Hintergrund

Filippo im Feindesland, Wolff unter Freunden

Am Limmatplatz im linken Kreis 5 köderte Stadtratskandidat Filippo Leutenegger (FDP) Wähler mit blauer Schokolade, dem Alternativen Richard Wolff (AL) genügten am gleichen Ort seine pinken Flyer.

Auf Stimmenfang am Limmatplatz: Richard Wolff (l.) und Filippo Leutenegger kämpfen um die Gunst der Wähler.

Auf Stimmenfang am Limmatplatz: Richard Wolff (l.) und Filippo Leutenegger kämpfen um die Gunst der Wähler. Bild: Dieter Seeger

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Wahlkampfstrategie Leutenegger:
Zum Dank ein Schulterklopfen

Einen weissen Ballon am Arm und ein Tablett mit Schokolade in der Hand. So geht FDP-Mann Filippo Leutenegger in der Sonne vor der Migros am Limmatplatz auf Stimmenfang. Es ist an diesem Samstagmorgen die zweite Station auf seiner Wahlkampftournee durch die Stadt. Leutenegger – schwarze Jeans, schwarze Regenjacke und schwarze Halbschuhe – strahlt mitten im geschäftigen Treiben. «Herrliches Wetter, sensationelle Reaktionen in Schwamendingen, was will man mehr.» Eine Stunde nimmt er sich Zeit, um im linksten Wahlkreis der Stadt einige Wähler für sich zu gewinnen. Er geht auf alle zu, selbst auf die Gemeinderatskandidaten von SP und SVP, die neben ihm ebenfalls für sich werben. «Nehmen sie nur», sagt er lautstark, aber charmant. Kaum einer schlägt das süsse Angebot aus, schliesslich hat die Kreispartei für den Auftritt ihres Anwärters aufs Stadtpräsidium keinen Aufwand gescheut. Die weissen Truffes in FDP-blauem Zuckermantel und die schwarzen in einem ebenso blauen Schächtelchen sind eine Spezialanfertigung der Confiserie Sprüngli. Einigen steckt Leutenegger einen Flyer zu – denjenigen der Kollegen seiner Kreispartei notabene –, klopft ihnen zum Abschied auf die Schultern und lacht. «Ich mache ja wirklich fast alles in diesem Wahlkampf, aber den Flyer mit meinem Gesicht drauf kann ich nicht selber verteilen», sagt er. Diese Aufgabe hat er seinen Parteikollegen delegiert.

Ein älterer Mann eilt Richtung Laden und ruft Leutenegger zu: «Sie sind zweimal auf meiner Liste.» Der Kandidat winkt erfreut und ruft zurück: «Sehr gut.» Mit einem jungen Vater sucht er das Gespräch und empfiehlt sich als Förderer von Kinderkrippen und Tagesschulen. «Setzen Sie sich fürs schwedische Modell ein», rät ihm der Vater, nimmt dankend ein Truffes und verschwindet im Laden. Der Mann wähle sicher nicht bürgerlich, mutmasst Leutenegger. «Aber meine Argumente haben ihm Eindruck gemacht», sagt er selbstbewusst. Diese Begegnungen seien durchwegs interessant, und sein Gefühl für die Wahl sei deshalb gut. Trotzdem nutzt Leutenegger auch den nächsten Samstag nochmals für die Propaganda in eigener Sache. Am Sonntag absolviere er aber nur noch den offiziellen Teil. Eine Wahlfeier hat er nicht geplant, sagt er. «Feiern ist ohnehin nicht so mein Ding.» Er sei einfach froh, sei er danach für zwei Wochen in den Ferien.

Als Leutenegger noch ein Truffes auf dem Teller hat, ruft ihm eine ältere Dame im Vorbeigehen zu: «Stellen Sie sich vor, ich habe sogar für Sie gestimmt.» Leutenegger eilt ihr hinterher. «Wunderbar, grossartig. Dafür gibts das letzte Truffe.» Sie nimmt es leicht verschämt an, Leutenegger klopft auch ihr als Dank auf die Schulter. Dann gibt er Ballon und Tablett seinen Parteikollegen weiter, verabschiedet sich und eilt zu seiner orangen Vespa. Vor dem Fussgängerstreifen will er gerade den Motor starten, als er sich doch noch anders besinnt. Er steigt ab, stösst sein Gefährt über den Streifen und dreht erst dann den Zündschlüssel. Dann braust er davon zur nächsten Standaktion.


Wahlkampfstrategie Wolff:
Hinstellen und sich der Kritik stellen

«Grüezi, Sie können mich in den Stadtrat wählen», sagt der AL-Politiker Richard Wolff mit unaufdringlich leiser Stimme. Am Nachmittag ist auch der amtierende Polizeivorsteher vor der Migros am Limmatplatz auf Stimmenfang. Wolff drückt den Passanten seinen pink unterlegten Wahlflyer in die Hand, AL-Gemeinderat Niklaus Scherr unterstützt ihn bei der Propaganda. Viele Passanten packen den Flyer dankend ein. Mit auffallend vielen Personen kommt Wolff kurz ins Gespräch. «Ich kann dich nicht mehr streichen», ruft ihm ein Mittfünfziger zu. Wolff hebt als Dank kurz den Kopf. Im Hintergrund steht der Plakatständer mit Wolffs Porträt in Grossformat, auf dem der sanft lächelt. Ein Senior starrt es kopfschüttelnd an. «Mit Biss», wiederholt er leise die Unterzeile, dann trottet er davon. Gewählt hat er noch nicht, er wisse auch noch nicht wen. Vielleicht auch den Wolff. Für den Stadtrat jedenfalls ist klar: «Ich muss mein Gesicht verkaufen. Schliesslich ist das meine Marke.»

Am Himmel sind Wolken aufgezogen. Der Menschenstrom hat abgenommen, und die anderen Parteien haben ihre Stände auf dem Platz längst abgebaut. Wolff gibt sich trotz der negativen Presse der letzten Tage gut gelaunt. Seinen beigen Mantel trägt er salopp offen, seine Füsse stecken in modernen Bergschuhen. «Richi, hoi.» Ein Freund schüttelt Wolff die Hand. Dieser nimmt sich Zeit, mit ihm zu plaudern. Wolff wohnt ganz in der Nähe. Hier kennen ihn viele, hier sind ihm viele wohlgesinnt. Doch selbst auf dem Lindenplatz in Altstetten sei er einige Stunden zuvor nicht ein einziges Mal negativ angesprochen worden, sagt er. «Die Leute schätzen es, dass ich hinstehe und für ein Gespräch bereit bin», sagt er.

Je zwei Stunden ist Wolff an diesem Samstag jeweils an einem Standort. «Das ist lange», räumt Wolff ein, aber es gehe darum, dass ihn die Leute einfach in Erinnerung behalten. Eine Frau ruft ihm im Vorbeigehen zu: «Vielen Dank fürs Has-Konzert.» Wolff freut sich sichtlich und schwärmt vom letzten Mittwochabend. Die Bands Stiller Has und Baby Jail haben neben anderen an der kostenlosen Wahlparty in der Härterei aufgespielt. Tausende seien Schulter an Schulter gestanden. «Es war wunderbar», sagt Wolff, «beste Werbung für uns.»

Dann kommt ein älterer Mann auf Wolff zu. «Gut, dass ich Sie hier treffe», sagt er leicht aufgebracht. Ausgerechnet in seiner Hochburg bekommt Wolff von ihm zu hören, dass er als traditioneller AL-Wähler seine Äusserung, der Schwarze Block sei eine interessante Ergänzung, nicht goutiere. «Wenn Sie mit Medienleuten sprechen, dann müssen Sie sich schon genauer überlegen, was sie sagen.» Er sei deshalb nicht mehr sicher, ob er ihn auf den Wahlzettel schreibe. Wolff hört dem Mann aufmerksam zu und versucht, ihm seine Sicht der Dinge darzulegen. Sein Zitat sei doch aus dem Zusammenhang gerissen beurteilt worden. Nach einer Viertelstunde verabschiedet sich der Mann. «Wolff hat sich zwar meiner Kritik gestellt und damit gepunktet, aber richtig überzeugt hat er mich noch nicht.»

Erstellt: 03.02.2014, 10:38 Uhr

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Wahlkampfproduktion zum Krimi
Der Stadtratskandidat der Grünen, Markus Knauss, muss sich für den Sonntagabend eine neue Beschäftigung suchen. Die «Tatort»-Folgen hat er in den letzten Wochen nämlich immer für die Produktion seiner Knaussli (Wahl-Flyer mit Schokoladenherz) genutzt, wie er erzählt.

Gestern Abend dürfte er nun zum letzten Mal zusammen mit seiner Partnerin Kantonsrätin Gabi Petri den portablen Fernseher auf den Esszimmertisch gestellt und zu den Ermittlungen der Dortmunder Kommissare Faber und Bönisch Schokoladenherzen auf die Flyer geklebt haben. Der grün unterlegte Flyer zeigt ein Bild von Knauss mit Schal und braunem Jackett, wie er einen ebenso braunen Baum berührt. Auf dem Baum klebt das Schoggi-Herz aus biologischer Produktion und fairem Handel.

Knauss macht Zürich grüner, heisst es dazu. Den Preis für seine Sonntagsarbeit wird Knauss nächsten Sonntag vom Wahlvolk erhalten. Bei einem Einzug von Knauss in den Stadtrat bleibt lediglich zu hoffen, dass er künftig nicht während des «Tatorts» seine Dossiers studiert. (ema)

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