Freispruch nach Epilepsie-Unfall

Die Einzelrichterin sprach einen Franzosen, der am Bürkliplatz 2010 zwei Hobbyfischer totgefahren hatte, vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Auch der Staatsanwalt plädierte für einen Freispruch.

Die Irrfahrt des Autofahrers: Von der Rämistrasse aus (1) fuhr er in Richtung See. Bei der Quaibrücke (2) erlitt der Mann einen epileptischen Anfall. Das Auto fuhr nun führerlos, bis es bei der Schanzengraben-Unterführung von der Strasse abkam und zwei Fischer tödlich verletzte (3).


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Zum folgenschweren Unfall auf dem Bürkliplatz war es am Sonntagmorgen, den 11. Juni 2010, gekommen. Ein heute knapp 45-jähriger Franzose, fuhr mit seinem BMW über die Quaibrücke und prallte unweit der Blumenuhr bei der Fussgängerunterführung der Schanzengrabenbrücke in zwei Hobbyfischer. Ein 34-jähriger Serbe verstarb am Unfallort, ein 60-jähriger Schweizer starb später im Spital.

Gestern hat sich der Franzose vor der Einzelrichterin des Bezirksgerichts Zürich verantworten müssen. Der Vermögensverwalter aus Gockhausen, der inzwischen mit seiner Familie in London wohnt, leidet seit seinem 15. Lebensjahr unter Epilepsie. Das medizinische Gutachten ergab, dass der Mann an diesem Morgen einen epileptischen Anfall hatte – der erste wieder seit vier Jahren. Aufgrund des Gutachtens wollte Staatsanwalt Lukas Wehrli das Verfahren einstellen. Die Ärzte hätten dem Mann die Fahreignung bestätigt, er sei immer unter Kontrolle gewesen. Zudem sei der Anfall ohne ein Vorzeichen – eine so genannte Aura – erfolgt. «Der Vorfall ist eine menschliche Tragödie» ,sagte Wehrli und forderte einen Freispruch.

Dies war insofern überraschend, als Wehrli in der Anklageschrift vom 12. Dezember 2012 noch einen Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung verlangt hatte. Der Beschuldigte sollte dafür mit einer bedingten Geldstrafe von 120'000 Franken (120 Tagesansätze zu tausend Franken) bestraft werden. Eigentlich wollte der Staatsanwalt das Verfahren einstellen. Die Ehefrau eines der beiden Opfer rekurrierte dagegen beim Obergericht. Dieses gab ihr Recht und forderte den Staatsanwalt auf, anzuklagen. Wehrli begründet die Kehrtwende damit, dass er nicht einfach einen Freispruch in die Anklageschrift schreiben wollte, weil dies als Pflichtübung oder Trotzreaktion betrachtet werden könnte. «Ich habe einen Antrag gestellt, hinter dem ich stehen kann, falls das Gericht zu einem Schuldspruch kommt.» Er habe aber die Gründe für einen Freispruch mündlich erläutern wollen.

Alkohol, Stress, Schlafmangel

Die Anklageschrift wirft dem Franzosen vor, den epileptischen Anfall möglicherweise durch folgende drei Faktoren ausgelöst zu haben: erheblicher Alkoholkonsum, Schlafmangel und körperlicher Stress. Der Franzose war am Vortag mit seiner Frau aus den Ferien von Cannes in Südfrankreich nach Gockhausen mit dem Auto gefahren. Am Abend hatten sie mit Freunden noch den kleinen Fussball-WM-Final gefeiert und Alkohol getrunken. Am Morgen fuhr der Beschuldigte gegen 7 Uhr über die Quaibrücke, wo er den epileptischen Anfall erlitt.

Der Verteidiger des Franzosen, der nach dem Unfall seinen Job verloren hatte, und nun in London eine Stelle als Geschichtslehrer sucht, plädierte ebenfalls auf einen Freispruch. Sein Mandant habe nicht viel getrunken; beim ihm wurde nach dem Unfall null Promille gemessen. Er habe in der Nacht vor dem Unfall über sechs Stunden geschlafen und sei nicht unter Stress gestanden. Im Gegenteil, sein Mandant sei erholt aus den Ferien zurückgekehrt.

Opferfamilie nicht versöhnt

Die Rechtsvertreter der Angehörigen der beiden Opfer wollte eine Bestrafung gemäss Anklageschrift. Einer zeigte sich überrascht, dass der Beschuldigte mit dem Staatsanwalt noch einen zweiten Verteidiger habe. Der andere kritisierte, dass beim Franzosen keine Haarprobe gemacht wurde, um den langfristigen Alkoholkonsum festzustellen.

In einem emotionalen Schlussworte sagte der Beschuldigte, dass ihm der Unfall unendlich schmerze: «Es war das erste Mal, dass mich meine Epilepsie «verraten» und mir kein Vorzeichen gegeben hat.» Es habe leider keine Versöhnung mit den Opferfamilien stattfinden können, was er sehr bedaure. Die Einzelrichterin sprach den Mann vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Er sei weder übermüdet, alkoholisiert noch gestresst gewesen. Auch die Experten könnten nicht sagen, was den epileptischen Anfall ausgelöst habe. Sie hofft, dass mit dem Urteil für alle Parteien der schmerzhafte Prozess zu Ende sei. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.05.2013, 16:13 Uhr

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