Filmer und Barbetreiber planen Kulturzentrum an der Europaallee

Mit ihrem «Kosmos» wollen Filmemacher Samir und Sphères-Chef Bruno Deckert das moderne Quartier beim Hauptbahnhof beleben. Die Konkurrenz ist nervös.

Hier soll sich dereinst der Kinosaal befinden: Bruno Deckert (links) und Samir auf der Kosmos-Baustelle. Foto: Sabina Bobst

Hier soll sich dereinst der Kinosaal befinden: Bruno Deckert (links) und Samir auf der Kosmos-Baustelle. Foto: Sabina Bobst

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Sechs Kinos, Bistro, Bar, Säle für Vorträge, Konzerte, Lesungen, politische Debatten und Comedy – alles auf 5000 Quadratmetern und drei Etagen: So sieht die Kulturstätte aus, an der bereits gebaut und die 2017 an der Ecke Lager-/Langstrasse eröffnet werden soll. Bauherrin ist die SBB, aber die beiden geistigen Väter sind zwei bekannte Vertreter der Zürcher Kulturszene: Filmemacher Samir und Sphères-Betreiber Bruno Deckert.

Kosmos nennt sich das ehrgeizige Projekt, das an der Schnittstelle von zwei sehr unterschiedlichen Welten steht: die kühle, moderne Europaallee auf der einen, das alte Vergnügungs- und Rotlichtquartier Langstrasse auf der anderen Seite. Gerade dieser seltsame Mix von Sex und Business, von neuem Reichtum und alter WG-Herrlichkeit könnte die Chance für dieses ambitionierte Projekt sein. «Was hier fehlt, ist ein kultureller Mittelpunkt», sagt Samir, «ein Treffpunkt für erwachsene Menschen.»

Die geplante Aussenansicht des neuen Kulturtempels. Visualisierung: E2A

Mit Samir und Deckert könnte es gelingen, die Gegensätze zu überwinden und daraus ein spannendes kulturelles Experiment zu machen. Samir ist der Typ Anreisser, Energiebündel, Filmemacher. Als Filmproduzent und Teilhaber von Dschoint Ventschr Filmproduktion hat seine Firma über 100 Filme produziert. Er weiss, wie der Zürcher Kulturhase läuft – und er hat die richtigen Beziehungen. Wenn er sein Büro verlässt und in die nahe gelegene «Kantine», das Restaurant Volkshaus, wechselt, wird er von allen Seiten begrüsst und geküsst. Den Chräis Chäib kennt er wie seine Hosentasche. «Es gibt keine Strasse, in der ich nicht einmal in einer WG gewohnt habe», lacht er.

Der ideale Vertragspartner

Bruno Deckert hat ebenfalls vorzuweisen, was man in der Wirtschaft einen beeindruckenden Leistungsausweis nennt. Mit Sphères Bar, Buch & Bühne an der Hardturmstrasse hat er bewiesen, dass man Gastronomie und Kultur erfolgreich zusammenführen kann. Er war es, der die SBB auf die Möglichkeit eines Kontrapunktes ihrer etwas gar modernistischen Überbauung aufmerksam gemacht hat. «Geld und Geist» nannte er das Vorhaben ursprünglich.

Samir bekam davon Wind und schlug Deckert eine Partnerschaft vor. Auch seine Performance im Kulturbusiness, wie man im Managerslang sagen würde, lässt sich sehen. In den Achtzigerjahren wurde Samir Mitglied des Videoladen-Kollektivs, er half das legendäre Kulturprojekt Houdini auf die Beine zu stellen. Dabei wurden im Sexkino Walche, das Edi Stöckli gehört, ein Jahr lang anspruchsvolle Filme, Theater und Konzerte vor- und aufgeführt. Später gründete er als Mitglied des Videoladens die Genossenschaft Kino Morgental.

Mit den SBB haben die beiden einen idealen Vertragspartner gefunden. Der Mietvertrag ist auf 25 Jahre abgeschlossen, und das Konzept stammt von Burkhard & Lüthi Architekten. Trotzdem ist nicht alles glatt über die Bühne gegangen. Einige Leute zweifelten bereits daran, dass das schon länger angekündigte Projekt überhaupt noch realisiert wird. «Wir mussten den Innenausbau von Beginn weg neu denken und haben den Zeitrahmen für die architektonisch konzeptionelle Arbeit unterschätzt», gibt Samir offen zu. Will heissen: Die Kulturrakete in den Kosmos hebt mit einem Jahr Verspätung ab.

Unverändert jedoch sind die Ambitionen. «Wir wollen einen Ort des Diskurses schaffen», schwärmt der Filmemacher. «Gesellschaftlich relevante Themen sollen diskutiert und ökonomische und kulturelle Trends verhandelt werden.» Dabei denkt er an Leute wie den amerikanischen Soziologen Richard Sennett, den slowenischen Philosophen Slavoj Zizek oder die US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt. Auch das Sinnliche soll nicht zu kurz kommen. «Comedians, Konzerte, Plattentaufen und Tanz – alles hat Platz», sagt Samir.

Es geht auch ums Verdienen

Das Bistro wird einen zentralen Platz im Kulturtempel einnehmen. Geplant wird für 200 Gäste im Innern, bei warmem Wetter können nochmals so viele auf der Terrasse bewirtet werden. Das ist gut für den Magen – und für das Geschäft. Im Kosmos dürfen sich Hedonismus und Geschäftssinn schamlos vereinigen. «Im Unterschied zu früher haben wir keine Angst mehr zu sagen, dass wir auch Geld verdienen müssen», bekennt Samir.

Apropos Geschäft: Kosmos ist eine Aktiengesellschaft mit über zwei Millionen Franken Eigenkapital. Dieses stammt von kulturaffinen Freunden, die sich mit vier-, fünf- oder sechsstelligen Beträgen daran beteiligt haben. Später werden noch Banken und institutionelle Anleger dazustossen. «Kosmos muss sich selbst finanzieren», sagt Samir. «Nur so können wir unabhängig bleiben.» Er ist zuversichtlich, dass dies auch gelingen wird. «Um mit den SBB ins Geschäft zu kommen, mussten wir einen plausiblen Businessplan abliefern. Dieser wurde anschliessend von drei verschiedenen Instanzen geprüft. Die SBB selbst haben drei Machbarkeitsstudien erstellen lassen, bevor sie sich überhaupt mit uns an einen Tisch gesetzt haben. All diese Überprüfungen haben gezeigt: Kosmos ist durchführbar.»

Schön und gut – aber die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht. Samir und Deckert sind nicht die Einzigen, die Kultur als einträgliches Geschäft entdeckt haben. Nur wenige Hundert Meter weiter Richtung Limmatplatz hat das Kino Riff­raff ebenfalls ausgebaut, und nur wenige Hundert Meter weiter Richtung Wiedikon wird in der Kalkbreite das Kino Houdini nach einem Brandschaden bald wieder seine Pforten öffnen. Gleichzeitig ist die Zahl der verkauften Kinoeintritte rückläufig. Droht da nicht ein Über­angebot?

Die Konkurrenz

Frank Braun von den Neugasskinos, der Besitzerin von Riffraff und Houdini, ist skeptisch. «Es herrscht kein Mangel. Das Zürcher Publikum wird bereits jetzt von einem vielfältigen und gesättigten Angebot verwöhnt», sagt er. Zum gleichen Schluss kommt Beat Käslin von Art­house-Kinos. «Es wird sich zeigen, ob es möglich sein wird, in unmittelbarer Nähe von Riffraff, Houdini und Xenix nochmals neue Kundschaft für ein Kino zu generieren.»

Samir kann diese Bedenken nicht nachvollziehen. «Es gibt mehr als genug gute Filme, aber leider zu wenig moderne und bequeme Kinos», sagt er und weist auf eine für seine Generation erstaunliche Wandlung hin: «Ob Restaurants, Buchläden oder Kinos – letztlich entscheidet der Markt.»

Erstellt: 18.06.2015, 23:23 Uhr

Das grösste Multiplexkino

Mehr Kinos auch im Sihlcity

Der Umbruch bei den Stadtzürcher Kinos geht weiter: Nicht nur Kosmos wird 2017 sechs neue Kinosäle mit 800 Sitzplätzen eröffnen. Viel schneller ist das Arena in Sihlcity unterwegs. Es wird demnächst mit 18 Leinwänden und 2500 Sitzplätzen das erste und grösste Megaplex-Theater in der Schweiz sein. Mitte September werden neben den zehn bisherigen Kinosälen acht weitere mit 500 Plätzen im Untergeschoss eröffnet. Diese Erweiterung wird in einer Pressemitteilung als Ergänzung zum Mainstream-Kino bezeichnet. Sie ermögliche, ein breiteres Filmspektrum, vermehrt Originalversionen sowie Filme mit längeren Laufzeiten zu zeigen. Neben dem Muliplexkino Arena gehören dem Kinokönig Edi Stöckli nicht nur die verbliebenen Stadtzürcher Sexkinos, sondern weitere Multiplexkinos in Freiburg und in Genf. (mq )

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