Sogar die Toiletten sind kommunikationsfördernd platziert

Der 64 Millionen Franken teure Campus Balgrist ist fertig. Die ersten Forscher sind begeistert – aber es gibt für sie eine Auflage.

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Alles, aber wirklich alles ist im Balgrist-Campus auf Kommunikation ausgelegt: Das WC für Frauen befindet sich jeweils am einen Ende eines Stockwerks, dasjenige für Männer am andern Ende. So begegnen die Forscherinnen und Forscher auf ihrem Weg dorthin anderen Kollegen. Der Austausch über das eigene Spezialgebiet hinaus ist einer der Grundgedanken, die Balgrist-Direktor Christian Gerber mit dem neuen Forschungszentrum verfolgt. Dazu kommt die sogenannte Translation, die möglichst rasche Umsetzung von Forschungserkenntnissen in die Anwendung am Patienten. Im Balgrist-Campus arbeiten Forschergruppen der Uniklinik Balgrist mit ETH-Forschern und Industrievertretern zusammen.

Der Bau wurde in nur vier Jahren geplant und realisiert. Laut Gerber war dies nur dank einer privaten Rechtsform möglich. Der Verein Balgrist und die von Gerber im Jahr 2000 ins Leben gerufene Res-Ortho-Stiftung haben zusammen die gemeinnützige Balgrist-Campus AG gegründet, die das Zentrum finanziert und gebaut hat und auch führt. «Die Entscheidungswege waren kurz», so Gerber, «wir konnten frei von politischen Rücksichten nach rein qualitativen Kriterien vorgehen.» Heute Abend wird der 64 Millionen Franken teure Campus eingeweiht. Mit dabei sind grosse Privat- spender wie Hansjörg Wyss, der 14 Millionen Franken gab (TA von gestern), aber auch Vertreter der Zürcher Politik. Aus dem kantonalen Lotteriefonds erhielt die Balgrist-Campus AG 9 Millionen.

Labors gemeinsam nutzen

Das neue Forschungszentrum ist einzigartig. Architekt Daniel Wentzlaff (Basel) hat ein Haus entworfen, das trotz einer Raumtiefe von 28 Metern hell und offen wirkt. Sein Trick: Er hat die technischen Versorgungsräume an die Gebäude­enden gelegt. Im Mittelteil fliesst das Licht durch die hohen, durchgehenden Fensterfronten. Auch an die Vögel hat der Architekt dabei gedacht. Die Fenster sind von der Vogelwarte Sempach geprüft und für gut befunden worden. Mehr als die Hälfte des Raumes – die ­Nettogeschossfläche beträgt rund 7600 Quadratmeter – wird gemeinschaftlich genutzt. So müssen die Forscher die Labors teilweise teilen. Ob das funktioniert, muss sich erst noch weisen. Die Voraussetzungen sind jeden­falls gut, denn die Laborflächen sind gross­zügig bemessen. Auch die Büro­arbeits­plätze in den offenen Halbgeschossen sind gross, sodass sich die Wissenschaftler mit ihren Laptops und Unterlagen ausbreiten können.

Die Gruppe von Biomechaniker Jess Snedeker ist vor zweieinhalb Wochen als erste eingezogen. Sie soll testen, ob alles funktioniert, bevor die andern im Januar nachkommen. «Ich und meine Leute lieben es, hier zu sein», sagt der Amerikaner, nach seinem ersten Eindruck gefragt. Sein altes Büro lag in einem Balgrist-Gebäude aus dem Jahr 1908. Den grössten Vorteil des Campus sieht Snedeker im direkten Kontakt zwischen den verschiedenen Forschern.

Eine Wohnung im Keller

«Bis Mitte 2016 werden wir eine Auslastung von 80 Prozent haben», sagt Thomas Huggler, Geschäftsleiter der Balgrist-Campus AG. Das Kellergeschoss wird zu einem grossen Teil von der ETH belegt. Sie richtet dort unter anderem eine Wohnung ein. In dem sogenannten ­Home­lab untersuchen die Wissenschaftler, was es braucht, damit ein Schwerstbehinderter im Alltag selbstständig leben kann. In einem andern hohen Kellerraum befindet sich das weltweit einzige Gang- und Bewegungslabor, in dem man Bewegungen dreidimensional messen kann. Die Balgrist-Campus AG macht den Mietern nur eine Vorgabe: Sie müssen auf dem Gebiet des Bewegungsapparats forschen.

Orthopädieprofessor Christian Gerber belegt die Wichtigkeit dieser Forschung mit folgenden Fakten: Jährlich gehen in der Schweiz 7,5 Millionen ­Arbeitstage verloren wegen muskulo­skelettaler Verletzungen. Ein Drittel der Menschen im Erwachsenenalter leidet an einem Problem des Bewegungsapparats. «Wir versuchen, die Probleme dieser Patienten zu lösen», sagt Gerber. Vom Spital zum Forschungszentrum sind es bloss 50 Meter.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.12.2015, 21:14 Uhr

«Die Lebensqualität verbessern»

Interview mit Klinik-Direktor
Christian Gerber

Sie sind Orthopädieprofessor und Direktor der Uniklinik Balgrist. Was gab den Anstoss, ein ­Forschungszentrum zu bauen?
Etwa 2005 kamen wir an einen Punkt, an dem wir die Uniklinik vergrössern mussten. Ich beantragte dem Verein Balgrist – unserer Trägerschaft –, dass wir die Forschung mindestens ebenso stark ausbauen müssten wie die Klinik. Denn unser Auftrag ist, die Medizin der Zukunft zu gestalten, und das geht nicht ohne Forschung. Der Verein stand dem Ansinnen sehr positiv gegenüber, erwartete aber, dass ich bei der Beschaffung des nötigen Geldes helfe. Mit der Idee, ein eigenes Forschungsgebäude zu bauen, gingen wir auf Spendersuche. Es gelang uns, zwei Drittel der benötigten 64 Millionen Franken als Drittmittel zu beschaffen, die wir nicht amortisieren müssen. Dieses Geld kommt also voll der Forschung zugute.

Welche konkreten Verbesserungen für die Patientinnen und Patienten erhoffen Sie sich von den Forschern, die im Balgrist-Campus arbeiten?
Eine Gruppe arbeitet an einem Problem der vorderen Kreuzbandchirurgie. Es geht darum, künstliche Sehnen viel besser in den Knochen einheilen zu lassen. Dazu hat die Gruppe ein erfolgversprechendes Implantat entwickelt. Andere Forscher suchen nach Methoden, um die Ausbreitung von Knochenkrebs in den Körper zu verhindern, und sind ­dabei auf gutem Weg. Eine dritte Gruppe entwickelt Verfahren, um geschädigte Muskeln im Schulterbereich zu stabilisieren oder sogar zu regenerieren. Unser Ziel ist immer, die Lebensqualität zu verbessern. Diese hängt entscheidend davon ab, ob ein Mensch Schmerzen hat und ob er sich frei bewegen kann.

Sprechen Sie auch aus eigener Erfahrung?
Ich selber bin nicht als Arzt auf das Fachgebiet Orthopädie gekommen, sondern als Patient. Mit 16 hatte ich eine schwere Halswirbelverletzung. Viele Wochen lag ich mit Schmerzen im Spital, bevor ich operiert wurde. Es war eine gewagte Operation, doch sie gelang. Nachher ging es mir gut, und ich konnte sogar wieder Sport treiben. Unser neuer Campus dient den Patienten, wir betreiben hier keine Forschung um der Forschung willen. Wenn ich in meiner Sprechstunde den dritten Patienten mit demselben Problem sehe, gehe ich hinüber in den Campus und bespreche das mit den Forschern. Zusammen versuchen wir dann eine Lösung zu finden.

Welche Rolle spielt die Industrie im Balgrist-Campus?
Die Ideen der Forscher müssen materialisiert werden, damit sie den Patienten etwas nützen. Deshalb braucht es die Zusammenarbeit mit der Industrie. Bis jetzt haben sich drei Firmen mit Vertretungen eingemietet. Die Medizinaltechnikfirmen sind an der Zusammenarbeit mit uns interessiert. Sie haben zwar auch eigene Forschungsabteilungen, aber sie haben keine Patienten. (Interview: Susanne Anderegg)

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