Hintergrund

Film aus im Zürcher Kino ABC

Im März nächsten Jahres stellt das Kino ABC seinen Betrieb ein. Nun wird bereits darüber spekuliert, ob ein anderes, prominentes Zürcher Geschäft ins Gebäude einziehen könnte.

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Im Kino ABC läuft zurzeit der Militärklamaukfilm «Achtung, fertig, WK!». Bald ist der Filmspass vorbei, und im Gebäude an der Waisenhausstrasse 2 heisst es: «Achtung, fertig, Lichterlöschen!» Im März nächsten Jahres stellt das Kino ABC seinen Betrieb ein. Damit endet ein grosses Stück Kinogeschichte, das exakt vor hundert Jahren mit dem Kino Orient begann.

Die Kitag, Betreiberin der vier ABC-Säle, wäre gern noch länger geblieben. Doch der Mietvertrag – inklusive Erstreckung – lief aus. Geplant war ursprünglich, dass ein Casinobetrieb ins historische Gebäude zieht. Doch das Grand Casino Baden unterlag 2011 mit seinem Projekt. Den Zuschlag erhielt damals Swiss Casinos Zürich am Standort im Haus Ober nahe dem Stauffacher. Detlef Brose, Geschäftsführer des Grand Casino Baden, sprach von einem «nicht nachvollziehbaren Entscheid».

Besitzerin der Liegenschaft an der Waisenhausstrasse ist die Immobilienfirma PSP Swiss Property. Ihr gehört das gesamte Häusergeviert zwischen Waisenhausstrasse, Beatenplatz, Bahnhofquai und Bahnhofplatz. Einen Spickel an der Waisenhausstrasse 3 besitzt der Kanton Zürich.

«Wir wollen die Immobilie weiterentwickeln», sagt PSP-Sprecher Vasco Cecchini. Auf der Seite Bahnhofquai seien bereits Sanierungsarbeiten im Gange. Doch was geschieht mit dem unter Denkmalschutz stehenden Bau an der Waisenhausstrasse mit den charakteristischen, an Bullaugen erinnernden Fenstern? Ein Entscheid sei noch nicht gefallen, sagt Cecchini. «Wir nehmen eine Gesamteinschätzung der Lage vor.»

Manor bräuchte grössere Fläche

Laut einem Insider, der anonym bleiben will, sollen Pläne für ein Geschäfts- und Warenhaus bestehen. Die Rede ist von einem möglichen Umzug des Warenhauses Manor in das Du-Pont-Haus beim Beatenplatz. Der Mietvertrag von Manor an der Bahnhofstrasse endet im Januar 2014. Danach bestehe eine Option auf eine Verlängerung um mindestens fünf Jahre, sagt Manor-Generaldirektor Bertrand Jungo (TA von gestern). Das bisherige Verlängerungsangebot der Besitzerin des Gebäudes, Swiss Life, ist für Jungo «komplett unrealistisch für den Betrieb eines Warenhauses». Die beiden Parteien tragen ihren Streit deshalb vor dem Mietgericht aus.

Um Manor allerdings ähnliche Dimensionen zu bieten wie an der Bahnhofstrasse, bräuchte es unter anderem noch die Flächen des angrenzenden Gastrobetriebes Movie. Nicolas Kern führt dieses Lokal seit 19 Jahren. Sein Mietvertrag läuft bis 2016. Für das Casinoprojekt wäre er vorzeitig aus dem Vertrag ausgestiegen, weil er dafür finanziell entschädigt worden wäre. Ob er erneut das Movie bei einem entsprechenden Angebot vorzeitig aufgeben würde, lässt er offen. Jungo will nichts dazu sagen, ob das Du-Pont-Haus eine mögliche Option wäre: «Unser Plan B heisst Bahnhofstrasse.» Zur Frage, ob Gespräche mit Manor stattgefunden haben, will sich Cecchini nicht äussern.

Im Raum Bahnhofstrasse gab es bis vor wenigen Jahren noch mehrere Kinos. Das ABC hat neben dem Filmpodium als einziges überlebt. Die Zahl der Kinos ist laut Statistik Stadt Zürich zwischen 1994 und 2011 von 19 auf 16 gesunken, während die Sitzplatzzahl von 9202 auf 10 748 gestiegen ist. Mit dem Einzug des Warenhauses Manor in das Du-Pont-Gebäude schlösse sich ein Kreis: Bereits nach Eröffnung des Hauses im Jahr 1913 befand sich an diesem Standort das Kaufhaus Universum.

Erstellt: 05.11.2013, 06:32 Uhr

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Vom Lagerschuppen zum Lichtspielhaus

In einem alten Lagerschuppen des Konsumvereins beim Beatenplatz zeigte der gebürtige Deutsche Jean Speck um 1900 einem staunenden Publikum die ersten Spielfilme. Die maximale Vorführungsdauer: zehn Minuten. 1911 wurde der Bau abgerissen. Auf dem gleichen Grundstück entstand nach den Plänen der Architekten Haller und Schindler das heutige Du-Pont-Haus, in dem auch das Kino Orient eingebaut wurde. Im Herbst 1913 feierte das opulent ausgestattete Lichtspieltheater Eröffnung. Dem Namen des Kinos entsprechend schmückten die Architekten das Innere mit orientalischen Säulen und Kapitellen sowie bunten Glasscheiben aus. Noch sechs Jahre früher, 1907, hatte Karl Simon seinen Betrieb an der Mühlegasse eröffnet, den er als «Ständiger Pariser Kinematograph Radium» anpries. An das Kino Radium erinnert seit 2008 nur noch der geschützte und aufwendig gestaltete Schriftzug.

Im Kino Orient baute Speck mit dem Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm auch die Inneneinrichtungen um. 1933 verstarb der Lebemann Speck, der dreimal verheiratet war, wobei ihn von seiner dritten Ehefrau 40 Jahre Altersunterschied trennten. Er habe sein ganzes Vermögen verprasst und im Alter von über 70 Jahren als Fürsorgefall geendet, steht in «Kinofieber: 100 Jahre Zürcher Kinogeschichte».

Mit neuen Technologien und veränderten Kundenbedürfnissen folgten weitere Veränderungen. Eine grössere nahm der Architekt W. Stücheli Anfang der 50er-Jahre vor. Mit «3500 Lufthammerstunden» seien «550 Tonnen Stampf- und Eisenbeton aus- und abgebrochen» worden, schrieb die NZZ im Frühjahr 1953. Das ABC löste schliesslich das Kino Orient ab.

Benno Gasser

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