Frech, teuer, ortsunkundig: Die Zürcher Taxi-Misere

Unhöfliche Chauffeure und harte Konkurrenzkämpfe schädigen das Image des Zürcher Taxigewerbes. Jetzt kommt Bewegung in die Diskussion: Der Kanton soll einheitliche Regeln schaffen und durchsetzen.

Eine verfahrene Situation: Besonders chaotisch ist die Situation beim Taxistand am Hauptbahnhof – ausgerechnet da, wo sich viele Touristen ein erstes Bild von Zürich machen (23. Mai 2013). Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

Eine verfahrene Situation: Besonders chaotisch ist die Situation beim Taxistand am Hauptbahnhof – ausgerechnet da, wo sich viele Touristen ein erstes Bild von Zürich machen (23. Mai 2013). Foto: Steffen Schmidt (Keystone)

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Wohlbehütet im Taxi nach Hause, eine Selbstverständlichkeit – könnte man meinen. Berichte von Passagieren lassen im Zürcher Taxigewerbe Wildwest-Mentalität vermuten. Man ­erfährt von Chauffeuren, die kurze Fahrten verweigern. Die nicht einmal wichtige Endstationen der VBZ kennen und unkontrollierte Wutanfälle bekommen. Man hört von Kunden, die bei Preis­reklamationen verbal bedroht werden oder sich ausfällige Bemerkungen anhören müssen. Von Taxihaltern, die während ihrer Freizeit den Wagen mitsamt Lizenz einem Kollegen ausleihen oder nebenbei Sozialhilfe beziehen. Ja gar von Fahrern, die jungen Töchtern eindringlich raten, spätabends nicht mehr allein ein Taxi zu besteigen, weil sie ­sexuell belästigt werden könnten.

Im Zürcher Taxiwesen liegt vieles im Argen, und mitunter glaubt man als Kunde kaum, wie einem geschieht. So erlebte der Werber und TV-Produzent Frank Baumann letzten Winter slapstickwürdige Szenen, als er in das Taxi eines aus Afrika stammenden Fahrers einstieg. Als der Taxichauffeur die verschneite Strasse zu Baumanns Haus in Gockhausen hinauffahren sollte, geriet der Mann in Panik. Er traute sich die Fahrt auf dem glitschigen Untergrund nicht zu. Baumann musste sich selber ans Steuer setzen. Oben angekommen, bezahlte Baumann, gab grosszügig Trinkgeld und verabschiedete sich. Als er aussteigen wollte, bat ihn der Taxifahrer, am Steuer sitzen zu bleiben und ihn wieder die Strasse hinunter zu chauffieren. Baumann tat, was von ihm verlangt wurde, und landete am Toblerplatz, von wo aus er dann mit dem ÖV die Heimreise ein zweites Mal antrat.

Chaotische Lage am HB

Die Missstände im Zürcher Taxigewerbe werden sowohl vom Taxiverband als auch von den grossen Taxizentralen grundsätzlich bestätigt. Besonders chaotisch sei die Situation rund um den Zürcher Hauptbahnhof. «Im HB herrscht Wildwuchs», sagt André Küttel, Geschäftsführer der Taxizentrale 7x7. Dort stehen fast nur sogenannte Anfahrer, die ohne Zentrale fahren und rund die Hälfte aller Taxifahrer ausmachen. Es sind vorab jene, über die sich viele Kunden und Konkurrenten ärgern, weil sie im Unterschied zu den Chauffeuren grösserer Halterbetriebe kaum auf die Einhaltung von Qualitätsstandards getrimmt werden. Für Küttel braucht es deshalb «unbedingt ein professionelles Reklamationswesen». Schulung und Weiterbildung seien unumgänglich.

Die Hauptvorwürfe an die «schwarzen Schafe», wie sie Grégoire Allet, Geschäftsführer der Taxizentrale 444 nennt: unhöfliches Benehmen, mangelnde Ortskenntnisse und das unerlaubte Ablehnen von kurzen Fahrdistanzen. Dabei schreibt die Zürcher Taxiverordnung eine klare Beförderungspflicht auch für kürzeste Distanzen vor. Es werde deutlich zu wenig getan für die «Visitenkarte» Zürichs, monieren die grösseren Taxihalter. Die Schuld dafür orten sie bei den Behörden: «Verantwortlich für die heutigen Zustände in der Stadt Zürich sind der Verwaltungsapparat und die mangelhaften Kriterien, die für eine Zulassung als Taxifahrer verlangt werden», sagt Marianne Ben Salah, Präsidentin des Taxiverbandes Zürich. Das Gewerbe habe selber einfache «­Benimm-dich-Kurse» anbieten wollen, aber die Stadtverwaltung habe das als «Marktzutrittsbehinderung» abgelehnt.

Fast jeder bekommt die Bewilligung

Tatsächlich kann in Zürich jeder eine Betriebsbewilligung fürs Taxigeschäft beantragen. Laut der erst vor einem Jahr revidierten Taxiverordnung genügen ein Taxiausweis der Stadtpolizei und ein fester Wohnsitz in der Schweiz. Darüber hinaus wird lediglich die «Gewähr für eine einwandfreie Betriebsführung» gefordert. Dafür genügt es, sich in den letzten fünf Jahren keine Verfehlungen «im ­Zusammenhang mit der Berufsausübung im Taxigewerbe» geleistet zu haben.

Heute, kritisieren Stadtzürcher Taxibetreiber, würden sie im Markt gegenüber auswärtigen Kollegen benachteiligt. Während Stadttaxis ihre Preise nach unten liberalisiert haben, verlangen auswärtige Chauffeure teilweise deutlich höhere Fixtarife. Zwar dürfen sie in Zürich nicht auf Kundenfang fahren, tatsächlich aber lässt sich das kaum kontrollieren. So gibt es immer wieder Gäste, die reklamieren, weil sie für die gleiche Strecke plötzlich fast 30 Prozent mehr bezahlen mussten.

15 Kündigungen bei 444

Bereits 2012 verlangte eine FDP-Motion im Gemeinderat «höhere Qualitätsanforderungen» für Chauffeure. Doch der Zürcher Stadtrat war dagegen. Der Vorstoss wurde lediglich in Form eines unverbindlichen Postulats überwiesen. Die Probleme im Zürcher Taxiwesen seien zwar «nicht zu verneinen», aber: «Die Qualität des Taxigewerbes muss dem Markt überlassen werden», beschied der Stadtrat dem Parlament. So oder so: Dutzende Reklamationen sind bei allen grösseren Taxibetreibern offen. 15 Kündigungen musste allein die Taxizentrale 444 in letzter Zeit aussprechen, darunter eine wegen sexueller Belästigung eines Fahrgasts: «Es gibt Menschen, die nicht für das Dienstleistungsgewerbe geschaffen sind», sagt Geschäftsführer Allet. Wer sich nicht an die Pflichten halte und «unsere Werte nicht teilen will», werde zweimal verwarnt, danach sehe er Rot. Allet stört es, dass das Image der Branche unter diesen «schwarzen Schafen» leidet, denn es gebe in Zürich auch «einige ganz tolle Cowboys, die unterwegs Betrunkene, Verletzte, Blinde, Kranke und alte behinderte Menschen anständig und freundlich bedienen».

Um bessere Servicestandards durchsetzen zu können, setzt das Gewerbe nun auf den Kanton. Drei Parlamentarier von FDP, SP und BDP brachten gegen den Willen der Regierung eine Motion im Kantonsrat durch. Das Ziel: die Erstellung einer Gesetzesvorlage für eine kantonale Taxiverordnung, die die Zulassungsvoraussetzungen festlegt und eine selbst regulierende Kommission einsetzt. Die Qualitätsgarantie müsse in die Hände eines Branchenverbandes, sagt André Küttel von 7x7. «Die Aufgabe können wir nicht der Stadt überlassen, die Polizei ist damit schlicht überfordert.»

Meldestelle Polizei

Laut Marco Bisa vom Mediendienst der Stadtpolizei kontrollieren Detektive der zuständigen Fachgruppe und uniformierte Beamte die Taxichauffeure regelmässig im Rahmen der «normalen Patrouillentätigkeit». Die Polizei führt aber keine Statistik über die Beschwerden. Taxikunden, die negative Erfahrungen machen, empfiehlt Bisa, sich nach ­jedem Vorfall sofort auf einer Polizeiwache zu melden. Wenn möglich sollte man das Autokennzeichen und die Taxinummer notieren.

Ist der Taxifahrer einer Zentrale angeschlossen, steht überdies auch sein Name inklusive Foto auf dem Magnetschild am Handschuhfach. Und wer keine höheren Landtaxi-Tarife bezahlen will, schaut auf die Taxileuchte, die Stadttaxi erkennt man am Zürich-Wappen.

Erstellt: 25.05.2014, 23:41 Uhr

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