«Frau Fiala muss ihr Engagement zeitlich begrenzen»

50'000 Franken Jahresentschädigung als Präsidentin einer Hilfsorganisation ist zu viel, meint Zewo-Geschäftsleiterin Martina Ziegerer. Allerdings gebe es Ausnahmen.

Ehrenamt oder Geldquelle? Doris Fiala, FDP-Nationalrätin.

Ehrenamt oder Geldquelle? Doris Fiala, FDP-Nationalrätin. Bild: ZVG/Keystone

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FDP-Nationalrätin Doris Fiala erhält für ihr Engagement als Präsidentin der Aids-Hilfe Schweiz 50'000 Franken jährlich. Ist dies zu viel?
Ohne eine spezielle Erklärung, weshalb die Aids-Hilfe diesen Schritt für nötig hält, finden wir, dies ist zu viel. Andere Organisationen, die eine vergleichbare Grösse aufweisen, bezahlen ihren Präsidenten oft nichts. Bei anderen liegt der Rahmen zwischen 10'000 und 20'000 Franken.

Ist es denn heutzutage nicht schwierig, gute Kandidaten zu finden, die eine derartige Stelle professionell führen können? Solche findet man vielleicht eher, wenn man auch bereit ist, etwas zu bezahlen.
Natürlich ist es nicht immer einfach, die richtigen Leute zu finden. Aber der Vergleich mit anderen Organisationen zeigt, dass es geht. Ehrenamtliche Arbeit schliesst Professionalität ja nicht aus. Die Helvetas, die Caritas oder der WWF bezahlen ihren Präsidenten nichts oder viel tiefere Beiträge. Dennoch sind sie sehr professionell geführt. Allerdings kann es sein, dass in ausserordentlichen Situationen ein stärkeres Engagement als normal nötig ist. Zum Beispiel in einer finanziellen Krisensituation. Allerdings müsste dies an klare Vorgaben geknüpft sein.

Was heisst das?
Grundsätzlich gilt für Hilfsorganisationen auch das Prinzip der Good Governance. Das heisst, dass es einerseits einen operativen Geschäftsleiter gibt und andererseits ein Organ, das diesen kontrolliert, meist also der Präsident. Bei einem zeitlich permanent hohen Engagement der Präsidentin besteht immer die Gefahr, dass operative und strategische Aufgaben vermischt werden und die Gewaltentrennung nicht gewahrt bleibt. Frau Fiala kann ihre Tätigkeiten nicht selbst kontrollieren. Operative Aufgaben, die eine Präsidentin ausnahmsweise übernimmt, sollten deshalb zeitlich begrenzt sein. Ebenso die Zeit, in der sie die Aids-Hilfe mit einer ausserordentlichen Entschädigung aus der Krise führen und den Turnaround schaffen will.

Gibt es denn andere Organisationen, die ihren Präsidenten mehr bezahlen, weil sie sonst keine geeigneten Kandidaten finden?
Das Rote Kreuz hat früher ähnlich argumentiert wie heute die Aids-Hilfe. Einerseits monierte es, dass es keine valablen Kandidaten finde. Andererseits, dass es als Organisation zu gross sei und das Präsidentenamt mindestens ein 50-Prozent-Pensum ausmache. Heute sieht die Situation aber anders aus: Auch das Rote Kreuz bezahlt seiner Präsidentin nur 20'000 Franken jährlich. Zudem muss gesagt werden, dass es auch weit grössere Organisationen als die Aids-Hilfe gibt, die ihren Präsidenten keine Entschädigungen zahlen.

Frau Fiala verteidigt sich damit, dass sie seit Amtsantritt bereits das Dreifache ihrer Entschädigung an Spenden eingebracht hat. Sie ist erst einen Monat dabei. Spricht dies nicht für sie?
Das ist bestimmt kein schlechter Leistungsausweis, wenn ihre Angaben so stimmen. Nur ist es eigentlich nicht die primäre Aufgabe einer Präsidentin, Fundraising zu betreiben. Aber wie gesagt, in einer vorübergehenden, aussergewöhnlichen Situation, ist nichts dagegen einzuwenden. Nur darf kein permanenter Zustand daraus werden.

Ich verstehe Sie richtig: Wenn Frau Fiala ihr gut bezahltes Engagement zeitlich begrenzt, wird die Aids-Hilfe weiterhin Zewo-zertifiziert sein, sonst nicht.
Das entscheide ich nicht alleine. Wir haben von der Aids-Hilfe eine detaillierte Begründung für die hohe Entschädigung verlangt. Die haben wir heute Morgen bekommen. Nun wird an einer Stiftungsratssitzung in der zweiten Märzhälfte entschieden, ob die Begründung mit unseren Vorgaben in Einklang ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.03.2012, 14:07 Uhr

«Ohne Begründung sind 50'000 Franken zuviel»: Zewo-Geschäftsleiterin Martina Ziegerer. (Bild: zvg)

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