen fünf Jahre gelagert werden. Foto: Sophie Stieger

Eine Embryologin der Praxis GYN-ART bei der Arbeit. In der Schweiz dürfen Eizellen fünf Jahre gelagert werden. Foto: Sophie Stieger

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In Michael Häberles Arztpraxis in Zürich-West drehten sich die Gespräche seit Jahren vor allem um einen grossen Wunsch: Endlich ein Kind zu bekommen. Doch in den letzten Monaten häufen sich die Anfragen von Frauen, die ih­re Eizellen einfrieren lassen wollen – für später. Während in der Schweiz diskutiert wird, ob das ethisch vertretbar ist, stossen die US-Firmen Apple und Face­book bereits die nächste Debatte an: Sie bezahlen ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen . Die beiden Firmen geben vor, so Frauen fördern zu wollen. Und ihnen zu ermöglichen, dass sie sich in ihren fruchtbarsten Jahren nicht zwischen Kindern und Karriere entscheiden müssen.

Es ist ein Angebot, das grosse ­Firmen in Zürich für unmoralisch halten – oder es schlicht als «kein Thema» abtun. Dazu gehören Google Schweiz, IBM Schweiz oder Siemens. Auch die kantonale Gleichstellungsbeauftragte Helena Trachsel kennt kein Unternehmen im Kanton, das über eine solche Massnahme zur Förderung von Frauenkarrieren nachdenkt. Sie selbst ärgert sich über das Angebot der amerikanischen Konzerne und findet dafür deutliche Worte (siehe Interview).

Prozedur für 4000 Franken

In der Praxis von Michael Häberle denken die meisten Frauen nicht an die Karriere, wenn sie ihre Eizellen einfrieren wollen. «Sie begründen ihren Wunsch mit dem fehlenden Mann», sagt er. Jede Woche kommen ein bis zwei Frauen zu ihm oder einem seiner Partner, mit denen er die GYN-ART AG führt. In den Geschäftsräumen gibt es nicht nur Untersuchungszimmer, sondern auch ein Labor, das ausgerüstet ist, um Eizellen nach den neusten Erkenntnissen der Wissenschaft einzufrieren. Dort lagern zurzeit die Eizellen von mehreren Dutzend gesunden Frauen.

Ursprünglich bot Häberle das Zelleneinfrieren Krebspatientinnen an, die eine Chemotherapie machen müssen und die Gefahr besteht, dass sie unfruchtbar werden könnten. Aus diesem Grund ermöglichen verschiedene Spitäler und Kliniken das Eizellengefrieren. Doch es seien vermehrt gesunde Frauen mit dem Wunsch vorbeigekommen, sich ihre Fruchtbarkeit für später zu sichern, sagt Häberle. Die Interessentinnen sind meist 35 bis 40 Jahre alt. Zwischen 28 und 37 ist eine Frau im besten Alter, um sich Zellen einzufrieren. Ist sie jünger, ist die Qualität der Eizellen noch nicht so gut. Diejenigen von älteren Frauen sind weniger fruchtbar. Die Behandlung rund um die Zellentnahme und das Einfrieren kostet bei Häberle 4000 bis 5000 Franken, das Aufbewahren 300 bis 400 Franken im Jahr. Wird die Zelle aufgetaut, kommen weitere Kosten dazu: Sie muss im Reagenzglas künstlich befruchtet werden, was gegen 5000 Franken kostet. Keine Krankenkasse zahlt dafür.

Auch am Zürcher Universitätsspital erkundigen sich monatlich einige gesunde Frauen über das Einfrieren. Bisher lagert aber erst eine Frau Eizellen im Labor ein. «Nach dem Aufklärungsgespräch verzichten die meisten Frauen auf die aufwendige und teure Prozedur, deren Erfolg keineswegs garantiert ist», sagt Bruno Imthurn, Chef der Fortpflanzungsklinik. Trotzdem würde er einer Frau das Einfrieren empfehlen – «sofern sie sich bewusst ist, dass der Aufwand gross ist». Das werde im Vorfeld meist unterschätzt. Hier kostet die Behandlung auch deutlich mehr: Um 20 bis 30 Eizellen zu entfernen und einzufrieren, zahlt eine Frau 10'000 bis 20'000 Franken. Hinzu kommen Lagerkosten von 400 Franken im Jahr.

Mit den Eizellen nach Spanien

Das Geschäft mit den gefrorenen Eizellen haben in und um Zürich erst wenige entdeckt. Darunter sind vor allem grössere Praxen wie die GYN-ART und das Kinderwunschzentrum «360 Grad» in Zollikon. Grosse Privatkliniken sind ­zurückhaltend – die Hirslanden-Gruppe bietet das Einfrieren in keiner ihrer Kliniken an. Nur zwei ihrer Spitäler in der Westschweiz arbeiten dafür mit einem externen Labor in Lausanne zusammen. Beim Privatspital Bethanien gibt es ebenfalls einen externen Spezialisten mit einer Praxis im Seefeld.

Bei der Kinderwunschklinik OVA-IVF in Zürich-West empfiehlt man gesunden Frauen fürs Zelleneinfrieren eine Reise nach Spanien. Sie arbeitet mit einer spezialisierten Klinik in Alicante zusammen. Auch bei der OVA-IVF steigt die Nachfrage. Aber sie traut der Gesetzeslage noch nicht und will deshalb keine Eizellen bei sich aufbewahren. Im vergangenen Dezember fällte das St. Galler Verwaltungsgericht zwar ein wegweisendes Urteil und erklärte das Einfrieren für legal. Allerdings nur für fünf Jahre. Danach muss der Vorrat vernichtet werden. Das Dossier für eine Verlängerung dieser Frist liegt beim Schweizer Parlament. Angedacht ist, dass die Frist auf zehn Jahre erhöht werden könnte.

Arzt Häberle lässt seine Kundinnen vor dem Ablaufdatum entscheiden: Entweder ihre Eizellen werden vernichtet oder die Frauen bringen das wertvolle Paket ins Ausland. In Spanien können sie Zellen aufbewahren bis sie 50 sind.


«Das ist heuchlerisch»
Helena Trachsel, die kantonale Beauftragte für die Gleichstellung von Mann und Frau, hält nicht viel vom Einfrieren der Eizellen.

Apple und Facebook bezahlen ihren Mitarbeiterinnen in Amerika das Einfrieren von Eizellen. Ist das die Lösung, um mehr Frauen in die Teppichetagen zu bringen?
Nein!

Wieso nicht?
Auf den ersten Blick wirkt es innovativ, auf den zweiten ist die Botschaft eine andere. Die Firmen geben ihren Mitarbeiterinnen durch: Du verpflichtest dich dem Unternehmen mit Ei und Haar. Sie unterstützen damit das Bild der Frauen, die für eine Karriere auf partnerschaftliche Familienplanung verzichten. Immerhin ist es ein Versuch, damit sich Frauen nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen. Ich finde das Angebot aber heuchlerisch. Und es ist ein Rückschritt.

Inwiefern?
Das aktuelle Thema ist heute, eine geeignete Balance zwischen Beruf und Familie zu finden. Apple und Facebook sagen jedoch: «Wir wollen, dass Frauen zu uns kommen, Karriere machen, aber bitte erst danach Kinder haben.» Als kan­tonale Gleichstellungsbeauftragte ist es mein Ziel, dass Unternehmen eine andere Botschaft aussenden. Es soll den Mitarbeitenden das Gefühl geben: «Ihr seid willkommen mit oder ohne Kind.Wir helfen euch, Familie und Karriere zu vereinbaren.»

Davon sind aber auch Zürcher Firmen noch weit entfernt.
Tatsächlich liegt Arbeit vor uns. Aber inzwischen denken immer mehr Firmen um. Sie merken, dass Mitarbeitende ausgeglichener sind, wenn sie Beruf und Privatleben vereinbaren können und dennoch Aussicht auf eine Karriere haben. Das gilt für Männer und für Frauen.

Sie fordern also, dass Unternehmen in Vaterschaftsurlaub investieren statt ins Einfrieren von Eizellen?
Auf jeden Fall.

Interview: Marisa Eggli (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2014, 22:39 Uhr

Michael Häberle, Arzt und Mitbetreiber der GYN-ART AG

Konservierung

So funktioniert das Einfrieren

Die Kryokonservierung von unbefruchteten Eizellen existiert seit Mitte der Achtzigerjahre. Es verging viel Zeit, bis sich der Prozess etablierte. Im Oktober 2012 verkündete die American Society for Reproductive Medicine, dass die Kryokonservierung nicht länger als experimenteller Prozess gilt. Vor der Entnahme der Eizellen müssen Frauen mit Simulationsspritzen ihre Eierstöcke anregen, um die Reifung der Eizellen zu fördern. Nach dem Eisprung entnimmt der Arzt die Eizellen einzeln. Er punktiert dabei die Scheide mit einer Nadel und saugt die Eizellen ab. Sie werden auf ihre Qualität untersucht.

Anschliessend gefriert sie der Arzt in einem Behälter mit flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad ein. Wichtig ist dabei eine extrem hohe Einfriergeschwindigkeit. Die Eizelle wird in einen glasartigen Zustand überführt, ohne dass sich dabei Kristalle bilden können. Alle physikalischen Prozesse werden im Stickstoffbad angehalten. Die Zel­len können nach Jahren oder gar Jahrzehnten wieder aufgetaut werden. Idealerweise entnimmt der Arzt mindestens 15 Eizellen.
Leben einzufrieren und wieder zu beleben, existiert nicht erst seit der Kryokonservierung. Der nordamerikanische Waldfrosch friert während des Winters mehrfach ein. Bis zwei Drittel der Körperflüssigkeit wird zu Eis. Um zu überleben, hilft ihm ein körpereigenes Frostschutzmittel. (bg)

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