Fialas Verzicht bringt die FDP in die Klemme

Doris Fiala hat für die Stadtratswahlen abgesagt. Und Filippo Leutenegger, der andere FDP-Kandidat mit Strahlkraft, hat jetzt zwar erst recht Ambitionen – doch er muss sich intern den Frauen stellen.

Doris Fiala will nicht von der nationalen auf die Stadtzürcher Bühne wechseln: Die Nationalrätin 2011 nach einer Rede in Dübendorf.

Doris Fiala will nicht von der nationalen auf die Stadtzürcher Bühne wechseln: Die Nationalrätin 2011 nach einer Rede in Dübendorf. Bild: Keystone

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Die städtische FDP strotzt nach der schmerzhaften Niederlage von Marco Camin gegen Richard Wolff (AL) noch nicht vor Selbstvertrauen. Bei der SVP, den Grünen und vor allem bei der SP strecken die Kandidaten selbstbewusst den Finger auf und sagen: «Ja, ich will.» Die FDP dagegen erweckt den Eindruck, dass man sich gegenseitig argwöhnisch beäugt, es wird gepokert und taktiert. Die FDP hat – mindestens – ein Problem: Nach der autoritären Nomination von Marco Camin und der Brüskierung der Frauen um Carmen Walker Späh kann sich die Parteileitung keine weiteren Fehler erlauben. Für die Stadtratswahlen im Februar werden die Kandidaten mindestens so basisdemokratisch ausgelesen wie bei den Linken. Was der Parteileitung als Führungslosigkeit ausgelegt werden kann.

In diese verknorzte Situation bringen wenigsten die FDP-Frauen Bewegung. Vera Lang, die 48-jährige Präsidentin des Schulkreises Glattal, steht offen zu ihren Ambitionen. Die FDP-Frauen haben sie bereits als Kandidatin gemeldet. Auch bei Topkandidatin Doris Fiala ist seit gestern der Schuss draussen: «Nein, ich trete nicht an», sagte die Nationalrätin auf Anfrage. Fiala wurde zugetraut, mit ihrer emotionalen Art einen Vollgas-Wahlkampf führen und als mögliche Kandidatin für das Stadtpräsidium auf Augenhöhe gegen Corine Mauch (SP) antreten zu können. «Ich habe lange mit mir gerungen», sagt Fiala. «Das Zürcher Stadtpräsidium ist das attraktivste Exekutivamt der Schweiz – besser als Regierungsrätin und auch als Bundesrätin.»

«Das kann ich heute nicht beurteilen»

Fiala nennt zwei Gründe für den Verzicht: Sie ist bei ihrer aktuellen Tätigkeit auf nationalem und internationalem Parkett «rundum glücklich». Und sie gibt zu, dass die beiden medialen Affären um ihre Person – die Entschädigung als Präsidentin von Aidshilfe Schweiz und die Plagiatsvorwürfe bei ihrer Masterarbeit – sie durchgeschüttelt haben. «Da wurde wirklich mit harten Bandagen gekämpft.» Exakt 48 Stunden, nachdem sie von den Medien als mögliche Stadtpräsidentin hochgejubelt worden sei, «da kam in allen Medien der gut koordinierte Hammer – das kann kein Zufall sein». Fiala glaubt, dass sie auf nationaler Ebene viel eher «konstruktiv und ohne Kleinkrieg» arbeiten könne.

Wäre Fiala ohne die Plagiatsaffäre angetreten? «Das kann ich heute nicht beurteilen», sagt sie, «die Vorwürfe wurden erhoben und lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen.» Ob ihr die Affäre in der Öffentlichkeit tatsächlich geschadet habe, könnte höchstens eine Meinungsumfrage beantworten. Klar ist für sie jedoch – ob mit oder ohne Plagiatsaffäre: «Corine Mauch sitzt besser im Sattel als auch schon – eine amtierende linke Stadtpräsidentin im rot-grünen Zürich aus dem Sattel zu stossen, wäre extrem schwierig gewesen.»

Europarat versus Trostpreis

Als einfache Stadträtin hätte Fiala dagegen gute Wahlchancen gehabt. Sie wehrt sich zwar vehement dagegen, ein Stadtratsamt als «Trostpreis» zu bezeichnen. «In einer Güterabwägung bin ich jedoch zum Schluss gekommen, dass ich in meiner bisherigen Tätigkeit im Nationalrat und im Europarat mehr bewegen kann als im Stadtrat.» Das einflusslose Schuldepartement zum Beispiel übernehmen zu müssen, wäre kaum nach Fialas Gusto. Zumal sie an vorderster Front für die freie Schulwahl kämpfte. Auch bei einer der prominentesten Forderungen des heutigen Stadtrats, der 2000-Watt-Gesellschaft – tickt Fiala anders. «Da müsste ich den grün-linken Gottesdienst im Stadtrat ganz schön stören.» Als Präsidentin des Kunststoff-Verbandes Schweiz setze sie sich ganz im Gegenteil für günstigen Strom ein.

Wenn Fiala heute von ihrer Tätigkeit in Bern und Europa schwärmt, nimmt man ihr die Begründung für den Verzicht ab. Im Januar 2014 wird sie Präsidentin der Schweizer Delegation im Europarat. «Heute bereise ich die Welt, besuche Flüchtlingslager in Jordanien und beobachte Wahlen in Kirgistan», sagt sie. «Und dieses Sachwissen im Flüchtlingswesen bringe ich in Bern ein.» Deshalb kommt auch eine Ständeratskandidatur im Falle eines Rücktritts von Felix Gutzwiller nicht infrage: «Dann müsste ich meine Aufgabe im Europarat ebenfalls aufgeben. Als weiteren Grund für ihren Verzicht nennt Fiala ihre Aufgabe als Präsidentin der Aids-Hilfe Schweiz. «Die Aufgabe ist ein grösserer Kraftakt, als ich es mir vorgestellt hatte.» In den ersten anderthalb Jahren hat sie 670'000 Franken an privaten Mitteln gesammelt. «Für die Aids-Hilfe brauche ich noch ein weiteres Jahr.»

Leutenegger in Startposition

Der Verzicht von Fiala erhöht die Chance, dass Filippo Leutenegger antritt. Er reagierte gestern nicht auf Anfragen, lässt in seinem Umfeld aber klar durchblicken, dass er an einer neuen Herausforderung interessiert ist, nachdem er bei der «Basler Zeitung» abgesägt wurde. Gegen Corine Mauch dürfte es auch Leutenegger schwerhaben. Ihm ist jedoch zuzutrauen, dass er im rechten Lager als Freisinniger mehr Stimmen holt als ein Verlegenheitskandidat der SVP. Die grösste Hürde für Leutenegger dürfte die parteiinterne Nomination sein, weil ihm als Quereinsteiger bis heute der freisinnige Stallgeruch fehlt.

Dazu kommt, dass Präsident Michael Baumer selbst eine Kandidatur nicht ausschliesst. «Ich bin aber skeptisch, denn ich habe als Präsident eine andere Rolle; einen Wahlkampf korrekt durchzuziehen, ist ebenso wichtig.» Interessant ist auch, was Baumer zu den Ambitionen der Frauen sagt: «Da müssen wir sicher eine Auswahl anbieten.» Das heisst: Diesmal wird es zu einer Ausmarchung kommen – auch wenn der männliche Kandidat Leutenegger heisst.

Erstellt: 29.05.2013, 07:25 Uhr

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