Frauen entern den Club

Ein Zürcher Club bestreitet sein Dezember-Programm nur mit Frauen. Darunter DJ Roxanne alias Rosanna Grüter, die schon lange für Gleichstellung im Nachtleben kämpft.

Rosanna Grüter ist eine, die hinsteht und den Mund aufmacht. Foto: PD

Rosanna Grüter ist eine, die hinsteht und den Mund aufmacht. Foto: PD

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Es war ein typischer Satz für Rosanna Grüter. «Wenn man sich so richtig reingibt, dann muss man die Street Parade nicht mehr so doof finden.» Geäussert hat sie ihn als Co-Moderatorin bei der Berichterstattung im Jahr 2015 über die Technoparade für das Schweizer Fernsehen. Und schaut man auf ihren Lebenslauf, sieht man, wie ernst sie das mit dem «Reingeben» meint.

Rosanna Grüter, Jahrgang 1984, geboren und aufgewachsen in Zürich, hat sich schon jung zur öffentlichen Person gemausert. Sie war die Stimme und das Gesicht des jungen SRF. Zusammen mit ihrem Duo-Partner John Bürgin moderierte sie die Sendung «CH Beats», in «Rosanna checkts» klärte sie Kinder auf, sie diskutierte auf Podien mit, moderierte selber solche, legt als DJ auf und äussert sich nicht zuletzt als Social-Media-Figur dezidiert feministisch.

Im Dienst der Gleichstellung

Sie ist eine, die hinsteht und den Mund aufmacht. «Ich äussere mich lieber und gerate damit in eine Diskussion, als dass ich schweige», sagt Rosanna Grüter am Telefon. Sie verbringt noch die letzten Tage in Glasgow, bevor sie nach fast einem Jahr im Ausland wieder nach Zürich zurückkehrt. Ein Job bei Endemol in Köln hat sich als wenig zufriedenstellend herausgestellt. Ab 2020 wird sie selbstständig arbeiten und sich unter anderem als Beraterin für Gleichstellungsfragen an Firmen wenden. Ebenso sind andere, die Gleichstellung betreffende Projekte in Planung. Etwas abseits des Rampenlichts, dafür «stärker im Dienst der Gleichstellung», sagt Grüter. Es sei dies eine neue Art von «sich reingeben».

Der Schritt aus dem Rampenlicht war nicht leicht für sie, aber logisch. «Klar mochte ich die Aufmerksamkeit, die ich als Moderatorin bekam», sagt sie. Doch sei die Freude darüber, in der Öffentlichkeit zu stehen, immer mehr einer Verantwortung gewichen. «Dass ich gehört und gesehen werde, wollte ich sinnvoll nutzen», sagt sie.

Sie hat sich in den letzten Jahren in Dutzende Schlachten geworfen. Oder besser gesagt: Als wache Frau mit einem Gespür für Geschlechterthemen waren die Schlachten unausweichbar. Grüter erzählt von Lohnungleichheit, von Verniedlichungen als DJ, von Beschimpfungen, die sie auf Social Media erfuhr. Aber auch von inneren Stimmen, die ihr sagten, sie könne das nicht.

Doch sie blieb bei ihrer Tätigkeitals DJ hängen, diesieneben ihrem Moderationsjob ausübte. Wobei die Namensgebung für sie schon ein Problem war. Sagt man nun weiblicher DJ? DJane? Oder passt die männliche Form DJ als generisches Maskulinum, bei dem die Frauen mitgemeint sind? Letztgenanntes möchte sie nicht akzeptieren, Zweitgenanntes findet sie unschön («Man sagt ja auch nicht DTarzan»), und weiblicher DJ ist etwas umständlich. Es gibt keine einfachen Lösungen. Aber Handlungen.

Und so stand sie erneut hin und machte. Ihr erstes Booking erhielt sie in der Roten Fabrik. Alles, was man von ihr kannte, war ihre Radiosendung, in der sie ausschliesslich elektronische Musik spielte. «Ich habe mich drei Wochen lang intensiv vorbereitet, Musik besass ich viel», sagt sie. Und es hat funktioniert.

Doch wie immer, wenn man hinsteht und einfach macht, kommen auch die Reibungen. «Als weiblicher DJ muss ich mich oft entweder ganz besonders beweisen, oder man bevorzugt mich, weil ich eine Frau bin», sagt sie. Für die Zukunft wünscht sie sich, alle DJs würden alleine auf ihre Qualitäten hin beurteilt. «Es muss möglich sein, weibliche DJs schlecht zu finden, weil sie schlechte DJs sind, und nicht, weil sie als Frauen angeblich nicht auflegen können.»

Grosse Hallen, kleine Clubs

Es gehe in erster Linie um die Musik, um die Ekstase, darum, dass die Leute eine gute Zeit hätten. Grüters Mittel, das zu erreichen, ist elektronische Tanzmusik, House, Disco, Techno, sie kann grosse Hallen bespielen oder kleine Clubs. Seit einiger Zeit gehört sie Les Belles de Nuit an, einem Zürcher Kollektiv aus weiblichen DJs, mehrheitlich aus der elektronischen Sparte.

So hat sich Rosanna Grüter immer mehr vom Mainstream weg in eine Nische entwickelt. Sie erzählt von den Hip-Hop-Partys, die sie Anfang zwanzig besucht hat. Eines Abends wurde ihr von Männern von hinten zwischen die Beine gegriffen. Als sie wütend aus dem Club stürmte, traf sie auf der Strasse Freunde, die sie mitnahmen in den damals ganz neuen Club Dachkantine. «Ich hätte mich dort nackt ausziehen können, und niemand hätte mich blöd angemacht», sagt sie. Von da an wusste sie, für welche Szene sie Sympathien hat. Mit der Zuneigung vertiefte sich auch ihre eigene Sensibilität für Geschlechterfragen.

Und die hat für Grüter mit dem Frauenstreik noch einmal eine breitere Masse erreicht. «Es läuft heute auch in der ansonsten männlich dominierten Clubszene mehr.» Sie nennt ihren Auftritt nächste Woche im Club Sender, wo den ganzen Dezember nur weibliche DJs auflegen.

Dieses Engagement ist sozusagen das Gegenteil des Massenevents Street Parade. Und es zeichnet auf eine Weise den Weg Grüters in all den Jahren nach. Und wieder gilt, man muss sich nur reingeben, etwas verändern, um alles rundherum nicht allzu doof zu finden.

Erstellt: 14.12.2019, 12:03 Uhr

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Einen Monat lang ausschliesslich Frauen

Während des ganzen Monats Dezember gestaltet der kleine Club Sender sein Programm nur mit Künstlerinnen. Betreiber Christian Gamp möchte damit in erster Linie eine Vorbildfunktion ausüben. «Für viele junge Frauen braucht es noch immer mehr Überwindung aufzutreten als für Männer», sagter. Neben weiblichen DJs und Musikerinnen veranstaltet der Club auch etwa einen DJ-Workshop für Frauen. Er habe sich kurz nach dem Frauenstreikdafür entschieden, das Programm auf diese Weise zusammenzustellen. (dsa)

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